Social-Media-Verbot: Jugendliche in Australien umgehen Altersbeschränkungen

Callaghan – Es gibt kaum Hinweise darauf, dass weniger Jugendliche Social-Media-Plattformen aufgrund von Australiens Verbot für unter 16-Jährige nutzen. Die derzeitigen Altersverifikationsprüfungen seien „suboptimal“ und würden von vielen unter Jugendlichen umgangen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im British Medical Journal (BMJ) veröffentlichte Analyse von Befragungsdaten (2026; DOI: 10.1136/bmj-2026-363695).
Die Hauptautorin der Analyse, Courtney Barnes, School of Medicine and Public Health, University of Newcastle, Callaghan, räumt zwar ein, dass gesetzliche Änderungen Zeit brauchen, um Wirkung zu zeigen. Jedoch seien die derzeitigen Altersverifikationsprüfungen der Plattformen unzureichend und viele unter 16-Jährige würden diese Beschränkungen aktiv umgehen.
Wegen Sorgen über negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aufgrund der Social-Media-Nutzung erwägen oder führen Regierungen weltweit altersbasierte Beschränkungen ein. Deutschland diskutiert gegenwärtig ein Social-Media-Verbot für Heranwachsende. Belastbare empirische Daten zu deren tatsächlichen Auswirkungen im Alltag sind jedoch rar.
Im Dezember 2025 führte Australien als erstes Land weltweit eine nationale Regelung ein, die Social-Media-Plattformen – darunter TikTok, X, Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat – dazu verpflichtet, angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um zu verhindern, dass Jugendliche unter 16 Jahren dort Konten besitzen.
Um die ersten Auswirkungen dieser Regelung zu bewerten, befragten die Autorinnen und Autoren 408 australische Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren zu ihren Social-Media-Gewohnheiten in den vergangenen sieben Tagen – unmittelbar vor Einführung der Beschränkungen und erneut drei Monate später. Erfasst wurden unter anderem tägliche versus nicht tägliche Nutzung sowie die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer.
Außerdem wurden die Jugendlichen gefragt, wie sie auf soziale Medien zugreifen, welche Erfahrungen sie mit Altersverifikationsprüfungen der Plattformen gemacht haben und welche Versuche sie unternommen haben, diese zu umgehen. Zur besseren Einordnung der Ergebnisse wurden zudem demografische Daten wie Alter, Geschlecht sowie kulturelle und sprachliche Vielfalt erhoben.
Die Autoren stellten fest, dass bei der Nachbefragung mehr als 85 Prozent der Teilnehmenden unter 16 Jahren angaben, Social-Media-Plattformen zu nutzen, die unter das Gesetz fallen – meist über eigene Konten (54 bis 67 Prozent).
Von denjenigen berichteten 66 Prozent, mit Altersverifikationsprüfungen der Plattformen konfrontiert worden zu sein, am häufigsten mit der Selbstauskunft zum Alter (24 bis 39 Prozent) und dem Hochladen eines Fotos („Selfie“; 13 bis 27 Prozent).
Auch Versuche, die Beschränkungen zu umgehen, wurden berichtet, etwa durch die Nutzung eines „Fake“-Kontos (15 bis 19 Prozent) oder den Zugriff über einen privaten beziehungsweise Inkognito-Browser (sechs bis elf Prozent).
Zwischen Studienbeginn und der Nachbefragung nach drei Monaten blieb die tägliche Social-Media-Nutzung bei den zwölf- bis 13-Jährigen stabil, ging bei den 14- bis 15-Jährigen etwas zurück (von 78 auf 69 Prozent) und stieg bei den über 16-Jährigen an (von 80 auf 89 Prozent).
Die täglich mit sozialen Medien verbrachte Zeit blieb bei den zwölf- bis 13-Jährigen und bei den über 16-Jährigen zwischen Ausgangsbefragung und Nachbefragung relativ stabil, war bei den 14- bis 15-Jährigen bei der Nachbefragung jedoch geringer.
Es handelt sich um Beobachtungsdaten, und Autorin Barnes räumt ein, dass die Stichprobe klein war, sich auf einen australischen Bundesstaat (New South Wales) konzentrierte und auf Selbstauskünften beruhte. All dies könne die Genauigkeit und Übertragbarkeit der Ergebnisse beeinflusst haben.
Die Ergebnisse blieben jedoch auch nach weiteren Sensitivitätsanalysen konsistent, was auf ihre Robustheit hindeute. Die Studie liefere daher „wichtige frühe Erkenntnisse, die die Weiterentwicklung staatlicher Maßnahmen und künftige Schritte zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden unterstützen können“, so die Wissenschaftlerin.
In einem begleitenden Editorial im BMJ betont Amrit Kaur Purba, Digital Determinants of Health Hub, Faculty of Public Health & Policy, London School of Hygiene & Tropical Medicine, dass die Ergebnisse wertvolle frühe Signale liefern (2026; DOI: 10.1136/bmj-2026-100017).
Es müsse jedoch unbedingt zwischen der Wirksamkeit einer politischen Maßnahme und ihrer Umsetzung unterschieden werden. Weit verbreitete Umgehungsstrategien und geringe Regelbefolgung erschwerten es, das tatsächliche Potenzial einer solchen Politik zu beurteilen.
Purba schließt mit der Forderung, künftige Forschung solle Faktoren wie die Qualität der Umsetzung oder eine mögliche Verlagerung auf andere Plattformen untersuchen. Um die langfristigen Auswirkungen zu bestimmen, sei zudem ein systematisches Monitoring nötig, das erfasst, wie sich Menschen anpassen und welche unbeabsichtigten Folgen im Zeitverlauf entstehen.
„Die beiden in der Studie am häufigsten berichteten Altersverifikationsverfahren – Eingabe des Alters und Hochladen eines Selfies – sind inhärent unsicher und können sehr leicht umgangen werden“, erklärte Markus Dürmuth, Professor für Usable Security, Universität Hannover, auf Nachfrage des Science Media Center (SMC).
Darüber hinaus scheine es nach Auskunft der Studienteilnehmenden regelmäßig möglich zu sein, einen bereits vorhandenen Account nach Einführung des Verbots weiter zu benutzen, ohne diesen verifizieren zu müssen.
„Auch aufwendigere Verfahren als Altersangaben oder Selfie-Prüfungen bieten aus meiner Sicht keinen wirksamen Schutz. Technische Sperren können motivierte Jugendliche kaum aufhalten“, sagte Tibor Jager, Professor für IT-Sicherheit und Kryptografie, Bergische Universität Wuppertal, dem SMC.
Wer eine Sperre umgehen möchte, könne etwa einen VPN-Dienst, fremde Accounts oder das Handy von Eltern oder älteren Geschwistern nutzen. „Und erfahrungsgemäß finden Jugendliche oft noch weitere kreative Wege, technische Hürden zu umgehen“, betonte Jager.
Altersverifikation könnten Jugendliche darüber hinaus auf Plattformen mit noch problematischeren Inhalten verdrängen, zum Beispiel auf Dark-Webseiten, die außerhalb des Einflussbereichs der Altersverifikation liegen. „Dann würde die Altersverifikation genau das Gegenteil dessen erreichen, was sie eigentlich erreichen will“, so Jager.
Verbote entfalteten aber auch bei unvollständiger technischer Umsetzung ihre Wirkung, betonte Dürmuth: „Sie geben Eltern ein Mittel an die Hand. Und die dahinterstehende Diskussion kann Bewusstsein für die Problematik wecken.“ Ob solche Effekte im Fall von Australien eine Wirkung zeigen, werde man frühestens in der geplanten Follow-up-Studie sehen.
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