Wie das Immunsystem nach Entzündungen wieder abbremst
Heidelberg – Einen Mechanismus, der nach einer Entzündungsreaktion die Immunkaskade abbremst und so langfristig Zellschäden und möglichen Autoimmunerkrankungen vorbeugt, haben Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum und vom Universitätsklinikum Heidelberg entdeckt. Ihre Arbeit ist in der Fachzeitschrift Molecular Cell erschienen (2017; doi: 10.1016/j.molcel.2016.12.021).
Die Forscher konzentrierten sich dabei auf die Infektion mit RNA-Viren, also auf Viren, deren Genom aus RNA besteht. Das Ebolavirus und Influenzaviren gehören dazu, aber auch viele andere Erreger. Ein Sensor für Infektionen mit RNA-Viren ist der Rezeptor RIG-I (retinoic acid inducible gene I), der das Erbgut der Viren an seiner speziellen Struktur erkennt, bindet und dann Abwehrreaktionen auslöst. Circa acht Stunden nach der Infektion aktiviert RIG-I seinen eigenen Gegenspieler: DAPK1 (death associated protein kinase 1), ein schon länger bekanntes Enzym, das RIG-I inaktiviert, sodass es RNA-Viren nicht mehr erkennen kann. In der Folge wird die Abwehr gebremst.
Laut der Arbeitsgruppe um Marco Binder vom DKFZ verfügt dieser Regulationsmechanismus über eine Art Zeitschaltuhr, die dafür sorgt, dass RIG-I zunächst ungebremst die Verteidigung gegen die Viren vorantreiben kann. Die aktuelle Studie zeigte am Beispiel von Influenzaviren, die menschliche Zellen infizierten, dass DAPK1 erst circa acht Stunden nach der Infektion aktiviert wird. „Sobald DAPK1 voll aktiv ist, sehen wir, wie im Gegenzug das antivirale Abwehrprogramm langsam wieder heruntergefahren wird“, so Binder. Sie konnten zeigen dass beide Reaktionen zusammenhängen.
Die Heidelberger Wissenschaftler kamen dem neuen Regelkreis auf die Spur, indem sie in menschlichen Zellkulturen nacheinander alle bekannten 719 menschlichen Kinase-Gene gentechnisch ausschalteten. Dabei stellten sie fest, dass die Kinase DAPK1 das antivirale Programm der Zelle messbar bremst, indem es eine Phosphatgruppe auf RIG-I überträgt. Die Phosphorylierung inaktiviert das RIG-I und die Viren konnten sich ungebremst vermehren.
Die neuen Erkenntnisse könnten auch einen Hinweis darauf geben, warum eine chronische Infektion mit Hepatitis-C-Viren bei einigen Patienten zu Leberkrebs führt. Hepatitis-C-Viren gelingt es, sich dauerhaft in Leberzellen einzunisten. Der Sensor RIG-I bleibt dabei fortwährend aktiv und könnte auf diese Weise auch DAPK1 permanent aktivieren. „Aktuelle Studien zeigen, dass bei bestimmten sehr aggressiven Tumoren eine Aktivierung von DAPK1 das Tumorwachstum massiv fördert“, erläuterte Binder.
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