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Umfrage: Bevölkerung offen für Gesundheitsreformen

  • Mittwoch, 6. Mai 2026
/Pixelot, stock.adobe.com
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Berlin – Grundlegende Reformen im Gesundheitswesen werden von sehr vielen Menschen in Deutschland begrüßt, sofern sich die Versorgungsangebote flexibilisieren lassen und gesundheitliche Anliegen weiter zügig angesprochen werden können.

In einer repräsentativen telefonischen Befragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und des Bosch Health Campus erklärten 92 Prozent der Teilnehmenden ihre Reformbereitschaft – diese Offenheit gibt es offenbar parteiübergreifend. Das geht aus Daten beider Organisationen hervor, die heute in Berlin vorgestellt wurden.

Derzeit sind demnach noch 68 Prozent der Bevölkerung zufrieden mit der gesundheitlichen Versorgung, dabei zeigen sich zwischen den Menschen in Stadt und Land aber bereits größere Unterschiede: Stadtbewohner sind zu 72 Prozent zufrieden, in ländlichen Regionen sind es 63 Prozent. Für die Zukunft erwarten insgesamt 63 Prozent der Befragten eine deutliche Verschlechterung der Versorgung.

Die derzeit diskutierten Reformansätze kommen sehr unterschiedlich in der Bevölkerung an: So finden 78 Prozent der Befragten es gut, dass ein möglicher zentraler Gesundheitsservice rund um die Uhr erreichbar ist und bei Fragen und Anliegen berät.

Allerdings wird eine verpflichtende Nutzung einer – beispielsweise auch digitalen – Ersteinschätzung von 55 Prozent der Befragten abgelehnt. Gleichzeitig bewerten die Befragten eine Dringlichkeitseinschätzung, die durch eine nicht näher benannte Stelle einheitlich vorgenommen wird, positiv. Hier schätzen 74 Prozent dies als notwendig für die Zukunft ein. Auch die zentrale Terminzuweisung je nach Anliegen befürworten 76 Prozent.

Die Bertelsmann Stiftung hat auch nach der möglichen Nutzung von „Versorgungsstufen mit geringerer Eingriffsintensität“ gefragt: Hier drücken 75 Prozent ihre Bereitschaft zur Selbstbehandlung aus – sofern ihnen „leicht zugängliche, verlässliche und geprüfte Gesundheitsinformationen“ zur Verfügung stehen, heißt es in den Ausführungen.

Auch die Versorgungsketten „Hausarzt vor Facharzt“ sowie „ambulant vor stationär“ werden von der Bevölkerung offenbar sehr positiv bewertet, hier gibt es auch Zustimmungswerte von 71 sowie 63 Prozent.

„Gute Behandlung“ hängt nicht an der Berufsgruppe

Auch eine mögliche Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Fachberufen sowie Ärztinnen und Ärzten wird positiv betrachtet. Für eine „gute Behandlung“ sei „in erster Linie die Qualität der Behandlung entscheidend und nicht die behandelnden Berufsgruppe, egal ob Arzt oder medizinisch geschultes Praxispersonal“, heißt es im Bericht.

69 Prozent der Befragten stimmten zu, dass die Behandlung an sich wichtiger ist als die Berufsgruppe, die sie ausführt. Auch Verlaufskontrollen könnten nach Meinung von 81 Prozent der Befragten das Praxispersonal übernehmen.

Wichtig sind vielen der Befragten wohnortnahe Versorgungsstrukturen. So finden „mobile Versorgungsangebote“, bei denen Ärztinnen und Ärzte oder geschultes Fachpersonal ein bis zwei Mal pro Woche in kleinere Gemeinden oder Stadtteile kommen, großen Anklang. 80 Prozent stimmen dem zu.

Längere Wege zur Versorgung sind eher unbeliebt

Hohe Zustimmungswerte haben auch „Gesundheitszentren statt Arztpraxen“, bei denen mehrere ärztliche Fachgruppen sowie andere Fachberufe unter einem Dach arbeiten. 83 Prozent befürworten das – allerdings sinkt die Zustimmung, „wenn man dafür längere Wege in Kauf nehmen muss“. Dann finden diese Zentren nur bei 63 Prozent Zustimmung.

„Koordinierte, teamorientierte Versorgungsmodelle werden als sinnvoll wahrgenommen – die Höhe ihrer Akzeptanz hängt jedoch wesentlich von der Erreichbarkeit ab“, resümieren die Autoren der Befragung.

Akzeptanz gibt es – wenn auch etwas abgeschwächt – bei der Nutzung digitaler Möglichkeiten in der Gesundheitsversorgung. So können 55 Prozent sich vorstellen, „medizinische Anliegen per Telefon oder Video zu klären, statt persönlich in eine Praxis zu gehen“. Bei der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen liegt die Zustimmung bei 74 Prozent.

Kritisch sind alle Altersgruppen bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) bei der Einschätzung von Symptomen. Darin sehen 31 Prozent einen guten Ansatz, 67 Prozent lehnen das eher ab. Bei der Analyse von Gesundheitsdaten durch KI ist die Zustimmung aber größer: Hier würden 49 Prozent der Befragten zustimmen, ihre Gesundheitsdaten auswerten zu lassen.

Für Brigitte Mohn, die Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, sind die Ergebnisse eine „Sternstunde für die Politik“. Denn die Bevölkerung befürworte klar Reformen, dieses Momentum müsse man nutzen. „Wir brauchen dringend umfassende Reformen, damit die Gesundheitsversorgung auch unter schwierigen Rahmenbedingungen leistungsfähig, patientenzentriert und in der Fläche verfügbar ist.“

Mohn betonte besonders die Nöte in kleineren Kommunen, neue Lösungen für die Versorgung zu finden. Es gebe „viele gute Beispiele“ wie Versorgung künftig gelingen könnte. Nun brauche es den Mut, „das auch auf den Weg zu bringen“.

Für eine stärkere Teamarbeit setzt sich auch Mark Dominik Alscher, der Geschäftsführer des Bosch Health Campus, ein. Für eine „belastbare Primärversorgung, die nah beim Menschen ist, müssen ärztliche, pflegerische, therapeutische und soziale Berufsgruppen stärker als Team zusammenarbeiten“.

Der Rückhalt der Bevölkerung für ein Systemwechsel sei da. Besonders die vom Bundesgesundheitsministerium gerade vorgelegten Gesetze zur Digitalisierung sowie die geplanten Vorhaben zur Primärversorgung sieht er als eine „wichtige Chance“.

bee

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