Zoonotische Influenza A(H5): Neue STIKO-Impfempfehlung für zwei Berufsgruppen

Berlin – Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für zwei Gruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko erstmals eine Grundimmunisierung gegen zoonotische Influenza A(H5). Es geht um Laborpersonal, das gezielte Tätigkeiten mit diesen Viren ausführt, sowie um Beschäftigte in der Tierseuchen-/Ausbruchsbekämpfung, wie die STIKO kürzlich im Epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Instituts (RKI) bekanntgab.
Wann die Empfehlung in die Umsetzung gehen kann, war allerdings zunächst unklar. Denn den Angaben zufolge sind in der Europäischen Union (EU) zwar bereits solche Impfstoffe zugelassen, sie stünden in Deutschland derzeit aber nicht regulär zur Verfügung.
„Für die praktische Umsetzung müssen insbesondere Beschaffung, Bereitstellung und Zugangswege geklärt werden“, erklärte das RKI auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes. „Ein belastbarer Zeitpunkt, ab dem A(H5)-Impfstoff in Deutschland verfügbar sein wird, kann derzeit nicht genannt werden.“
Der STIKO-Empfehlung zufolge liegt die Verantwortung für das Unterbreiten von Impfangeboten, Organisation und Finanzierung beim jeweiligen Arbeitgeber beziehungsweise bei der für den Einsatz verantwortlichen Stelle. Die Umsetzung erfolge primär über betriebsärztliche und arbeitsmedizinische Dienste.
Hintergrund des Schrittes ist auch, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Mitgliedstaaten empfohlen hat, Empfehlungen für die Nutzung von Impfstoffen gegen zoonotische Influenza A(H5) zu erstellen.
Weitere genetische Anpassung des Virus verhindern
Mit der Empfehlung wird darauf abgezielt, einerseits schwere Krankheitsverläufe bei den beiden genannten Gruppen zu verhindern. Andererseits könnte eine Reduktion solcher Infektionen zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit beitragen, dass sich das Virus weiter an den Menschen anpasst und es zu nachhaltigen Mensch zu-Mensch-Übertragungen kommt. „Die Impfung könnte somit dazu beitragen, das Risiko einer Influenzapandemie zu senken“, erläutert die STIKO.
Für beruflich exponierte Gruppen sehen die zuständigen europäischen und deutschen Behörden ein geringes bis moderates Infektionsrisiko. Für die Allgemeinbevölkerung wird es dem RKI zufolge als nicht erhöht eingeschätzt.
Bei Menschen in Deutschland und in der EU sind bisher noch keine Influenza-A(H5)-Infektionen nachgewiesen worden. In anderen Ländern werden sporadisch Fälle von A(H5N1) gemeldet, in der jüngeren Vergangenheit vor allem nach direktem Kontakt zu infiziertem Geflügel. In den USA waren seit 2024 auch Menschen nach Kontakt zu infizierten Milchkühen betroffen. „Eine anhaltende Mensch-zu-Mensch Übertragung ist bisher nicht nachgewiesen“, erklärt die STIKO.
Zunehmende Verbreitung bei Wildvögeln und Säugetieren
Im Tierreich hingegen haben die Nachweise in den vergangenen Jahren auch hierzulande zugenommen. Das betrifft Säugetierarten wie Rotfüchse, Waschbären und Hauskatzen. „Dies macht eine endemische Zirkulation von A(H5) in Deutschland in der Wildvogelpopulation wahrscheinlich“, heißt es im Epidemiologischen Bulletin. Anders als in den USA sind bisher in Deutschland keine Fälle bei Milchkühen bekannt geworden, dies wird aber überwacht.
