Vermischtes

Wissenschaftsakademien: Bessere Datennutzung für wirksamere Demenzprävention

  • Freitag, 27. März 2026
/freshidea, stock.adobe.com
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Berlin – Mehrere Wissenschaftsakademien machen sich für eine datengetriebene Demenzprävention in Deutschland stark. Dazu müssten sowohl neue Daten für die Forschung erhoben als auch vorhandene Daten besser genutzt sowie mittelfristig Erkenntnisse in die Versorgung gebracht werden, heißt es in einer knapp 60-seitigen gemeinsamen Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften sowie der Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech).

Die Stellungnahme schlägt weniger einen konkreten Fahrplan mit detaillierten Schritten vor, sondern umreißt vielmehr notwendige Maßnahmen und setzt Leitplanken für eine bessere Demenzprävention.

Da eine Heilung oder effektive Behandlung von Demenz „aktuell nicht absehbar“ sei, biete die Vermeidung oder Reduktion beeinflussbarer Risikofaktoren im Moment die beste Möglichkeit zur Linderung der Krankheitslast, heißt es in der Stellungnahme.

„Demenzen sind keine zwangsläufige Alterserscheinung und auch nur zu einem geringen Anteil erblich – wir könnten somit das Auftreten einer Demenz beeinflussen“, erklärte die Leiterin der Akademien-Arbeitsgruppe, Svenja Caspers vom Universitätsklinikum Düsseldorf und vom Forschungszentrum Jülich.  

Viele Demenzfälle vermeidbar

Die Möglichkeiten für Demenzprävention würden derzeit nicht ausgeschöpft. „Dafür müssen wir das Zusammenspiel von Risikofaktoren besser verstehen und Menschen in der Prävention individuell unterstützen.“ Ein mögliches Ziel sei, jedem Menschen das individuelle Demenzrisiko sagen und darauf abgestimmte Handlungsratschläge geben zu können, sagte Caspers bei einem Presse-Briefing.

Ende vergangenen Jahres hatten Forschende berechnet, dass in Deutschland 36 Prozent der Demenzfälle durch zwölf vermeidbare Risikofaktoren bedingt sind. Dazu gehören unter anderem Bluthochdruck, Schwerhörigkeit, zu hohe Blutfettwerte, niedriges Bildungsniveau und körperliche Inaktivität.

„Insbesondere könnte eine Senkung der Prävalenz der Risikofaktoren um 15 Prozent theoretisch dazu führen, dass bis 2050 etwa 170.000 Demenzfälle verhindert oder hinausgezögert werden könnten“, so das deutsche Forschungsteam.

Die Akademie-Fachleute unterscheiden zwischen Verhaltens- und Verhältnisprävention. Verhaltensprävention bezieht sich auf Maßnahmen, die eine einzelne Person mit Blick auf die eigene Gesundheit ergreifen kann, also beispielsweise Ernährung, Bewegung, ein Rauchstopp oder die Pflege sozialer Kontakte. Verhältnisprävention bezieht sich auf äußeren Bedingungen, die für ein risikoarmes Leben notwendig sind.

Lange vor dem Auftreten einer Erkrankung könne mittlerweile ein erhöhtes Demenzrisiko ermittelt werden, heißt es in dem Bericht. Diesen Menschen könnten gezielte Präventionsmaßnahmen empfohlen werden.

Dabei schränken die Fachleute indes ein: „Die Voraussetzungen für einen optimalen Zuschnitt individualisierter Demenzprävention sind bislang allerdings noch nicht hinreichend bekannt und erfordern daher weitere Forschung.“ Bereits heute sei es aber möglich, die Demenzprävention auf Grundlage individueller Risikoprofile signifikant zu verbessern.

Zur Bestimmung des individuellen Risikos können Lebensstilfaktoren, genetische Faktoren, Blutbiomarker, digitale Biomarker, bildgebende Diagnostik und der kognitive Status herangezogen werden.

Den Autorinnen und Autoren der Stellungnahme schwebt vor, dass in einem ersten Schritt gefährdete Personen mit einem breit anwendbaren Verfahren identifiziert werden. In einem zweiten Schritt sollen die „Betroffenen dann mit spezifischeren Verfahren auf relevante pathologische Veränderungen im Zusammenhang mit einer Demenz hin beobachtet“ werden.

Demenzprävention in mehreren Schritten

Die Akademien benennen mehrere besonders relevante Punkte:

  • Die Nationale Demenzstrategie sollte als Dekade für Gehirngesundheit nach 2026 fortgeschrieben und weiterentwickelt werden. Mit einer solchen Dekade dürften unter anderem mehr öffentliche Aufmerksamkeit sowie Fördergelder einhergehen.

  • Die Autorinnen und Autoren der Stellungnahme wünschen sich einen besseren Zugriff von Forschenden auf bestehende Daten. Sie machen sich unter anderem für die Einführung eines sogenannten Unique Identifiers (UID) stark. Das ist eine persönliche Identifikationsnummer für jeden Menschen, mit der sich Daten aus unterschiedlichen Erhebungen verknüpfen ließen.

  • Es sollte mehr zu molekularen und zellulären Grundlagen der Krankheit und zu Demenzrisiko-Biomarkern geforscht werden.

  • Bürgerinnen und Bürger sollte verstärkt der Wert der Demenz-Prävention vermittelt werden. „Aktuell halten weltweit 80 Prozent der Menschen Demenz für eine Alterserscheinung und nicht für eine Krankheit“, heißt es in einer Pressemitteilung zu der Stellungnahme. 

  • Eine Forschungs- und Präventions-App könnte digitale Biomarker erfassen, beispielsweise mittels Spracherkennung oder Fragebögen. „So können individuelle Risikoprofile erhoben werden, die ein Risikoscreening ermöglichen.“

  • Gleichzeitig sollte auf Bevölkerungsebene eine gesunde Lebensweise gefördert werden, etwa durch die Reduzierung des Alkohol- und Tabakkonsums oder durch Gestaltung einer bewegungsfördernden Umgebung.

Zuletzt lebten in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz, bei geschätzt 445.000 Neuerkrankungen im Jahr. Die Expertengruppe der Akademien geht davon aus, dass die Zahl der Demenzkranken in den kommenden 25 Jahren auf 2,7 Millionen steigen wird.

fri

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