Zu wenig strukturierte Gesundheitsförderung in mittelständischen Unternehmen

Berlin – In den meisten mittelständischen Unternehmen fehlt es an systematischen Maßnahmen zur Gesunderhaltung der Belegschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Befragung im Auftrag der Barmer.
Zwar sehen Führungskräfte die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden nach Kundenzufriedenheit und Produkt- beziehungsweise Dienstleistungsqualität als den drittwichtigsten Faktor für unternehmerischen Erfolg. Die Mehrheit biete jedoch keine gesteuerten Maßnahmen zur Gesunderhaltung an – wie eine datenbasierte Bedarfsanalyse oder Suchtprävention.
Die Agentur FAZ Business Media Research hatte im Auftrag der Barmer zwischen März und Mai 550 Interviews mit Unternehmensentscheidern aus Betrieben mit 50 bis 2.000 Mitarbeitenden geführt.
Von ihnen gaben 38 Prozent an, dass es in ihren Betrieben eine zuständige Fachkraft oder Abteilung für gesundheitsfördernde Angebote gibt. Zwölf Prozent erklärten, dass das zumindest geplant sei. Mit 34 Prozent gab ein gutes Drittel an, dass in ihren Unternehmen Impfungen angeboten werden, weitere neun Prozent sagten, dies sei geplant.
29 Prozent erklärten, dass ihre Unternehmen Gesundheitsberichte bei den Krankenkassen abfragen. Elf Prozent sagten, dies sei geplant. Angebote zur Suchtprävention haben nach Angaben der Befragten nur 21 Prozent der Firmen.
Prävention bleibt oft oberflächlich
Deutlich verbreiteter seien hingegen einfache Maßnahmen wie kostenfreie Getränkeversorgung oder ergonomische Arbeitsplatzgestaltung. 79 und 63 Prozent bieten dies nach eigenen Angaben ihren Beschäftigten. 62 Prozent sagten, dass es in ihren Firmen Bewegungs- und Gesundheitsförderangebote gebe.
„Viele Unternehmen kümmern sich aktiv um die Gesundheit ihrer Belegschaft, schaffen sichtbare Angebote und investieren in konkrete Maßnahmen“, schreiben die Autorinnen und Autoren der Erhebung. „Doch was gut gemeint ist, bleibt häufig noch an der Oberfläche.“ Weitverbreitet seien Maßnahmen, die im Wesentlichen keine systematische Planung, kein Fachwissen und keine institutionelle Verankerung erfordern.
So gebe es in der Regel keine Instanz, die Bedarfe erkenne, Maßnahmen plane und Wirkungen bewerte. Planungsabsichten und tatsächliche Implementierung würden weit auseinanderklaffen, hieß es. Dabei würde Gesundheitsförderung selten an Konzepten scheitern, sondern vielmehr am Arbeitsalltag.
53 Prozent der Befragten gaben an, dass fehlende zeitliche Ressourcen die Umsetzung gesundheitsfördernder Maßnahmen erschweren würden. 40 Prozent nannten ein fehlendes Budget und 36 Prozent fehlende personelle Kapazitäten. 34 Prozent gaben die Priorisierung anderer Unternehmensziele als Grund an.
Eine deutliche Lücke klafft zudem zwischen Wahrnehmung und Realität von Kurzzeitkrankschreibungen. So erklärten 47 Prozent der Befragten, sie würden glauben, ihre Mitarbeitenden ließen sich „heutzutage zu schnell bei Kleinigkeiten krankschreiben“. Nur 28 Prozent gaben an, dass sie dem nicht oder eher nicht zustimmen würden. Die Unternehmensentscheider würden damit „ein Misstrauenssignal gegenüber Kurzerkrankungen“ senden, resümieren die Autoren des Berichts.
Gleichzeitig gaben jedoch 44 Prozent an, dass die Zahl der Krankmeldungen von einem bis drei Tagen in den vergangenen Jahren unverändert geblieben sei. 21 Prozent sehen gar einen Rückgang. Nur ein Drittel gab an, dass die Zahl der Kurzeitkrankschreibungen angestiegen sei.
Auch stehen die in den Unternehmen getroffenen Gesundheitsmaßnahmen in einem Missverhältnis zur angegebenen Wahrnehmung der Bedeutung eines guten Gesundheitsmanagements. 94 Prozent der befragten Entscheider halten die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden 94 Prozent halten für wichtig oder eher wichtig für den Unternehmenserfolg. Nur Kundenzufriedenheit und Produkt- beziehungsweise Dienstleistungsqualität werden hier mit 97 und 96 Prozent höher bewertet.
Damit räumen sie der Gesunderhaltung ihrer Belegschaft nach ihren eigenen Angaben eine größere Rolle ein als Innovation und Digitalisierung oder Nachhaltigkeit und Umweltschutz (jeweils 73 Prozent). Befragt wurden die Entscheidungsträger nur nach ihrer eigenen Bewertung beziehungsweise Einschätzung. Ob sie und ihre Unternehmen diese Themen auch faktisch ausreichend priorisieren, war hingegen nicht Teil der Erhebung.
Keine großen Unterschiede gibt es zudem bei der Aufteilung nach eigener mentaler und körperlicher Gesundheit sowie jener der Beschäftigten. Jeden der vier Faktoren halten in der Summe 93 Prozent der Befragten für wichtig oder eher wichtig.
Im Detail zeigt sich dabei, dass Führungskräfte ihr eigenes Wohlergehen etwas stärker priorisieren als das ihrer Mitarbeitenden. 74 und 72 Prozent hielten die eigene mentale und körperliche Gesundheit für wichtig. Über die körperliche und mentale Gesundheit ihrer Belegschaft sagten das 68 und 61 Prozent.
„Diese hohe Bedeutung lässt darauf schließen, dass Gesundheitsmanagement im Mittelstand als Kernkompetenz begriffen wird“, schreiben die Autorinnen und Autoren der Auswertung. Es sei deshalb auch kaum verwunderlich, dass 73 Prozent der Befragten der These zugestimmt haben, dass das Thema „gesunde Arbeit“ bei strategischen Entscheidungen wichtig sei.
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