ABDA-Vorschläge in der Kritik: Warnungen vor gesundheitspolitischer Fehlsteuerung

Berlin – Deutliche Gegenreaktionen der ärztlichen Verbände hat das Positionspapier der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zur Beteiligung an der Primärversorgung ausgelöst. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), sowie Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), erteilten einer solchen „Primärversorgung light“ heute gemeinsam eine klare Absage.
„Die von der ABDA vorgelegten Vorschläge laufen auf eine gesundheitspolitische Fehlsteuerung hinaus“, betonte Reinhardt. Sie würden die grundlegenden Anforderungen an eine hochwertige Primärversorgung verkennen. „Diese lebt von einer umfassenden ärztlichen Diagnostik, von Therapieentscheidungen auf Grundlage eines ganzheitlichen Krankheitsverständnisses und von klar geregelter Verantwortungsübernahme“, betonte er.
Alles das lasse sich nicht durch punktuelle, selektive Angebote in Apotheken ersetzen, so der BÄK-Präsident. Wer Primärversorgung neu ordne, dürfe sie nicht fragmentieren – genau darauf liefen aber die Vorschläge der ABDA hinaus.
Nur mit einer Stärkung der bestehenden ärztlichen Versorgung und einer „sinnvollen Zusammenarbeit der Professionen entsprechend der jeweiligen Qualifikationen“ ließen sich Qualität, Kontinuität und Verantwortlichkeit in der Versorgung verlässlich sichern.
Als „abwegig“ bezeichnete KBV-Chef Gassen die Vorstellungen der ABDA. „Die Idee einer Primärversorgung durch nicht ärztliche Berufe mag für Apotheken finanziell verlockend sein, führt aber zu einer deutlichen Verschlechterung der Versorgung und zu Zusatzkosten.“
Auch der Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands (Spifa) sieht die Inhalte des Positionspapier höchst kritisch. „Wir Fachärztinnen und Fachärzte arbeiten gut und vertrauensvoll mit den Apothekerinnen und Apothekern zusammen“, stellte Dirk Heinrich, Vorstandsvorsitzender des Spifa, fest.
Medizinisch wirksame Therapien setzten jedoch Diagnosen voraus. Belastbare Diagnosen könnten ausschließlich Ärzte stellen. Pharmazeutische Kompetenzen seien in keiner Weise mit ärztlichen Kompetenzen vergleichbar. Der Spifa fordert die ABDA auf, „Abstand von derartigen Gedankenspielen zu nehmen und sich auf die pharmazeutischen Kernkompetenzen zu konzentrieren“.
Die stärkere Einbindung von Apotheken in Ersteinschätzungen und Testungen bei medizinischen Problemen oder erweiterte Befugnisse bei der Arzneimittelabgabe können die aktuellen Herausforderungen der medizinischen Versorgung nicht lösen, warnten die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) und die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB).
„Apothekerinnen und Apotheker leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Arzneimittelversorgung und -therapiesicherheit. Primärversorgung bedeutet jedoch weit mehr als nur ein möglichst niedrigschwelliges Angebot. Sie umfasst Anamnese, Untersuchung, Diagnostik, Therapieentscheidung und Behandlung in ärztlicher Verantwortung“, erklärte Gerald Quitterer, Präsident der BLÄK.
Gerade vermeintlich einfache Beschwerden seien häufig medizinisch nicht eindeutig. Hinter harmlos erscheinenden Symptomen könnten sich ernsthafte Erkrankungen verbergen. Deshalb brauche es die ärztliche Einordnung des gesamten Krankheitsbildes. Das Pharmaziestudium qualifiziere für die Arzneimittelversorgung, nicht jedoch für ärztliche Diagnostik und Therapie.
Kritisch bewerten BLÄK und KVB insbesondere die Vorschläge, Apotheken stärker in digitale Ersteinschätzungssysteme einzubinden, diagnostische Testungen auszuweiten oder den Status bei chronischen Erkrankungen zu überwachen. Diese Aufgaben griffen unmittelbar in ärztliche Diagnostik und Therapieentscheidungen ein und dürften deshalb nicht ohne ärztliche Verantwortung organisiert werden.
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