Sanitätsdienst und Gesundheitswesen starten Großübung für den Ernstfall

Berlin – Der Sanitätsdienst der Bundeswehr und eine lange Reihe von Akteuren des zivilen Gesundheitswesens testen in einer Übung erstmals die Rettungskette und Versorgung verwundeter Soldaten im Rahmen eines NATO-Bündnisfalls. Szenario ist ein Angriff Russlands auf das Baltikum, bei dem der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) als zentraler Hub zur nationalen Patientensteuerung dient.
Im Falle einer Eskalation der Spannungen an der Ostflanke der NATO könnte dem BER tatsächlich die Rolle zukommen, dass verwundete Soldaten – deutsche wie jene von NATO-Verbündeten gleichermaßen – aus Litauen eingeflogen und dort auf militärische wie zivile Gesundheitseinrichtungen weiterverteilt werden.
Die Übung „Medic Quadriga 2026“, die dort von gestern bis Samstag stattfindet, soll deshalb nach Bundeswehrangaben wichtige Erkenntnisse liefern, um die Schnittstellen der Rettungskette der Bundeswehr zur zivilen Seite für die Landes- und Bündnisverteidigung zu optimieren.
Es sei das erste Mal, dass der Patiententransport nach Deutschland und die dortige weitere Patientenversorgung – sowie damit auch die letzten Glieder der Rettungskette – in so einem großen Umfang trainiert werden.
Neben dem Hub in Berlin übt die Bundeswehr zudem die schnelle Verlegung von Sanitätskräften über die Ostsee zur Verstärkung an die NATO-Ostflanke inklusive des Aufbaus und Betriebs einer Behandlungseinrichtung der Ebene 2 in Litauen sowie erstmals auch die strategische medizinische Evakuierung (StratMedEvac) von Litauen nach Deutschland gemeinsam mit der Luftwaffe.
Allein an der Berliner Übung sind mehr als 1.000 Soldatinnen und Soldaten, 250 davon als Verwundetendarsteller, sowie rund 250 zivile Einsatzkräfte beteiligt. Zudem nehmen vier Berliner Krankenhäuser teil: die Charité, das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB), das Vivantes Klinikum Neukölln sowie das Bundeswehrkrankenhaus.
Mehrere Brandenburger Krankenhäuser beteiligen sich ebenfalls. Eingebunden in die Übung sind Kliniken in Potsdam, Brandenburg an der Havel, Frankfurt (Oder), Bad Saarow, Königs Wusterhausen, Cottbus und Lübben.
Ebenfalls involviert ist die Berliner Senatsgesundheitsverwaltung. Sie übt die Einberufung ihres Krisenstabes zur Koordinierung der Maßnahmen, die Abbildung eines vollumfänglichen Lagebildes und die Kommunikation mit den Beteiligten im Rahmen der strategischen Patientenverlegung.
Außerdem ist sie für Aufbau, Koordination und Mitwirkung bei der strategischen Patientenverteilung unter Berücksichtigung der Verletzungsmuster verwundeter Soldaten und der zur Verfügung stehenden spezifischen Ressourcen und Kapazitäten der Berliner Krankenhäuser zuständig.
Ein Schwerpunkt liege dabei auf der Aufgabe, die Patientenverlegung so zu koordinieren, dass die stationäre medizinische Versorgung in den Krankenhäusern im Regelbetrieb möglichst nicht beeinträchtigt wird. Die Übung werde keinen Einfluss auf die notfallmedizinische stationäre Regelversorgung in Berlin haben, versichert die Senatsverwaltung.
„Unser Ziel ist es, auch in langanhaltenden Krisen die stationäre und notfallmedizinische Versorgung der Bevölkerung zuverlässig sicherzustellen“, erklärte Berlins Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, Ina Czyborra (SPD). „Die veränderte Gefährdungslage zwingt uns dazu, die zivile Verteidigung noch stärker in den Blick zu nehmen.“
Brandenburgs BSW-Landtagsfraktion hat deutliche Kritik an der Beteiligung Brandenburger Krankenhäuser an der Bundeswehrübung geübt. „Das hat nichts mehr mit Landesverteidigung zu tun“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Brandenburger Fraktion, Andreas Kutsche. Stattdessen werde die Versorgung verwundeter Soldaten „aus einem Nato-Kriegsszenario“ geübt.
„Hier geht es darum zuerst Verletzte zu versorgen, und die Bevölkerung hintenansteht“, sagte Kutsche, „Bundesweit erleben wir eine Verschiebung: Das Land soll kriegstüchtig gemacht werden.“ Krieg sei aber nicht medizinisch kontrollierbar.
„Brandenburg braucht keine Kriegstüchtigkeit, Brandenburg braucht funktionierende Krankenhäuser“, sagte er. Wenn es um die Versorgung verwunderter Soldaten gehe, sollten besser Bundeswehrkrankenhäuser ausgebaut und Feldlazarette eingerichtet werden, so Kutsche. „Wir wollen den zivilen Schutz der Menschen aufrechterhalten.“
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