TK-Chef stellt System von gesetzlicher und privater Krankenversicherung infrage

Berlin – Braucht es ein Doppelsystem aus gesetzlicher (GKV) und privater (PKV) Krankenversicherung in Deutschland? Aus Sicht von Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), ist die Antwort eindeutig.
„Wir sollten die Frage stellen, ob das System überhaupt richtig ist“, sagte Baas heute im Podcast „ARD Interview der Woche“. Man müsse grundsätzlich überlegen, ob ein System aus privater und gesetzlicher Krankenversicherung Sinn mache.
„Und meine Antwort ist ganz klar: Nein, sie macht keinen Sinn, sondern eigentlich braucht man immer ein System, was aus einer Versicherung besteht, die für alle da ist“, betonte der TK-Chef. Wer dann ein Einbettzimmer versichern oder sich bei „Müller-Wohlfahrt sein Knie spiegeln“ lassen wolle, könne sich noch zusätzlich versichern.
„So ein System wäre deutlich besser. Diese Trennung ist was sehr Artifizielles in Deutschland, gibt es fast nirgends in der Welt und führt an vielen Ecken zu Problemen.“ Baas betonte, es gehe dabei gar nicht um Gerechtigkeit. Wer viel Geld habe, könne sich in jedem System ein besonders schönes Krankenzimmer leisten.
Problematisch sei aber, dass sich derzeit dort, wie viele Privatpatienten lebten, auch viele Ärzte ansiedeln würden. „Wir haben heute zum Beispiel eine der größten Orthopädendichten am Starnberger See. Nicht weil man da so gefährlich lebt und sich ständig was bricht, sondern weil da eben viele Privatpatienten sind“, so Baas.
Das heiße, die Spaltung von privat und gesetzlich führe dazu, dass man die Ärzte nicht da habe, wo die Patienten seien, sondern da hat, wo die reichen Patienten seien. „Und das ist ein großes Problem.“
Das zweite große Problem sieht er darin, dass die PKV im Alter kostenintensiv werden kann. „Viele Menschen merken erst im Alter, wie teuer ihre private Krankenversicherung ist“, betonte Baas. Denn durchschnittliche Rentenhöhen seien heute überschaubar hoch, auch bei Patienten, die vorher privat versichert seien.
Im Extremfall könne der PKV-Beitrag „mehr als die Hälfte“ einer Renteneinnahmen ausmachen und da komme man nicht wieder raus. „Ich kriege selber sehr viele Schreiben von Versicherten, die sagen: Kann ich bitte wieder in die TK zurück? Ich kann mir die private nicht mehr leisten. Da kann ich immer nur sagen: Tut mir leid, es gibt die Möglichkeit nicht. Du kannst nicht wieder raus.“
Zur Finanzlage der Krankenkassen sagte Baas, man könne die Beiträge „nicht jedes Jahr weiter erhöhen“. „Wir sind an einer Schmerzgrenze.“ Auf der anderen Seite gebe es zu viel Verschwendung im Gesundheitssystem, beispielsweise zu viele unnötige Operationen. Deshalb sei die Bundesregierung gefordert, die Milliardenlücken zu schließen. Die Frage sei, ob die Bundesregierung genügend Kraft zu Reformen habe. „Und da eine Prognose zu wagen, ist schwierig.“
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