Suizidzahlen in Deutschland steigen deutlich

Berlin – In Deutschland haben sich die Suizidzahlen im vergangenen Jahr deutlich erhöht. Nach der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes starben 2025 11.334 Menschen durch Suizid. Das waren 962 mehr als im Vorjahr beziehungsweise ein Anstieg von 9,27 Prozent.
Geschätzt weit mehr als 100.000 Menschen unternahmen im vergangenen Jahr zudem einen Suizidversuch. Ferner verloren mehr als 68.000 Menschen einen ihnen nahestehenden Menschen durch Suizid.
Für das Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro) und die Deutsche Akademie für Suizidprävention (DASP) ist diese Entwicklung ein Warnsignal.
Vehement fordern sie ein stärkeres finanzielles Engagement der Politik für die Suizidprävention. „Es ist Zeit, in die Suizidprävention zu investieren – auch finanziell“, so Georg Fiedler von der Deutschen Akademie für Suizidprävention.
„Wer über einen Suizid nachdenkt, muss schnell und einfach Unterstützung finden“, fordert Fiedler. Suizidprävention müsse Menschen in ihrem Alltag ebenso wie im Gesundheitswesen erreichen. „Der Zugang zu Unterstützung darf weder von einem bestimmten diagnostischen Schweregrad abhängen noch an mangelnden Ressourcen oder Budgetgrenzen scheitern.“
Zunahme assistierter Suizide
Die vermehrten Suizide fallen zeitlich mit einer deutlichen Zunahme assistierter Suizide zusammen. Drei Suizidhilfeorganisationen meldeten für das vergangene Jahr 1.287 begleitete Suizide, nach 977 im Vorjahr.
Assistierte Suizide werden in der bundesweiten Todesursachenstatistik zwar nicht gesondert ausgewiesen. Die verfügbaren Daten begründen für das Nationale Suizidpräventionsprogramm und die Deutsche Akademie für Suizidprävention jedoch die Vermutung, dass die zunehmende Suizidassistenz zum Anstieg der Suizidzahlen beiträgt, vor allem bei Frauen.
Beide Organisationen fordern deshalb eine bundesweit einheitliche und unabhängige Erfassung assistierter Suizide. Die DASP beteiligt sich am Forschungsprojekt „RegAS – Register für assistierte Suizide“, mit dem eine bundesweite systematische Dokumentation aufgebaut werden soll.
Zudem dürfe sich die Politik nicht darauf beschränken, die Bedingungen der Suizidassistenz zu diskutieren. Sie müsse auch dafür sorgen, dass Menschen in suizidalen Krisen frühzeitig erreichbare Unterstützung und Alternativen fänden.
Hilfsangebote nötig
Notwendig seien verlässlich finanzierte und dauerhaft gesicherte Hilfsangebote, die Menschen in suizidalen Krisen möglichst früh erreichten. Dazu gehörten neben der medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung insbesondere niedrigschwellige Beratungsangebote und regionale Netzwerke, die vielfach von zivilgesellschaftlichen Organisationen getragen würden.
Besorgniserregend ist für NaSPro und DASP vor allem auch eine deutliche langfristige Trendwende. Nach einem jahrzehntelangen Rückgang steigen die Suizidzahlen seit 2021 wieder an. Innerhalb von vier Jahren erhöhte sich die Zahl um rund 23 Prozent.
Dabei unterscheidet sich das Suizidgeschehen regional erheblich. Die höchsten Suizidraten wurden 2025 in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Bremen registriert. Die niedrigsten Suizidraten verzeichneten das Saarland und Nordrhein-Westfalen. Besonders stark stiegen die Raten gegenüber dem Vorjahr in Hamburg und im Saarland. Lediglich in zwei Bundesländern ging die Suizidrate zurück.
Die Mehrheit der Suizide entfiel 2025 auf ältere Menschen. Aber auch bei jungen Menschen wurden 2025 höhere Zahlen registriert. Besonders deutlich war der Anstieg bei Mädchen im Alter von 15 bis unter 20 Jahren.
