Umfrage zeigt Diskriminierung, Rassismus und Machtmissbrauch in Kliniken auf

Hamburg/Berlin – Innerhalb der Ärzteschaft gibt es ein Problem mit Diskriminierung, Rassismus und Machtmissbrauch. Dies zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Marburger Bundes Hamburg und einer Befragung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).
Ein Großteil der befragten Medizinerinnen und Mediziner hat demnach bereits selbst Erfahrungen mit diskriminierendem Verhalten von Vorgesetzten, Kollegen oder Patienten gemacht oder dies beobachtet. Zum Teil sogar mehrfach.
Dass die Medizin ein Führungsproblem hat, wurde in der Mitgliederbefragung des Marburger Bundes (MB) Hamburg deutlich. An der Umfrage zu Machtstrukturen und zur Führungskultur in Kliniken hatten im Juli rund 480 Personen teilgenommen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in Hamburg auf einer Diskussionsveranstaltung der Ärztegewerkschaft vorgestellt.
87 Prozent der Befragten haben demnach bereits Machtmissbrauch oder eine ungerechtfertigte Einflussnahme in der Klinik selbst erlebt oder beobachtet – 36 Prozent vereinzelt, 51 Prozent bereits mehrfach. 81 Prozent waren in ihrer ärztlichen Laufbahn schon einmal mit rassistischen, sexistischen oder anderen sachfremden Kommentaren konfrontiert. Unter den weiblichen Befragten stimmten dieser Aussage 86 Prozent zu.
In den Freitextantworten sei teils von „erschreckenden“ Situationen berichtet worden, wie der MB erklärte. Etwa von der Frage eines Chefs, warum man noch keinen Sex gehabt habe, Fragen nach der Farbe der Intimbehaarung oder der Aussage, mit einer Schwangerschaft sei die Karriere vorbei. Auch schwulenfeindliche und rassistische Kommentare sind demnach keine Seltenheit.
Wenn auch seltener, scheint es unakzeptable Kommentare auch von Patientenseite zu geben, berichtete die Geschäftsführerin des MB Hamburg, Katharina von der Heyde. Hierbei äußere sich die Diskriminierung dann auch oft durch die Untätigkeit des Vorgesetzten.
„Unsere Umfrage zeigt: Machtmissbrauch ist strukturell verbreitet – das sind keine Einzelfälle“, sagte von der Heyde. „Misogyne, sexistische, aber auch homophobe und rassistische Kommentare gehören leider auch 2025 noch zum Alltag vieler Ärztinnen und Ärzte. Das muss sich endlich ändern – und deshalb wollen wir das noch mehr öffentlich machen“.
„Die Machtstrukturen in Kliniken sind ungesund“, sagte Pedram Emami, Vorsitzender des MB Hamburg. Kaum eine andere Branche sei durch eine so starke Machtkonzentration bei gleichzeitiger Abhängigkeit von Vorgesetzten geprägt. „Das schafft einen Nährboden für Machtmissbrauch – eine Realität, die wir auch in Hamburg nur zu gut kennen“, sagte er.
Viele Ärztinnen und Ärzte gaben in der Umfrage an, die Hierarchen in ihrem Arbeitsumfeld als machtzentriert (rund 57 Prozent) sowie erschwerend für die Teamarbeit und Eigeninitiative zu empfinden (rund 32 Prozent). Dies behindert aus Sicht vieler sowohl Innovation als auch Vielfalt im Beruf (rund 31 Prozent).
In den Freitexten wurde von „täglichem Pöbeln und Beschimpfen durch die Führungsebene“ berichtet, von fehlender Kommunikation auf Augenhöhe oder von einer manifestierten Abhängigkeit durch starre Hierarchiestrukturen. Aus den Ergebnissen lässt sich ablesen, dass dies besonders oft während der fachärztlichen Weiterbildung vorkommt.
