Viele PKV-Tarife leisten weniger als die GKV

Berlin – Mehr als 80 Prozent der Tarife in der privaten Krankenversicherung (PKV) leisten weniger als die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Das sagte Claus-Dieter Gorr von der PremiumCircle Deutschland GmbH, die zusammen mit dem Institut für Mikrodatenanalyse (IfMDA) beide Versicherungssysteme analysiert hat, am Montag in Berlin. „Es ist eine absurde Situation“, so Gorr. „In Teilbereichen leistet die PKV definitiv mehr. Bezogen auf Mindestleistungen kommt sie aber nicht an die GKV heran.“ Häufig seien zum Beispiel eine Anschlussheilbehandlung oder Psychotherapien nicht versichert. Problematisch sei dabei, dass die PKV-Versicherten das vor Versicherungsabschluss nicht sofort erkennen könnten.
„Versicherte und vor allem nichtversicherte Leistungen sind für den PKV-Versicherten im Wettbewerbsvergleich zwischen den PKV-Unternehmen nicht nachvollziehbar“, resümieren die Autoren der Studie „GKV/PKV-Systemgrenze: Bestandsaufnahme“. Ein weiteres Problem sei, dass die Vermittler von privaten Krankenversicherungen ohne Qualifikationsanforderungen und Qualifikationsnachweis arbeiteten.
Die Leistungsausgaben von GKV und PKV haben sich der Studie zufolge in den vergangenen 60 Jahren nahezu identisch entwickelt – 2012 zahlt die PKV demnach voraussichtlich 84,39 Euro mehr pro Versichertem. Die Einnahmen der PKV liegen im selben Jahr hingegen um knapp 1.000 Euro pro Versichertem höher als die der GKV. „Das liegt an den Alterungsrückstellungen in der PKV und an den hohen Provisionen für die Versicherungsmakler“, erklärte IfMDA-Leiter Thomas Drabinski.
„Wegen fehlender politischer Leitplanken hat sich in der PKV die Ausgestaltung der Leistungskataloge und der Vertriebsmarkt in den letzten 20 Jahren verselbständigt“, kritisierte Gorr. Um dies zu ändern, müssten transparente Pflichtangaben über den jeweils versicherten Leistungskatalog sowie Mindestkriterien als Richtschnur eingeführt werden. Zudem sollte eine Abschlussprovision auf vier Monatsbeiträge gesenkt werden. Vor einigen Jahren seien Provisionen von bis zu 22 Monatsbeiträgen gezahlt worden, sagte Gorr. Der Gesetzgeber hat seit April dieses Jahres die Obergrenzen für Provisionen auf 9,9 Monatsbeiträge begrenzt.
„Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal im Vergleich zur gesetzlichen Krankenversicherung ist die Wahlfreiheit in der privaten Krankenversicherung“, kommentierte der Direktor des PKV-Verbands Volker Leienbach die Studienergebnisse gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Das bedeute, dass sich jeder seinen Versicherungsschutz nach individuellen Bedürfnissen zusammenstellen könne – von einer Grundversorgung bis zum absoluten Topschutz.
„Bei älteren Tarifen, die moderne medizinische Leistungen oder Hilfsmittel naturgemäß noch nicht beinhalten können, werden die Kosten dafür in der Regel auch erstattet“, so Leienbach. „Gleichwohl sollte jeder Versicherte darauf achten, dass er keine für ihn persönlich wichtigen Leistungen ausschließt. Eine notwendige Voraussetzung dafür, dass dies nicht passiert, ist natürlich eine gute Beratung.“
Im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung kritisierte Studienautor Drabinski, dass sich die Politik nicht der „Rentnerproblematik“ annehme. In den 1960er Jahren habe es einen gesellschaftlichen Konsens gegeben, dass die Rentner 80 Prozent der von ihnen verursachten Kosten in der GKV selbst trügen. Dies habe man jedoch bald aus den Augen verloren. Heute seien es nur noch knapp über als 40 Prozent. „Das ist eine Verletzung des Generationenvertrages“, betonte Drabinski und forderte, den ursprünglichen Finanzierungsbeitrag der Rentner von 80 Prozent wieder durch höhere Beitragszahlungen der gesetzlichen Rentenversicherung an die GKV oder höhere Steuerzuschüsse aus dem Bundeshaushalt herzustellen.
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