Ärzteschaft

Chirurgische Fachgesellschaften: Strategische Vernetzung für mehr Krisenresilienz

  • Mittwoch, 4. März 2026
/nimon_t, stock.adobe.com
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Berlin – Die chirurgischen Fachgesellschaften in Deutschland haben sich vernetzt. Ziel ist es, die Resilienz des Gesundheitswesens und die Bereitschaft für den Krisen-, Bündnis- oder Verteidigungsfall zu verbessern. In Berlin diskutierten sie Maßnahmen und politischen Handlungsbedarf.

In der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft für Resilienz im Gesundheitswesen (CARG) haben sich Ende vergangenen Jahres fast alle chirurgischen Fachgesellschaften zusammengeschlossen – insgesamt elf Verbände von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) bis zur Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Ende November fand die erste Onlinesitzung statt, heute traten die CARG-Mitglieder in Berlin erstmals in Präsenz zusammen.

Ihr Ziel ist die strategische Vernetzung untereinander sowie die Verbesserung der zivil-militärischen Zusammenarbeit, der im Bündnis- oder Verteidigungsfall eine zentrale Rolle bei der Versorgung verwundeter Soldaten, aber auch Zivilisten zukommen würde.

„Die Zeiten sind turbulent, aber wir stehen als Chirurgen und befreundete Fachgesellschaften zusammen“, betonte Felix Walcher, Leiter des Instituts für Public Health in der Akutmedizin (IPHAM) und Vorsitzender der CARG.

Die To-do-Liste ist lang, sie reicht von Fragen der Aus- und Weiterbildung bis zur Beratung der Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik im Rahmen der Erarbeitung des geplanten Gesundheitssicherstellungsgesetzes (GeSiG).

Dazu hat die Arbeitsgemeinschaft dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) bereits ein eigenes Positionspapier übermittelt, in dem sie die aus ihrer Sicht zentralen Regelungsbedarfe ausführt.

Unter anderem fordert die CARG darin eine Stärkung der Traumanetzwerke (TNW) und der dazugehörigen Traumazentren. Die Verteilung von Kriegsverletzten nach dem COVRIIN+/Kleeblatt-Mechanismus habe sich bewährt und müsse weiter gestärkt werden.

Patientenverteilung besprochen

Bund und Länder haben sich hier bereits auf die Patientenverteilung über zentrale Hubs geeinigt, erklärte Generalarzt Benedikt Friemert, Leitender Ärztlicher Direktor und Kommandeur des Bundeswehrkrankenhauses Ulm. Eine solche Verteilung über einen Hub üben Bundeswehr und zivile Einsatzkräfte in dieser Woche das erstmals im Rahmen einer Großübung am Flughafen Berlin Brandenburg (BER).

In jedem TNW müssten zudem jährlich interdisziplinäre und transsektorale Übungen durchgeführt werden, um die erworbenen Fähigkeiten zu erhalten und auszubauen, führte Walcher weiter aus. Dies benötige föderale Koordination und klare politische Mandatierung.

Reservekapazitäten müssten durch langfristige vertragliche Bindung von Dienstleistern für Material und Logistik geschaffen werden. Es müssten regionale Materialdepots angelegt und strukturell an die TNW angebunden werden. Material und Personal müssten dabei in zentralen Datenbanken erfasst werden.

Die Krankenhäuser müssten auch physisch für den Bündnis- und Verteidigungsfall gewappnet werden: Es brauche unter anderem Gefährdungsanalysen für die Standorte, die unter anderem strategische Lage, Vulnerabilität und Umfeld miteinbeziehen, die technische Resilienz müsse gehärtet und Konzepte für die Sicherheit des Personals entwickelt werden. Optimal wäre demnach, bei Neubauplanungen Vorgaben zu entwickeln, die beispielsweise vorsehen, dass 20 Prozent der OP-Kapazität inklusive Intensivversorgung beschusssicher unterirdisch verbracht werden.

Zentrale Fragestellungen drehen sich zudem um die Aus- und Weiterbildung. Hier debattierten die Vertreterinnen und Vertreter der Fachgesellschaften in einem Spannungsfeld aus hoher Spezialisierung im Status Quo bei gleichzeitigem Bedarf nach Generalisten für den Ernstfall. Dieses Spannungsverhältnis aufzulösen, sei eine hoch komplexe Aufgabe, die nur mit Kompromissen möglich sei, waren sich die Teilnehmenden einig.

All diese Themenfelder, von Weiterbildungskonzepten bis zur Lagerhaltung, werden von einer übergeordneten Frage zusammengehalten: der nach einer nachhaltigen und tragfähigen Finanzierung. So würden allein die jährlichen intersektoralen Großübungen Kosten von 50.000 bis 100.000 Euro pro Traumazentrum verursachen, mit Vor- und Nachbereitung rund 400.000 Euro.

Darüber hinaus brauche es klarere Vorgaben für den Ernstfall, insbesondere eine verbindliche Definition der Stadien der Krisenversorgung unter Einbeziehung der Fachgesellschaften. „Wir brauchen eine Priorisierungsmatrix für Notfall-, dringliche, aufschiebbare und elektive medizinische Maßnahmen, die definiert, welcher Eingriff wann vorgenommen werden muss“, erklärte Walcher.

Das BMG teile diese Ansicht. Noch in diesem Jahr solle diese Priorisierungsmatrix erarbeitet werden. Auch hier herrschte Diskussionsbedarf. Es sei von größter Wichtigkeit, dabei Flexibilität und die ärztliche Entscheidungshoheit zu erhalten, mahnte Generalarzt Friemert.

„Ärztliche Entscheidungen sind ärztliche Entscheidungen. Diese Verantwortung müssen wir weiterhin übernehmen“, betonte auch Tim Pohlemann, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Universität des Saarlandes. Die Auf- und Abwärtsverlegung von Patienten könne im SGB V verankert werden, so wie es beispielsweise bei Arbeitsunfällen im SGB VII bereits geschehen sei.

„Wir sollten uns als Fachgesellschaften jetzt auf den strukturellen Weg machen und der Politik vermitteln, was wir brauchen“, unterstrich er. Und gebraucht würden vor allem gut funktionierende, multiprofessionelle, spezialisierte Zentren. „Wir sind europaweit am besten aufgestellt, haben die meisten Krankenhaus- und Intensivbetten. Es ist eine Frage der Koordination und Verteilung.“

lau

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