Medizin

Transfusionsmedizin: Sind Blutspenden von Frauen nach Schwangerschaften ein Risiko für Männer?

  • Mittwoch, 18. Oktober 2017
Blutkonserven /dpa
/dpa

Leiden – Jüngere Männer, die eine Bluttransfusion benötigen, haben in den folgenden Jahren ein erhöhtes Sterberisiko, wenn die Konserve von einer Frau mit einer Schwan­ger­schaft in der Vorgeschichte kommt. Dies zeigt eine retrospektive Studie aus den Niederlanden, die jetzt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2017; 318: 1471-1478) erschienen ist.

Bei Beachtung der Blutgruppeneigenschaften und aufgrund der ausführlichen Tests auf mögliche Krankheitserreger sind Komplikationen nach Transfusionen selten geworden. Die häufigste Ursache von transfusionsbedingten Todesfällen ist heute die transfu­sions­assoziierte akute Lungeninsuffizienz (TRALI). 

Bei dieser seltenen Komplikation lösen Antikörper des Spenders eine Immunreaktion gegen Leukozyten des Empfängers aus. Innerhalb weniger Stunden nach der Trans­fusion kommt es zu einer schweren Entzündung der Lungen, die über ein Atem­versagen zum Tod führen kann. Die Letalität wird mit etwa 10 Prozent angegeben.

Die meisten TRALI treten nach der Transfusion von Blutprodukten auf, die von Frauen stammen, die in früheren Schwangerschaften HLA-Antikörper erworben haben. Dies hat Epidemiologen bewogen, generell den Einfluss des Geschlechts auf die Sterblichkeit nach Transfusionen zu untersuchen. Im letzten Jahr berichteten kanadische Epide­miologen, dass das Sterberisiko des Empfängers um 8 Prozent höher ist, wenn der Spender eine Frau war (JAMA Intern Med. 2016; 176: 1307-1314). 

Ein Team um Rutger Middelburg vom Medizinischen Zentrum der Universität Leiden ist jetzt der Frage nachgegangen, ob frühere Schwangerschaften eine Rolle spielen. Die Forscher setzen die Daten von 31.118 Patienten, die insgesamt 59.320 Erythrozyten-Transfusionen erhalten hatten, mit der Zahl der Todesfälle in den ersten drei Jahren nach der Transfusion in Beziehung. 

Blutkonserven von Frauen, die eine oder mehrere Schwangerschaften in der Vorge­schichte hatten, waren tatsächlich mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert. Es war jedoch merkwürdigerweise auf männliche Empfänger beschränkt. 

Die Gesamtsterblichkeit von Männern, die Erythrozytenkonzentrate von Frauen mit Schwangerschaften in der Vorgeschichte erhalten hatten, betrug 101 auf 1.000 Personenjahre. Wenn der Spender ein Mann war, betrug die Gesamtsterblichkeit nur 80 auf 1.000 Personenjahre. Middelburg ermittelte eine Hazard Ratio von 1,13, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,01 bis 1,26 signifikant waren.

Frühere Schwangerschaften der Spenderin erhöhten also das Sterberisiko der männ­lichen Empfänger um 13 Prozent. Wenn die Konserven an Frauen gingen, war das Risiko dagegen nicht erhöht. Das Blut von Frauen, die niemals schwanger waren, war in keiner Konstellation mit einem erhöhten Risiko für die Empfänger der Blutkonserven verbunden. 

Warum das Blut von Frauen mit Schwangerschaften in der Vorgeschichte nur für männliche Empfänger ein Risiko darstellt, ist völlig unklar. Offen ist auch, warum das Sterberisiko nur bei jüngeren Männern (Altersgruppe bis 50 Jahre) erhöht war. 

Auch der Pathomechanismus ist nicht bekannt. Die TRALI kommt als alleinige Erklärung nicht infrage, wie Ritchard Cable vom Amerikanischen Roten Kreuz in Farmington/Connecticut im Editorial anmerkt. Die TRALI tritt typischerweise in den ersten Stunden nach der Transfusion auf. In der Kaplan-Meier-Überlebenskurve war ein Nachteil erst nach einem Jahr erkennbar. Er scheint sich danach zu vergrößern.

Das spricht für eine durch Lymphozyten des Spenders ausgelöste Immunreaktion (analog der Graft-versus-Host-Reaktion nach Organtransplantationen, denen man Bluttransfusionen im weiteren Sinne zählen kann). In den Niederlanden werden jedoch vor der Transfusion die Leukozyten aus den Blutproben entfernt. Die vielen offenen Fragen lassen Cable ein wenig daran zweifeln, dass der in der Studie beschriebenen Assoziation eine Kausalität zugrunde liegt. Der Experte fordert deshalb eine Über­prüfung durch weitere Studien, bevor Konsequenzen aus den Ergebnissen gezogen werden können.

rme

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