Intransparente Führungsentscheidungen
Eine Mehrzahl der Teilnehmer berichtet zudem von intransparenten oder ungerechten Führungsentscheidungen, von Vetternwirtschaft bei Stellenbesetzungen, willkürlichen Rotationsentscheidungen in der Weiterbildung, Förderung nach subjektiver Beliebtheit und ökonomisch motivierten Vorgaben, die medizinischen Leitlinien oder Studien widersprechen.
Anfällig für Machtmissbrauch sei auch der OP-Bereich, etwa durch ungerechte OP-Verteilungen, berichtete von der Heyde. Auch die Genehmigung von Überstunden, Fortbildungen und sogar von Urlaub seien genannt worden.
52 Prozent der Befragten bezeichnen die Besetzungsverfahren für ärztliche Führungspositionen in ihrer Klinik als intransparent, sie sind demnach kaum an objektiven Kriterien orientiert. 54 Prozent finden darüber hinaus, dass Führungspositionen im ärztlichen Bereich in Bezug auf Geschlecht, Herkunft und Karriereweg „kaum oder gar nicht divers“ besetzt sind.
„Wir brauchen mehr Transparenz bei Stellenbesetzungen, Vielfalt in Führungspositionen und eine kooperative Arbeitskultur, die auch für die junge Ärztegeneration attraktiv ist“, unterstrich Emami.
Um die Führung in Kliniken diverser, gerechter und zukunftsfähiger zu gestalten, haben die befragten Ärztinnen und Ärzte Lösungsvorschläge geäußert. Diese bezogen sich unter anderem auf bessere Personalführungskompetenzen in leitenden Positionen, eine gezielte Frauenförderung und die Förderung entsprechender Quoten.
Außerdem auf die Möglichkeit, Führungspositionen auch in Teilzeit zu besetzen, etwa in Form von Doppelspitzen, transparente Stellenbesetzungen und Beförderungen anhand sachlicher und nachvollziehbarer Kriterien.
Eine offene Feedback- und Fehlerkultur scheint es den Umfrageergebnissen zufolge in vielen Kliniken noch nicht zu geben. 36 Prozent berichten zwar, sich eher sicher dabei zu fühlen, kritische Themen oder Missstände im Klinikalltag in bestimmten Situationen anzusprechen.
33 Prozent sind dabei jedoch eher unsicher und fürchten negative Konsequenzen, 22 Prozent sind sehr unsicher. Sie geben an, dass Kritik in ihrem Arbeitsumfeld nicht erwünscht ist und deren Äußerung zu negativen Konsequenzen beiträgt.
Machtmissbrauch ohne Konsequenzen ansprechen
Auf der Veranstaltung bestand Einigkeit, dass Machtmissbrauch ohne Angst vor Konsequenzen angesprochen werden muss. Dafür brauche es in den Kliniken zentrale Beschwerdestellen oder auch anonyme Kanäle.
„Es muss sowohl eine interne als auch externe Überprüfung der Beschwerden stattfinden“, betonte Sidra Khan-Gökkaya, Vorstandsbeauftragte für Migration, Integration und Antirassismus am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Dafür müsse jedoch sowohl das Führungspersonal als auch das Topmanagement dahinterstehen und anerkennen, dass es Machtmissbrauch im ärztlichen Umfeld gebe, sagte sie weiter. Was genau das bedeute, müsse jedes Unternehmen für sich klar und deutlich definieren.
„Machtmissbrauch jeglicher Form muss vom jeweiligen Opfer ganz klar geäußert werden – am besten wendet man sich an offizielle Stellen oder Vertrauenspersonen“, schloss Volker Fendrich, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Hamburg Eilbek, an. Er halte jedoch nicht viel von anonymen Hinweisen, weil diesen oft nicht richtig nachgegangen werde.
„Es ist ein wichtiger Punkt, Machtverhältnisse zu reflektieren. Wenn wir das schon im Studium verankern würden, dann könnten wir Menschen in den Beruf bringen, die schon eine ganz andere Perspektive mit reinbringen“, sagte Khan-Gökkaya.
