Westfalen-Lippe: Bessere Anreize für Niederlassung auf dem Land schaffen
Dortmund – Damit sich auch zukünftig genügend Ärztinnen und Ärzte auf dem Land in eigener Praxis niederlassen, müssen bessere Anreize geschaffen werden. Ansonsten lässt sich die medizinische Versorgung in der Fläche nicht mehr sicherstellen. Das war der Tenor einer gemeinsamen Veranstaltung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe und der Techniker Krankenkasse, die mit rund 100 Teilnehmern gestern in Dortmund stattfand. Noch sei die Versorgung in Westfalen-Lippe gesichert, erklärte der 2. Vorsitzende der KV, Gerhard Nordmann. Allerdings seien bereits 1.757 der insgesamt 4.977 Hausärzte in Westfalen-Lippe älter als 60 Jahre, und die Nachwuchsgewinnung gestalte sich schwierig.
Um Unterversorgung in ländlichen Bereichen vorzubeugen, gebe es nicht die eine Lösung, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Ingrid Fischbach. Die Ansprüche der jungen Ärzte hätten sich verändert. Sie achteten mehr als frühere Generationen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vernünftige Arbeitszeiten. Viele wollten nicht die Verantwortung in einer Einzelpraxis übernehmen.
„Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz haben wir anknüpfend an die bereits mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz vorgesehenen Maßnahmen eine Reihe an Möglichkeiten geschaffen, die es Ärzten erleichtert, dort tätig zu sein, wo sie für eine gute Versorgung der Patienten gebraucht werden“, betonte Fischbach. So könnten die KVen Sicherstellungszuschläge an diejenigen Vertragsärzte zahlen, die in unterversorgten Gebieten tätig würden.
Zusätzliche Fördermöglichkeiten für eine Niederlassung gebe es über den Strukturfonds, in den KVen und Kassen jeweils 0,1 Prozent der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung einzahlen. Daraus könnten beispielsweise Zuschüsse zu Investitionskosten bei der Niederlassung oder der Gründung einer Zweigpraxis, Vergütungs- und Ausbildungszuschläge oder Stipendien für Studierende gewährt werden. Wichtig sei aber auch, so Fischbach, den Zugang zum Medizinstudium neu zu gestalten. Das sei Teil des Masterplans Medizinstudium 2020, den die Bundesregierung derzeit entwickle.
„Einserkandidaten haben oft andere Interessen als die Versorgung“
Um dem drohenden Nachwuchsmangel entgegenzuwirken, hat die KV Westfalen-Lippe eine Kampagne zur Niederlassungsförderung gestartet. „Wir sprechen die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung in den Krankenhäusern gezielt an“, sagte KV-Vorstand Nordmann. „Dasselbe wollen wir jetzt auch an den Unis starten.“ Dabei gehe es nicht darum, für den Hausarztberuf zu werben, sondern grundsätzlich für die Niederlassung.
Drohende Regresse, hohe Arbeitsbelastung bei geringer Vergütung, kaum Zeit für die Familie – diesen Vorurteilen vieler Studierender und junger Ärzte widersprach Nordmann ausdrücklich: „Wir in Westfalen-Lippe haben einen funktionierenden Notdienst, der die Ärzte entlastet. Wir haben die Residenzpflicht aufgehoben, und die Regressangst ist unbegründet.“ Ähnlich wie Fischbach sprach sich auch Nordmann für andere Zugangsvoraussetzungen zum Medizinstudium aus. „Einserkandidaten haben oft andere Interessen als die Versorgung“, meinte er. Das System müsse durchlässiger werden. So müsse es beispielsweise Rettungssanitätern ermöglicht werden, ein Medizinstudium aufzunehmen.
Patienten befürchten lange Wartezeiten und lange Wege zu ihrem Arzt
„Jeder zweite Versicherte hat Sorge vor langen Wartezeiten auf Arzttermine und langen Wegen für eine medizinische Behandlung“, erklärte der Leiter der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen der Techniker Krankenkasse, Günter van Aalst mit Blick auf eine eigene Umfrage. Um auch in Zukunft eine gute Versorgung zu sichern, müsse man vorhandene Kapazitäten nutzen, indem beispielsweise Versorgungsassistentinnen in den Praxen oder technische Möglichkeiten wie die Telemedizin gefördert würden. Man müsse aber auch starre Sektorengrenzen in der Versorgung überwinden.
Diesen Aspekt unterstrich auch Wolfgang Greiner, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Die drohende Unterversorgung auf dem Land sei nicht nur eine Frage der reinen Arztzahlen und auch nicht vorrangig eine Frage der Honorierung, sagte der Gesundheitsökonom an der Universität Bielefeld. Das Aufbrechen sektoraler Grenzen sei unumgänglich.
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