Vor dem Verkaufsstart in Deutschland: Was bringt orales Semaglutid?

Berlin – Semaglutid wird für die Behandlung von Adipositas in Deutschland in wenigen Tagen auch als Tablette erhältlich sein. Die Markteinführung für das orale Semaglutid (Handelsname Wegovy) in Deutschland ist für den 1. September geplant, teilte eine Sprecherin des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk dem Deutschen Ärzteblatt mit.
Die orale Form bietet damit eine Alternative zur bislang üblichen wöchentlichen Injektion. In den Zulassungsstudien waren die Gewichtseffekte von Tablette und Spritze vergleichbar. Doch die Tablette ist nicht einfach eine Spritze zum Schlucken: So muss sie zum Beispiel täglich und unter Beachtung bestimmter Bedingungen eingenommen werden.
Einige der wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Für wen kommt die Tablette infrage?
Grundsätzlich für dieselbe Patientengruppe wie die Injektion, erklärt Nina Meyer von der Berliner Charité in einem Pressegespräch des Science Media Center (SMC) vor dem Verkaufsstart. „Die Indikation für die Therapie unterscheidet sich nicht zur Injektionstherapie“, sagt sie. Die Gruppe der infrage kommenden Personen bleibe prinzipiell gleich.
Im Juli hatte die Europäische Kommission der Tablette die Zulassung für die Adipositasbehandlung erteilt. Beide Applikationsformen – oral und subkutan – sind zum Gewichtsmanagement bei Erwachsenen mit einem Ausgangs-BMI von ≥ 30 kg/m² oder ≥ 27 kg/m² mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Hypertonie, Dyslipidämie, obstruktive Schlafapnoe oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes mellitus zugelassen.
Wie wirksam ist orales Semaglutid?
In der Phase-3-Studie OASIS 4 (New England Journal of Medicine 2025; DOI: 10.1056/NEJMoa2500969) verloren Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung nach 64 Wochen unter oralem Semaglutid im Mittel 13,6 % ihres Körpergewichts. Unter Placebo waren es 2,2 %. Semaglutid wurde dabei von 3 mg auf 25 mg auftitriert.
Die Ergebnisse der Studie sprechen für eine deutliche Wirksamkeit der Tablette. Einen direkten Vergleich mit der Injektion stellte OASIS 4 allerdings nicht an. Nach Einschätzung Meyers sind die Gewichtseffekte der beiden Applikationsformen dennoch vergleichbar: „In den Zulassungsstudien sind die Gewichtseffekte sehr ähnlich.“
Die Gewichtsabnahme liege bei etwa 10 kg bis 12 kg, ergänzt Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München. Beide Fachleute betonen jedoch, dass das Medikament allein nicht reiche, um das Gewicht dauerhaft zu halten. Wichtig sei eine ärztliche Begleitung sowie Therapien für Ernährung, Bewegung und Verhalten.
Warum braucht die Tablette so viel mehr Semaglutid?
Semaglutid wird bei oraler Einnahme nur zu einem kleinen Teil aufgenommen. „Sie brauchen vom gleichen Wirkstoff 70-mal so viel, wenn Sie das in Tablettenform geben, als wenn Sie das spritzen“, erklärt Hauner.
Ermöglicht wird die Aufnahme durch den Absorptionsverstärker SNAC (Salcaprozat-Natrium). Die Bioverfügbarkeit kann von Tag zu Tag schwanken. Auf längere Sicht sei aber davon auszugehen, dass die Wirkstoffspiegel unter den beiden Applikationsformen vergleichbar seien, so Hauner.
Endokrinologin Meyer ergänzt, die Spritzentherapie könne bis maximal 2,4 mg hochdosiert werden, für die Tabletten werde eine Dosierung von 25 mg als Maximaldosis verfügbar sein.
Im Frühjahr hatte die Europäische Kommission zudem eine höhere wöchentliche Erhaltungsdosis (7,2 mg) der Injektion für Erwachsene zugelassen, die nach 4 Wochen unter 2,4 mg eine zusätzliche Gewichtsreduktion benötigen.
Was ist der Vorteil gegenüber der Spritze?
Vor allem die Wahlmöglichkeit. Menschen mit einer Spritzenphobie könnten von der Tablette profitieren. Es müsse aber nicht unbedingt eine Phobie vorliegen.
Manche Menschen spritzten sich schlicht ungern oder könnten die Injektion zu Hause nicht zuverlässig umsetzen, so Meyer, die Leiterin des Ernährungsteams und der Endokrinologie am interdisziplinären Adipositaszentrum der Charité ist. Für diese könne die Tablette ein komfortablerer Einnahmeweg sein.
Einen grundlegenden Wandel der Adipositastherapie erwartet sie nicht. Der wesentliche Vorteil liege zunächst in der zusätzlichen Wahlmöglichkeit bei der Applikation.
Wie muss die Tablette eingenommen werden?
Die Einnahme ist anspruchsvoller als bei manch anderer Tablette. Sie muss auf nüchternen Magen mit nur wenig Flüssigkeit eingenommen werden. Anschließend muss mindestens 30 Minuten bis zum Essen und Trinken gewartet werden. Auch andere Medikamente sollten in diesem Zeitraum nicht eingenommen werden.