Sophie Imdahl, kommissarische Vorsitzende des Deutschen Ärztinnenbundes Hamburg, machte auf die schwierige Situation von Frauen in der Medizin im Kontext von Diskriminierungen aufmerksam. Die aktuellen Ergebnisse und auch andere Umfragen zeigten, dass Führungspositionen unter den Geschlechtern insbesondere an Unikliniken ungleich besetzt seien.
Bei Schwangerschaften und Teilzeitarbeit fielen Frauen in den weiteren Karriereschritten oft hinten herunter und bekämen diskriminierende Kommentare zu hören. Dies müsse sich dringend ändern. Dafür sei es jedoch wichtig, dass jeder etwas für die Veränderung tue und bei sich auf der Station anfange.
„Man sollte nicht immer nur zusehen, sondern auch selbst etwas tun oder ansprechen. Das kann nicht immer nur von außen kommen“, sagte auch Emami. Missstände müssten öffentlich gemacht werden und es müsse die Möglichkeit geben, Fälle auch nur in Verdachtsmomenten aufzuarbeiten.
Mit rund 35 Prozent wurde die Umfrage am häufigsten von Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung beantwortet, gefolgt von Fachärztinnen und Fachärzten (31 Prozent), Oberärztinnen und Oberärzten (rund 22 Prozent), leitenden Oberärztinnen und Oberärzten (sechs Prozent) sowie Chefärztinnen und Chefärzten (zwei Prozent). „Das zeigt, dass das Thema über die gesamte ärztliche Hierarchie relevant ist“, sagte von der Heyde. Mit rund 62 Prozent waren die meisten Umfrageteilnehmer weiblich.
Diskriminierungserfahrungen und Migrationshintergrund
Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch die Umfrage unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), die im Juli von rund 740 Personen beantwortet wurde. Ziel der Befragung war es, die Häufigkeit und Art von Diskriminierungserfahrungen innerhalb der Fachgesellschaft zu erfassen und deren Auswirkungen auf die Betroffenen zu analysieren.
Rund ein Drittel der Befragten hatte einen Migrationshintergrund. Von ihnen hatten rund 91 Prozent in den vergangenen 24 Monaten Anfeindungen erlebt. Selbst eingewanderte Migranten berichteten dabei signifikant häufiger von diskriminierendem Verhalten als Migranten der zweiten oder dritten Generation.
Doch auch 90 Prozent der Ärztinnen und Ärzte ohne Migrationshintergrund waren der Umfrage zufolge von Diskriminierung betroffen. „Migration an sich ist also kein genereller Prädiktor, aber für die Kolleginnen und Kollegen mit eigener Migrationserfahrung besteht ein klar erhöhtes Risiko“, so Lukas Welsch, einer der Initiatoren der Umfrage.
Einen Arbeitsplatzwechsel aufgrund von Anfeindungserfahrungen haben demnach rund 20 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund und rund fünf Prozent ohne Migrationshintergrund vorgenommen.
Die Analyse konnte weiterhin zeigen, dass der stärkste Prädiktor für eine Arbeitsunzufriedenheit die Belastung durch Anfeindungserlebnisse darstellt. Je belastender diese wahrgenommen wurden, desto unzufriedener zeigten sich die Befragten. Auch fehlende Handlungsstrategien für Anfeindungssituationen tragen demnach zu einer reduzierten Arbeitszufriedenheit bei.
„Unsere Daten zeigen, dass Diskriminierungserfahrungen nicht nur verbreitet sind, sondern sie haben deutliche negative Auswirkungen. Es braucht Strukturen, die betroffene Ärztinnen und Ärzte unterstützen - mit konkreten Handlungsmöglichkeiten, klaren Anlaufstellen und einer Kultur, die Anfeindungen nicht toleriert“, sagte Andreas Stallmach, Präsident des diesjährigen Kongresses Viszeralmedizin.
Das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der DGVS-Umfrage lag bei 48 Jahren. Etwa zwei Drittel waren männlich, ein Drittel weiblich. Knapp die Hälfte arbeitete bei Maximal- oder Regelversorgern, rund ein Viertel in Praxen oder MVZ und ebenfalls ein Viertel in Universitätskliniken.
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