Auch wenn der Anstieg der Suizide bei Frauen insgesamt besonders deutlich ist: Männer stellen weiterhin die Mehrheit der Suizidopfer. Von den 11.334 Todesfällen im Jahr 2025 entfielen 7.846 auf Männer und 3.488 auf Frauen.
Gleichzeitig gestaltete sich jedoch die Entwicklung bei Männern und Frauen in den vergangenen Jahren unterschiedlich. Seit 2020 stieg die Zahl der Suizide bei Frauen um 54 Prozent, bei Männern dagegen um 13 Prozent. Zur Erinnerung: 2020 kippte das Bundesverfassungsgericht auch das Verbot der geschäftsmäßigen Suizidassistenz.
Besonders auffällig ist der Anstieg der Todesfälle durch Selbstvergiftung mit Arzneimitteln und anderen Substanzen seit dieser Zeit. Bei Frauen erhöhte sich deren Zahl allein von 2024 auf 2025 von 1.073 auf 1.593. Damit entfällt rechnerisch nahezu der gesamte Anstieg der Suizidzahlen bei Frauen auf diese Gruppe von Todesursachen. Barbara Schneider vom NaSPro bezeichnete diese Entwicklung als besonders besorgniserregend und verwies auf den Bedarf an gezielten und gut erreichbaren Unterstützungsangeboten für diese Gruppe.
Auch nach weiteren bereits vorliegenden Daten sind bei Frauen assistierte Suizide häufiger als bei Männern. Für Bayern weisen beispielsweise Angaben des Landesamtes für Statistik darauf hin, dass zwischen 2020 und 2024 rund 63 Prozent der durch assistierten Suizid Verstorbenen Frauen waren.
Zahl der Anfragen nach Suizidassistenz steigt ebenfalls
Zudem erhalten in Deutschland immer mehr Ärztinnen und Ärzte Anfragen nach Suizidassistenz. Zugleich wächst ihre Unsicherheit im Umgang damit, wie eine jetzt im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Studie der Universitätsmedizin Halle zeigt. Für sie wurden im Jahr 2024 mehr als 600 Ärztinnen und Ärzte befragt und die Ergebnisse mit Daten aus dem Jahr 2013 verglichen.
„Wer Hilfe bei der Selbsttötung sucht, wendet sich häufig an Menschen in Gesundheitsberufen. Gleichzeitig herrscht dort oft keine Klarheit darüber, wie verantwortbar mit Entscheidungen am Lebensende umgegangen werden kann. Trotz langjähriger Debatten sind viele Fragen offen, nicht zuletzt, weil bislang nur wenige empirische Daten zur Praxis in Deutschland vorliegen“, erklärt Jan Schildmann, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universitätsmedizin Halle.
Gemeinsam mit Forschenden aus dem DFG-geförderten „Forschungsnetzwerk Suizidassistenz“ untersuchte sein Team deshalb die ärztlichen Einstellungen zur Suizidassistenz und die konkreten Handlungspraktiken am Lebensende. Im Sommer 2024 führten sie eine anonyme Befragung in den Landesärztekammern von Sachsen, Thüringen, Schleswig-Holstein und dem Saarland durch.
Im Jahr 2024 gaben 27,8 Prozent der Befragten an, bereits um Sterbehilfe gebeten worden zu sein. Im Vergleich dazu waren es 2013 nur 20,7 Prozent. „Auch vor diesem Hintergrund ist die gerade veröffentlichte Leitlinie zum Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz ein wichtiger Meilenstein. Es sind aber weitere Untersuchungen, wie die derzeit im DFG-Netzwerk laufenden Arbeiten zur Beurteilung der Freiverantwortlichkeit, notwendig, um die Anforderungen an diese kontrovers diskutierte Praxis wissenschaftlich zu begründen“, betont Schildmann.
Wenn Sie Suizidgedanken haben oder bei einer anderen Person wahrnehmen: Kostenfreie Hilfe bieten in Deutschland der Notruf 112, die Telefonseelsorge 0800/1110111 und das Infotelefon Depression 0800/3344 533. Weitere Infos und Adressen unter www.deutsche-depressionshilfe.de.
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