Ärztekammer Nordrhein drängt auf höheres Impftempo

Düsseldorf – Die Politik muss dringend die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, damit das Tempo bei den Impfungen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 erhöht werden kann. Darauf drängt die Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo). Ein Übermaß an Dokumentation und Bürokratie behindert nach Ansicht des Ärzteparlaments das Impfen in den Praxen und Betrieben.
„Es heißt jetzt vorrangig, beim Impfen Tempo zu machen“, betonte Rudolf Henke „Die Ärzteschaft in Nordrhein ist bereit, schnell in das Impfgeschehen einzugreifen“, so der Präsident der ÄKNo in der jüngsten Sitzung der Kammerversammlung, die als Videokonferenz über das Internet stattgefunden hat.
Neben Henke und dem ÄKNo-Vizepräsidenten Bernd Zimmer war lediglich ein kleines Team aus Mitarbeitern der Verwaltung und Technikern im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft, das für den reibungslosen Ablauf der Onlinesitzung des Ärzteparlaments gesorgt hat.
Nach Ansicht des Kammerpräsidenten ist das von der Politik vorgegebene Ziel von täglich einer Million Impfungen ohne die Einbindung der Vertrags- und Betriebsärzte nicht zu erreichen. „Und deswegen können wir nur dringend appellieren, die vorhandenen Ressourcen der bundesweit 75.000 Praxen und das Potenzial von Impfungen in Betrieben zu nutzen.“
Um das Ziel zu erreichen sind Henke zufolge „wichtige Vorbereitungen“ nötig. Dazu zählten „feste Liefertermine für Impfstoffe, schnelle Meldewege, genügend Impfstoff und eine adäquate Vergütung“. „Daher muss die Politik jetzt liefern, um Tempo zu machen bei den Impfungen.“
Praxisteams impfen
Zur Vorbereitung der Impfungen in den Praxen und Betrieben gehört nach Ansicht Henkes auch, dass die Praxisteams und die Betriebsärzte umgehend ein Impfangebot erhalten. „Das hat jetzt in Nordrhein-Westfalen (NRW) endlich flächendeckend begonnen und es muss schnell zum Abschluss kommen. Und das mahnen wir an.“ Darüber hinaus sollten alle im Gesundheitswesen Tätigen zeitnah ein Impfangebot erhalten, sofern das noch nicht geschehen ist.
„Genauso wenig können wir, wenn wir schnell impfen wollen, Priorisierungsdiskussionen in den Praxen gebrauchen“, sagte der Ärztepräsident. Er halte zwar die Priorisierung im Hinblick auf den Schutz von Leib und Leben der Schwächsten in der Gesellschaft noch für einige Zeit für unverzichtbar.
„Die Aufklärung über die Impfstrategie kann aber nicht in den Praxen und Betrieben abgeladen werden.“ Henke forderte daher eine „transparente und verständliche Kommunikation“ außerhalb von Praxen und Betrieben. Nur so könne schnell geimpft werden. Von Bundes- und Landesregierung verlangte er in diesem Zusammenhang, der Ärzteschaft zu vertrauen.
Austausch eingeschlafen
Gleichzeitig monierte er, dass der „regelmäßige und strukturierte Austausch“ aller Akteure im Gesundheitswesen mit dem Land inzwischen eingeschlafen sei. „Das erschwert natürlich die gemeinsamen Kraftanstrengungen, die zum Beispiel nötig sind, um eine erfolgreiche und schnelle Impfkampagne im Land durchzuführen.“ Henke appellierte daher an das Land, den Austausch wieder zu etablieren, damit alle Akteure stets den gleichen Informationsstand haben und etwaige Probleme schnell identifiziert und gelöst werden können.
Kritik übte der Kammerpräsident auch an den von den Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel jüngst beschlossenen Lockerungen. Deutschland verzeichne seit Mitte Februar wieder eine stetige, zunächst noch geringe, jetzt aber deutlich beschleunigte Ausbreitung des Infektionsgeschehens. „Dennoch sind wir in einer Phase, in der Öffnungen von Kitas und Schulen, Sporteinrichtungen und Teilbereichen des Einzelhandels vorangetrieben und weitere gefordert werden und der Osterurlaub von vielen gedanklich schon fest geplant wird‘“, betonte Henke.
Die Öffnungen und Lockerungen bergen nach Ansicht des Kammerpräsidenten ein Risikopotenzial bergen, dessen man sich bewusst sein müsse. „Und nachdem ich schon den letzten Beschluss der MPK bei der Kanzlerin wegen der Gesamterwartungen in der Bevölkerung für unglücklich angesehen habe, habe ich jetzt das Gefühl, dass die Notbremse, die bei einer Inzidenz von über 100 gezogen werden soll, in Frage gestellt wird.“ Dabei sollten erste Lockerungen die Menschen nicht zu locker machen. „Der Einhaltung der bekannten Hygieneregeln wie Abstand halten, Nutzen von vorgeschriebenen Masken und Lüften kommt derzeit noch immer überragende Bedeutung zu.“
Den Ansichten des Präsidenten schloss sich die Kammerversammlung weitgehend an und verabschiedete bei drei Gegenstimmen und acht Enthaltungen einen Antrag des Vorstands mit Forderungen für die weitere Bewältigung der Pandemie. Demnach soll das Potenzial der Impfungen voll ausgeschöpft werden, um den Aufbau einer Immunität in der Bevölkerung zu beschleunigen.
Dazu zähle, dass die Impfungen nicht durch ein Übermaß an Dokumentationspflichten und Bürokratie behindert werden. Zudem müssten alle zugelassenen Impfstoffe auch genutzt werden. „Wir können es uns schlicht nicht leisten, dass Impfstoff liegenbleibt oder Impftermine verfallen“, sagte Henke zur Antragsbegründung.
Darüber hinaus sprach sich die Kammerversammlung mit der Verabschiedung des Vorstandsantrags dafür aus, dass Schnell- und Selbsttests zielgerichtet eingesetzt und nicht nach einem „ungesteuerten Gießkannenverfahren vergeudet“ werden sollen. Für alle Anwendungszusammenhänge seien stimmige Testkonzepte umzusetzen, die vor der Auswahl der zu testenden Personen für die Durchführung bis hin zur Ableitung der richtigen Konsequenzen reichen, heißt es in der Entschließung.
„Wir dürfen Menschen mit der Durchführung und der Interpretation der Tests nicht allein lassen“, ergänzte Henke. Das Ärzteparlament forderte daher eine breit angelegte Informationskampagne über Anlass, Zeitpunkt und Durchführung von Testungen, die Bedeutung des Testergebnisses und die daraus abzuleitenden Konsequenzen.
Die bekannten Abstands- und Hygieneregeln bleiben nach Ansicht der Kammerversammlung weiterhin von herausragender Bedeutung, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. „Und deswegen auch mein Appell, gemeinsam so lange vernünftig mit den noch nötigen Einschränkungen umzugehen, bis wir mit der Impfwelle vor die Infektionswelle kommen – und das im Wettlauf mit der besonders ansteckenden britischen Mutante B.1.1.7. und womöglich noch weiteren Varianten“, sagte Henke.
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