Aus Sicht Hauners ist die Spritze deshalb „eigentlich einfacher“ zu handhaben. Bei der Tablette müsse jeden Tag sichergestellt werden, dass sie nüchtern und unter den vorgeschriebenen Bedingungen eingenommen werde.
Beeinträchtigt die tägliche Einnahme die Therapietreue?
Das lässt sich bislang nicht beurteilen. Für die Tablette gibt es noch keine Real-World-Daten. Meyer hält es letztlich für eine Frage der individuellen Präferenz, ob Menschen lieber täglich eine Tablette einnehmen oder einmal pro Woche spritzen.
Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten?
Das Nebenwirkungsprofil unterscheidet sich nach Meyers Einschätzung nicht relevant von dem der subkutanen Therapie. Im Vordergrund stehen gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Durchfall. In den Studien seien die Nebenwirkungen meist mild bis moderat und schwere Nebenwirkungen selten gewesen.
Kann die Therapie zu Nährstoffmängeln führen?
Ein Problem könne sein, dass die Betroffenen unter der Therapie deutlich weniger essen. Dieses betrifft aber Inkretinmimetika generell. Hauner verweist auf Studien, in denen bei einem Teil der Behandelten neben einem deutlichen Gewichts- und Muskelverlust auch Vitamin- und Mineralstoffmängel beobachtet wurden.
Meyer betont deshalb die Bedeutung der begleitenden Lebensstiltherapie. Zur Behandlung gehörten Ernährungstherapie beziehungsweise -beratung und Bewegung, insbesondere mit Blick auf den Muskelerhalt. „Das ist keine alleinstehende Therapie.“
Was passiert nach dem Absetzen?
Das gehört nach Ansicht Meyers zu den zentralen offenen Fragen der Therapie mit Inkretinmimentika unabhängig von der Darreichungsform. Ein relevanter Teil des verlorenen Gewichts könne nach dem Absetzen wieder zurückkommen. Diskutiert würden unter anderem ein langsames Ausschleichen, niedrigere Dosen oder intensivere Lebensstilmaßnahmen. Systematisch untersucht seien diese Strategien bislang jedoch nicht.
Auch zur langfristigen Anwendung über mehrere Jahrzehnte fehlen Studiendaten. Da Adipositas eine chronische Erkrankung sei, müsse grundsätzlich auch eine langfristige Therapie in Betracht gezogen werden, sagt Meyer.
Ist die Tablette ein Durchbruch?
Eher nicht. Hauner erwartet durch neue Wirkstoffe wie Orforglipron und Retatrutid vor allem „mehr Optionen“. Eine grundlegende Veränderung der Therapie sieht er nicht. Zugleich gebe es noch viele offene Fragen zu Langzeiteffekten und Langzeitnebenwirkungen.
Warum sind Online-Verordnungen problematisch?
Die Behandlung sollte nach Meyers Einschätzung immer unter ärztlicher Aufsicht und Betreuung erfolgen. Vor einer Verordnung müsse unter anderem geprüft werden, ob Begleiterkrankungen oder Ursachen der Gewichtszunahme vorliegen und ob Gegenanzeigen bestehen. „Deswegen halte ich es für sehr kritisch, das ohne ärztliche Betreuung irgendwo online zu beziehen.“
Hauner kritisiert Geschäftsmodelle, bei denen Medikamente über Onlineanbieter schnell bereitgestellt werden. Es gebe dort teilweise keine ausreichende ärztliche Betreuung. Auch die Angaben der Patientinnen und Patienten zu Gewicht und Größe würden nicht unbedingt überprüft. Meyer ergänzt, dass bei solchen Angeboten zudem die begleitenden Lebensstilmaßnahmen häufig vollständig fehlten.
Wie groß ist die Gefahr von Fälschungen?
Hauner schätzt das Risiko als „sehr hoch“ ein. Fälschungen seien bereits in den vergangenen Jahren aufgetreten; gleichzeitig werde es über das Internet immer einfacher, Medikamente weltweit zu vertreiben.
Er rät deshalb dazu, solche Medikamente nur nach ärztlicher Verordnung zu beziehen und bei Angeboten im Internet skeptisch zu sein – insbesondere, wenn diese mit großen Versprechen werben. Es gebe „viele Beispiele für Missbrauch, zum Teil auch für schwere Schäden, durch solche Internetangebote“.
Was kostet die Tablette?
Hauner erwartet einen Preis in einer ähnlichen Größenordnung wie für die Wegovy-Injektion. Die genauen Preise seien ihm zum Zeitpunkt des Gesprächs allerdings noch nicht bekannt.
Die Kosten müssen Patientinnen und Patienten in Deutschland bislang selbst tragen. Denn: Abnehmmittel gelten in Deutschland als sogenannte Lifestyle-Arzneimittel und sind daher keine Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung. Bislang kostete die Behandlung mit den Abnehmspritzen einige Hundert Euro pro Monat. Es gibt allerdings Diskussionen darüber, ob die Behandlung für bestimmte Personengruppen mit Adipositas doch zur Kassenleistung werden sollte.
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