Viele Medizinstudierende erwägen Ausstieg aus der kurativen Medizin

Berlin – Trotz wiederholter Diskussionen über Reformen bleiben die Bedingungen für Medizinstudierende im Praktischen Jahr (PJ) schwierig. Das zeigt das im November und Dezember 2025 erhobene und heute vorgestellte „PJ-Barometer 2025“ des Marburger Bundes (MB).
„Wer im PJ vor allem Lücken im System stopft, statt strukturiert zu lernen, verliert Vertrauen in den ärztlichen Beruf, warnte Susanne Johna, Vorsitzende des MB.
Besonders alarmierend bei der diesjährigen Befragung von rund 1.800 Studierenden im PJ sowie Ärztinnen und Ärzte, deren PJ nicht länger als drei Jahre zurückliegt: Rund ein Drittel von ihnen denkt darüber nach, die kurative Medizin zu verlassen und sich beruflich neu zu orientieren. Lediglich 52 Prozent der Teilnehmenden beantworten diese Frage, die erstmals bei einem PJ-Barometer gestellt wurde, mit einem Nein. 15 Prozent sind unentschlossen.
Für Johna ist das ein deutliches Warnsignal für die gesamte Gesundheitsversorgung. „Das PJ ist nicht nur ein Anhängsel des Studiums, sondern ein Übergang in den ärztlichen Beruf. Deshalb ist es wichtig, wie Medizinstudierende diesen erleben“, betonte sie.
Wenn es nicht gelänge, den ärztlichen Nachwuchs zu motivieren im Beruf zu bleiben, verlöre man Kolleginnen und Kolleginnen. „Das PJ ist eine Bewährungsprobe nicht nur für Studierende, sondern für das gesamte System.“ Angesichts des demografisch bedingten Ausscheidens erfahrener Ärzte berge die Situation ernste Risiken für die medizinische Versorgung, so die MB-Vorsitzende.
„Viele erleben das Praktische Jahr als Phase hoher Belastung mit unzureichender Anleitung“, erläuterte Tobias Bokowski, Vorsitzender des Sprecherrates der Medizinstudierenden im MB und Medizinstudent im elften Semester in Hamburg. Er verwies auf die Ergebnisse der diesjährigen Umfrage: Nach dieser ist die Arbeitsbelastung der PJ-Studierenden im Vergleich zu den Vorjahren nur minimal gesunken.
So geben 55 Prozent der Befragten geben an, im ersten PJ-Tertial zwischen 40 und 50 Stunden pro Woche in der Lehreinrichtung zu verbringen, 40 Prozent arbeiten weniger als 40 Stunden. „Wir arbeiten oft am Limit. Ich hatte drei Wochenenden in Folge Bereitschaftsdienst, zusätzlich normale Schichten. Und dafür gibt es keine Extra-Vergütung“, berichtet eine PJ-Studierende aus einem Universitätsklinikum, im Freitext der Umfrage.
Dies ist kein Einzelfall: Dem PJ-Barometer 2025 zufolge leisten 42 Prozent der PJ-Studierenden Nacht- oder Wochenenddienste, meist ein- oder zweimal im Monat. Rund neun Prozent der Befragten sind sogar drei- bis viermal pro Monat nachts oder am Wochenende im Einsatz. Fast 80 Prozent dieser Dienste erfolgen ohne zusätzliche Vergütung, abgesehen von der regulären PJ-Aufwandsentschädigung. Die Folge seien hohe körperliche und psychische Belastung bei gleichzeitig unzureichender finanzieller Anerkennung, so Bokowski.
Ein zentrales Problem bleibt dem Medizinstudierenden zufolge auch eine unzureichende Betreuung und Anleitung. So geben 39 Prozent der Befragten an, keine festen Ansprechpartner wie Mentorinnen, Mentoren oder Lehrbeauftragte zu haben, die fachlich und persönlich unterstützen. Viele berichten zudem, dass sie oft als „billige Arbeitskraft“ eingesetzt werden.
„Manchmal fühlt man sich ausgenutzt, wenn nichts erklärt wird und man nur Haken hält“, schreibt ein Befragter in einem Freitextkommentar. Viele müssten zudem ärztliche Tätigkeiten ohne ausreichende Anleitung ausführen, während ausbildungsfremde Tätigkeiten einen großen Teil des Alltags ausmachen würden.
Konkret zeigt die Umfrage, dass 96 Prozent der Studierenden delegationsfähige Leistungen wie Blutabnahmen oder Verbandswechsel eigenständig übernehmen, 80 Prozent zudem nicht medizinische Tätigkeiten wie Botengänge und 72 Prozent ärztliche Kernaufgaben wie Anamnese, Diagnosestellung oder Aufklärung – diese jedoch trotz des Ausbildungscharakters des PJ ohne ärztliche Aufsicht.
„Besonders frustrierend ist für viele auch nach wie vor, dass Krankheitstage von den Fehltagen für Urlaub und Lernzeit abgezogen werden“, sagt Bokowski. Dadurch verlören Studierende bei Krankheit automatisch wertvolle Urlaubs- und Lernzeit.
Derzeit beklagten zwei Drittel der Studierenden, dass sie neben der praktischen Tätigkeit zu wenig Zeit zum Lernen haben und forderten, dass Studientage verbindlich eingeplant werden sollten, damit ausreichend Zeit für Selbststudium bleibt. Zudem drängten die Befragten auf verlässliche Strukturen, wie feste Ansprechpartner, Mentorenmodelle, ärztliche Supervision, praktische Lernformate und eine Aufwandsentschädigung.
Zwar sinke der Anteil derjenigen ohne Aufwandsentschädigung, doch die meisten verdienten weiterhin deutlich unterhalb existenzsichernder Schwellen, so der Medizinstudent. Neben der Aufwandsentschädigung seien viele seiner Kommilitonen auf familiäre Hilfe oder einen Nebenjob angewiesen.
Auch die Vorbereitung auf den Berufsalltag bewerten die Teilnehmenden bei dieser Umfrage verhalten: Ein Drittel fühlt sich unzureichend oder schlecht vorbereitet, 37 Prozent bezeichnen die Vorbereitung als befriedigend, 26 Prozent als gut oder sehr gut. Gleichwohl plant die große Mehrheit der Befragten zunächst eine Weiterbildung in der stationären Versorgung (87 Prozent), während sieben Prozent eher den ambulanten Bereich ins Auge fassen.
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