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Suchtartige Smartphone-Nutzung: Nutzungsverhalten kann gegengesteuert werden

  • Montag, 12. Oktober 2026
/Gorodenkoff, stock.adobe.com
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Berlin – Problematische Smartphone-Nutzung ist ein wachsendes Problem mit negativen Folgen insbesondere für die psychische Gesundheit. Vielen Menschen sind die Auswirkungen ihres Nutzungsverhaltens aber nicht bewusst.

Mediensuchtprävention solle daher stärker in der gesundheitlichen Prävention verankert werden auch unter Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz (KI), die eine  problematische Nutzung erkennen könne, mahnten heute Fachleute in einer Online-Pressekonferenz, bei der Vorstellung des Forschungsprojekts KiQuNu (Ki-basiertes Verfahren zur Bestimmung der Qualität des Smartphone-Nutzungsverhalten).

Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) geförderte Projekt hat untersucht, ob problematische Smartphone-Nutzung und -Abhängigkeit durch die Analyse von Nutzungsdaten vorhergesagt werden kann. Die Ergebnisse waren positiv.

„Intensive Smartphone-Nutzung ist mit körperlichen Beschwerden, Schlafproblemen, Leistungsabfall, sozialen Konflikten sowie mit mehr Depressions-, Angst- und Stresssymptomen und geringerem Wohlbefinden assoziiert“, konstatierte Julia Brailovskaia, Professorin an der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum. Im Durchschnitt verbringen Menschen ihr zufolge im Durchschnitt 4, 4 Stunden täglich an ihrem Smartphone, mit Ausschläge nach oben von bis zu 16 Stunden.

Gut beschriebenes Syndrom

Brailovskaia beschrieb die sogenannte Smartphone-Sucht als noch nicht formal diagnostisches, aber gut beschriebenes Syndrom mit Merkmalen wie Salienz, Toleranzentwicklung, Stimmungsregulation über das Smartphone, Rückfällen, Entzugssymptomen und Konflikten im Alltag.

Die Professorin berichtete von einer experimentellen Studie aus dem Jahr 2020, die zeigte, dass bereits bei einer Begrenzung der Nutzungszeit von einer Stunde pro Tag, die emotionale Bindung an das Gerät und die Ausprägung suchtähnlicher Nutzungsmuster sanken.

Gleichzeitig stiegen Lebenszufriedenheit und körperliche Aktivität, während depressive Symptome zurückgingen. „Insgesamt erwies sich die kontrollierte Reduktion in mehreren Variablen als langfristig stabiler oder günstiger als der vollständige Verzicht“, sagte Brailovskaia.

Eine zweite experimentelle Studie aus 2024 baute der Psychologin zufolge auf diesen Befunden auf und ergänzte die Reduktionsstrategie um einen aktiven Offline-Gegenpol, nämlich körperliche Aktivität. Hintergrund sei die Annahme gewesen, dass Smartphone-Nutzung oft der Emotionsregulation diene und deshalb nicht nur reduziert, sondern auch durch alternative positive Aktivitäten ersetzt werden sollte.

In dieser Studie wurden arbeitstätige Erwachsene vier Gruppen zugeteilt: einer Kontrollgruppe, einer Reduktionsgruppe mit einer Stunde weniger Smartphone-Nutzung pro Tag, einer Aktivitätsgruppe mit 30 Minuten mehr körperlicher Aktivität pro Tag und einer Kombinationsgruppe mit beiden Maßnahmen.

Erfolge sichtbar

In allen Interventionsgruppen gingen Brailovskaia zufolge depressive Symptome zurück, während wahrgenommene Kontrolle, psychisches Wohlbefinden und eine bessere Work-Life-Balance zunahmen. Die deutlich stärksten Effekte zeigten sich in der Kombinationsgruppe von reduzierter Nutzungszeit und körperlicher Aktivität.

„Für die Praxis wird daraus abgeleitet, dass zunächst ein Bewusstsein für das eigene Nutzungsverhalten geschaffen werden sollte, um dann vor allem problematische Nutzungsformen – insbesondere Social Media – gezielt zu reduzieren und durch gesundheitsförderliche Alternativen zu ersetzen“, sagte die Expertin.

Im Forschungsprojekt KiQuNu wurde ein KI-basiertes Screeningverfahren entwickelt, das problematische Smartphone-Nutzung nicht nur über die Nutzungsdauer, sondern über die Qualität der Nutzung erfassen soll, berichtete Boris Gauss, Geschäftsführer des Unternehmens Detoxi Health, das das Forschungsprojekt durchführte.

Grundlage sei eine Datenspende-App für Android gewesen, mit der über zwei Wochen Nutzungsdaten und zusätzliche Sensordaten wie Umgebungslicht, körperliche Aktivität, Nutzung im Gehen oder Ladeverhalten erhoben wurden.

Insgesamt nahmen Gauss zufolge 1.285 Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren an der Studie teil; die Daten wurden zusätzlich mit validierten Fragebögen zur problematischen Smartphone-Nutzung und psychischen Gesundheit verknüpft. Mithilfe von Machine-Learning-Verfahren sollten daraus Muster erkannt werden, die eine objektivere Risikobewertung und ein späteres Feedback für Nutzende ermöglichen, erläuterte er.

Die Auswertung habe gezeigt, dass 31 Prozent der Teilnehmenden eine problematische beziehungsweise suchtartige Smartphone-Nutzung aufwiesen – also fast jede dritte Person. Geschlechtsunterschiede fanden sich nicht, wohl aber ein deutlicher Alterseffekt: Bei den 18- bis 29-Jährigen war mehr als jede zweite Person betroffen, bei den 30- bis 39-Jährigen noch rund 40 Prozent; mit zunehmendem Alter nahm der Anteil deutlich ab.

Die gemessene Smartphone-Nutzungszeit lag im Median bei 4,5 Stunden täglich, mit einem Schwerpunkt in den Abendstunden. Im Durchschnitt erhielten die Teilnehmenden 128 Mitteilungen pro Tag, was als erheblicher Ablenkungsfaktor bewertet wurde.

Als häufige negative Folgen wurden demnach vor allem Konzentrations- und Gedächtnisprobleme sowie Nacken- und Rückenschmerzen berichtet. Zudem zeigten sich signifikante Zusammenhänge zwischen problematischer Smartphone-Nutzung und Angst, Depression, Stress, Fear of Missing Out sowie einer insgesamt schlechteren psychischen Gesundheit.

„Die Ergebnisse bestätigen damit frühere internationale Befunde und liefern aktuelle Daten für Deutschland. Aus unserer Sicht spricht dies dafür, Mediensuchtprävention stärker als Thema der gesundheitlichen Prävention zu verankern und zugleich die Gestaltung sozialer Plattformen stärker zu regulieren“, konstatierte Gauss.

Die KiQuNu-Studie habe gezeigt, dass ein passives, verhaltensbasiertes und erklärbares Screening für problematische Smartphone-Nutzung machbar sei, urteilte Matthias Kramer vom OFFIS – Institut für Informatik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Als niedrigschwelliges Screening- und Präventionsinstrument könne es in bestehende Anwendungen integriert werden, oder auch als eigenständige App entwickelt werden. 

PB

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