Vor dem Hintergrund der Ausbreitung der Vogelgrippe im Tierreich hatte die STIKO im vergangenen Jahr bereits die Indikationsempfehlung zur saisonalen Influenzaimpfung auf Menschen mit direktem Kontakt zu nachweislich oder möglicherweise mit Influenza-A(H5)-Viren infizierten Tieren ausgeweitet. Ziel ist ein reduziertes Risiko von Koinfektionen mit humanen und zoonotischen Influenzaviren, denn vor einer Infektion mit A(H5)-Viren schützt die saisonale Grippeschutzimpfung nicht.
Welche Impfstoffe in Frage kommen könnten
Verwendet werden soll ein zugelassener und auf den aktuell zirkulierenden Stamm angepasster zoonotischer Influenza A(H5)-Impfstoff – und das möglichst bereits vor der Exposition, so die STIKO. Die Impfung sei aber kein Ersatz für Infektionsschutzmaßnahmen wie persönliche Schutzausrüstung.
Die drei bisher in der EU zugelassenen A(H5)-Impfstoffe sind nach STIKO-Angaben inaktivierte Subunit-Impfstoffe. Die Grundimmunisierung bestehe aus zwei Dosen, die im Abstand von drei Wochen verabreicht werden.
Allerdings ist nur eines dieser drei Vakzine auf die derzeit zirkulierende Klade in Europa abgestimmt: der 2023 zugelassene Impfstoff Zoonotic Influenza Vaccine Seqirus. Bei den beiden anderen (Aflunov und Celldemic) sei der berücksichtigte Antigenstamm schon älter, es könne kein direkter Schutz gegen aktuell zirkulierenden Viren erwartet werden. Bei Bedarf könnten diese jedoch angepasst werden.
Die verfügbare Evidenz der Influenza-A(H5)-Impfstoffe zeige nach zwei Dosen hohe Serokonversions- und Seroprotektionsraten, fasst die STIKO zusammen. Klinische Wirksamkeitsdaten lägen aufgrund der geringen Inzidenz von A(H5)-Infektionen beim Menschen nicht vor. Relevante Sicherheitssignale hätten sich nicht gezeigt. Insgesamt sei die Evidenz zur Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe derzeit aber limitiert.
Eine Teilgruppe wohl eher schwierig erreichbar
Zu den Ländern, die bereits gegen Influenza A(H5) impfen, gehören Kanada und Finnland. Finnland hatte damit bereits 2024 begonnen, da es große Vogelgrippeausbrüche auf Pelztierfarmen gegeben hatte. Im Zeitraum Juni 2024 bis Januar 2025 wurde in der Zielgruppe (Beschäftigte in der Pelztier- und Geflügelindustrie, Tierärztinnen und Tierärzte sowie Laborpersonal) aber nur eine Impfquote von 8,6 Prozent erreicht, berichtet die STIKO.
Barrieren seien unter anderem eine erhebliche Unsicherheit über die Ernsthaftigkeit der Erkrankung, eine geringe persönliche Risikowahrnehmung sowie ein strukturelles Misstrauen gewesen. Über persönliche Kommunikation sei hingegen in Kanada in den ersten Monaten eine Impfquote von rund 36 Prozent erreicht worden. Zielgruppe dort waren primär Laborpersonal und Personen mit direktem Kontakt zu nachweislich oder möglicherweise infizierten Tieren oder deren Umgebungen.
Hierzulande wird davon ausgegangen, dass Laborpersonal institutionell eingebettet ist und daher in der Regel über Betriebsmediziner erreicht werden kann. Bei den Tierseuchen- und Ausbruchsbekämpfern würden Einsätze von Behörden koordiniert, was eine gezielte Ansprache erleichtere.
Hemmnisse könne es allerdings bei Teilen des Keulungs- und Bergungspersonals geben, so die STIKO: Es gehe häufig um Menschen in saisonalen oder kurzfristigen Arbeitsverhältnissen. Hinzu kämen Sprachbarrieren, eine eingeschränkte Anbindung an das Gesundheitssystem sowie eine möglicherweise geringe Risikowahrnehmung.
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