Schmerzgesellschaft warnt vor Engpässen in der Versorgung von Schmerzpatienten

Berlin – Die Versorgung von Millionen chronisch schmerzkranker Menschen in Deutschland ist durch die geplanten gesundheitspolitischen Reformen in Zukunft gefährdet. Davor warnt die Deutsche Schmerzgesellschaft anlässlich des heutigen Aktionstages gegen den Schmerz.
Insbesondere die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie und die kleineren spezialisierten Einrichtungen geraten der Schmerzgesellschaft zufolge durch die vorgesehenen Sparmaßnahmen unter Druck.
„Krankenhausökonomisch betrachtet ist die multimodale interdisziplinäre Schmerztherapie das schwächste Glied in der Klinik: mit keinem Potenzial auf hohe Rendite und ohne Luft zur Effizienzsteigerung durch kürzere Behandlung von mehr Patienten“, erläuterte der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, Frank Petzke.
Dafür erhielten Betroffene eine notwendige personal- und zeitintensive therapeutische Zuwendung – die für den Erfolg essenziell sei, wie mehrere Experten in einer Veranstaltung zum Aktionstag verdeutlichten. „Deren Abbau wäre fatal“, betonte Petzke.
Im Krankenhausbereich liefen die Sparmaßnahmen voraussichtlich auf Einsparungen beim Personal hinaus. Dabei müssten bei der Schmerztherapie mehrere Akteure zusammenarbeiten, um den besonderen Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden: darunter Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, Pflegende und Fachpersonal aus Physio-, Ergo- und Sporttherapie sowie dem Sozialdienst.
Schon bei der Verabschiedung des Krankenhausreformanpassungsgesetzes zu Beginn des Jahres habe die Politik es versäumt, „die besonderen Anforderungen der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie zu sichern“, so Petzke. Eine spezifische Leistungsgruppe sei nicht eingeführt worden.
Zu späte Diagnosen, ein zu später Behandlungsbeginn und eine zu späte multimodale Versorgung können Petzke zufolge zur Chronifizierung der Krankheitslast führen. Die Folgen reichten von Arbeitsunfähigkeit über Depressionen bis hin zu starken Ängsten und einem erhöhten Pflegebedarf. Das sei auch unter ökonomischen Gesichtspunkten problematisch, da diese Entwicklungen im Endeffekt zu deutlich höheren Folgekosten für das Gesundheitssystem führten.
Die Versorgungslage sei schon jetzt angespannt: Mehrere Millionen Menschen in Deutschland hätten chronische Schmerzen, viele warteten jahrelang auf eine spezialisierte Behandlung, oftmals gebe es keine wohnortnahen Angebote, sagte Petzke, der auch Leiter der Abteilung Schmerzmedizin an der Klinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Göttingen ist.
Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft sind bereits jetzt 22 Prozent der Standorte in ihrer Existenz gefährdet, die 44 Prozent der Fälle der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie versorgen.
Auch die politisch geplanten steigenden Eigenbeteiligungen können für Schmerzpatienten fatal sein: Viele von ihnen sind Petzke zufolge auf Medikamente, Heilmittel, Fahrkosten oder Rehabilitationsangebote angewiesen. Höhere finanzielle Belastungen könnten demnach notwendige Therapien gefährden.
Die Schmerzforschung und die fachbezogene Weiterbildung stehen demnach ebenfalls auf dem Spiel. „Durch die geplante Reform kann die Finanzierung von stationären Aus- und Weiterbildungsstätten in Zukunft nicht mehr ausreichend gesichert sein, was zukunftsweisende und sektorenübergreifende Versorgungsideen massiv einschränkt“, so Petzke.
Psychotherapeutische Versorgung von Schmerzpatienten
Sorgen um die psychotherapeutische Versorgung von Schmerzpatienten macht sich Christiane Hermann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und -forschung (DGPSF). In der Behandlung von Schmerzen kommt der Psychotherapie demnach eine zentrale Rolle zu.
„Derzeit sind zwar 27.800 psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten in Deutschland ambulant tätig, die Wartezeiten für Schmerzpatientinnen und -patienten sind jedoch häufig sehr lang – zumal viele von ihnen nicht schwerpunktmäßig Patientinnen und Patienten mit Schmerzerkrankungen behandeln oder nicht ausreichend für die Behandlung von Menschen mit chronischen Schmerzen qualifiziert sind“, sagte Hermann, die auch Leiterin der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen ist.
Es sei dringend notwendig, dass ausreichend Versorgungskapazitäten zur Verfügung stünden. „Das kann beispielsweise gelingen, indem ausreichend Psychotherapeutinnen und -therapeuten eine Weiterbildung in spezieller Schmerzpsychotherapie absolvieren“, sagte sie.
Eine wichtige Rolle in der Schmerztherapie nehmen nach Vera Lux, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) auch Pflegefachpersonen ein. „Pflegefachpersonen sind diejenigen, die Schmerzen erkennen, einschätzen und täglich mit den Patientinnen und Patienten daran arbeiten, sie zu lindern“, sagte sie.
Problematisch seien jedoch der zunehmende Zeitdruck, Personalmangel und eine wachsende Komplexität der Fälle bei gleichzeitig steigendem Versorgungsbedarf und strukturellen Defiziten. Schmerzmanagement sei keine Nebenaufgabe, sondern eine Kernaufgabe der professionellen Pflege, betonte sie. Es erfordere Qualifikation und Zeit, komplexe Schmerzsituationen zu erfassen und zu behandeln.
Patienten äußerten ihre Schmerzen nicht immer direkt, weshalb sie beobachtet, begleitet und richtig eingestellt werden müssten. Eine besondere Bedeutung kommt demnach auch der nicht medikamentösen Therapie zu. Diese komme jedoch oft zu kurz, weil das Pflegepersonal zu wenig Zeit habe, so Lux. Durch die geplanten Maßnahmen auf politischer Ebene werde sich das Problem weiter verschärfen.
„Wenn das Pflegebudget im Krankenhausbereich gedeckelt wird und tarifliche Vergütungen für Pflegefachpersonen nur noch anteilig refinanziert werden, wird dies unweigerlich zu weniger Pflegepersonal führen. Weniger Personal bedeutet weniger Zeit für die pflegerische Versorgung – und damit auch weniger Zeit für eine qualitativ hochwertige Schmerzversorgung“, sagte Lux.
Zusätzlich müsste das Pflegepersonal verstärkt pflegefremde Tätigkeiten übernehmen. „Diese Entwicklung bindet wertvolle Zeitressourcen, die dann für die eigentliche pflegerische Kernaufgabe fehlen. Gerade im Schmerzmanagement, das von kontinuierlicher Beobachtung, Kommunikation und individueller Anpassung lebt, führt dies zu erheblichen Qualitätsverlusten“, betonte sie.
Lux plädierte daher unter anderem für eine konsequente Umsetzung und Anerkennung pflegerischer Vorbehaltsaufgaben, die Einbindung spezialisierter Schmerzpflege in allen Versorgungsbereichen und die Sicherstellung ausreichender personeller und organisatorischer Ressourcen.
Der von der Deutschen Schmerzgesellschaft initiierte Aktionstag findet jährlich am ersten Dienstag im Juni statt. Ziel ist es, auf die Situation von Schmerzpatienten hinzuweisen, über Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären und das öffentliche Bewusstsein zu stärken. Angaben der Schmerzgesellschaft zufolge können sich Schmerzpatienten heute in rund 150 schmerztherapeutischen Einrichtungen informieren und beraten lassen. Mehr als 100 Schmerzexperten bieten darüber hinaus Gespräche über eine kostenfreie Hotline an.
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