Ärzteschaft

Aktionstag: Ärztevertreter protestieren gegen Gewalt im Gesundheitswesen

  • Mittwoch, 11. März 2026
/Halfpoint, stock.adobe.com
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Berlin/Potsdam/Cottbus/Hannover – Ärztekammern und Verbände haben aus Anlass des „Europäischen Aktionstags gegen Gewalt im Gesundheitswesen“ auf eine zunehmende Gewalt gegen medizinisches Personal aufmerksam gemacht.

Die Bundesärztekammer sprach in einem Post im sozialen Netzwerk „Linked.in“ von „alarmierenden Zahlen“: Nach einer Umfrage des Deutschen Ärzteblattes hätten 66 Prozent der Ärztinnen und Ärzte bereits Gewalt in ihrem Berufsalltag erlebt. 56 Prozent berichteten von einer Zunahme.

„Wir setzen uns deshalb gemeinsam mit den Landesärztekammern intensiv für den Schutz von Ärztinnen und Ärzten sowie andere im Gesundheitswesen Tätige ein“, erklärte die Bundesärztekammer. „Wir unterstützen die von der Bundesregierung geplante Strafrechtsverschärfung bei Angriffen auf Beschäftigte im Gesundheitswesen.“

Entscheidend sei außerdem, dass Strafverfolgungsbehörden ausreichend ausgestattet würden und Anzeigeverfahren einfacher, schneller und niedrigschwelliger gestaltet würden.

Heute forderte die sächsische Landesärztekammer eine konsequente und schnelle Durchsetzung des geltenden Rechts gegen Täter und mehr Schutz für medizinisches Personal. „Angriffe auf medizinisches Personal sind konsequent zu ächten und strafrechtlich zu verfolgen“, sagte deren Präsident Erik Bodendieck. „Ärztliche Praxen und Krankenhäuser müssen Orte sein, an denen Vertrauen und Sicherheit für das Personal wie für die Patientinnen und Patienten garantiert sind.“

Die Brandenburger Landesärztekammer hatte dazu bereits im Sommer 2025 eine Meldestelle für „Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte“ eingerichtet. „Ärztinnen und Ärzte gehen jeden Tag zur Arbeit, um Menschen zu helfen – nicht, um beleidigt, bedroht oder geschlagen zu werden“, sagte ihr Präsident Frank-Ullrich Schulz. „Die Hemmschwelle sinkt. Das macht uns große Sorgen.“

„Über drei Viertel der Praxen berichten von zunehmender verbaler Gewalt, nahezu jede zweite von körperlichen Übergriffen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB), Stefan Roßbach-Kurschat. Der niedergelassene Hausarzt aus Nauen hat auch in seiner eigenen Praxis schon Übergriffe, vor allem am Tresen, erlebt. „Das ist nicht hinnehmbar“, sagt Roßbach-Kurschat.

Ministerium plant neuen Strafrechtsparagrafen

Das Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) plant derzeit einen neuen Paragrafen 116 Strafgesetzbuch (StGB), der darauf abzielt, Strafen bei Angriffen auf Personen, die im Interesse des Gemeinwohls tätig sind, zu verschärfen. Dem Entwurf zufolge soll sich dieser erweiterte Schutz auch auf Angehörige von Gesundheitsberufen, wie zum Beispiel Niedergelassene und Praxispersonal, beziehen.

Die Ärztekammer Berlin stellte sich hinter den Gesetzentwurf, betont aber zugleich, dass weitere Maßnahmen notwendig sind. „Nur wenn die Strafen auch konsequent verfolgt werden, wird das Gesetz wirken“, sagte Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin. Polizei und Justiz müssten dafür finanziell und personell ausreichend aufgestellt sein. Zudem bedürfe es eines zentralen Melderegisters für Angriffe auf medizinisches Personal.

„Wir müssen auch nach den Ursachen suchen“, erklärte Matthias Blöchle, Vizepräsident der Ärztekammer Berlin. Gerade in Situationen, in denen Betroffene sowieso häufig schon Anspannung, aber auch Ängste verspüren, können Personalmangel, mangelnde Leitsysteme und Sprachschwierigkeiten dazu beitragen, dass sich der Stress in Gewalt entlädt. „Wir benötigen daher ein gut aufgestelltes Gesundheitswesen als sichere Umgebung für die Mitarbeitenden genauso wie für die Patientinnen und Patienten“, so Blöchle.

Der Marburger Bund Niedersachsen forderte ebenfalls eine „Null-Toleranz-Politik“: „Es ist unerträglich, dass Menschen, die tagtäglich Leben retten und die Gesundheit anderer schützen, selbst zur Zielscheibe von Aggressionen werden“, sagte der zweite Vorsitzende der Ärztegewerkschaft, Andreas Hammerschmidt.

„Gewalt darf niemals Teil des Berufsrisikos sein.“ Man erlebe eine gesellschaftliche Verrohung, die auch vor der Krankenhaustür nicht Halt mache. „Wer bei der Ausübung seines Berufs angegriffen wird, braucht den vollen Rückhalt des Arbeitgebers und des Rechtsstaates“.

„Wir brauchen in Krankenhäusern und ambulanten Einrichtungen wirksame Strategien zum Schutz des Personals in der Patientenversorgung. Wer im Gesundheitswesen arbeitet, muss seine Arbeit ohne Angst vor Gewalt ausüben können“, betonte Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes.

Brandenburgs Gesundheitsministerin Britta Müller (parteilos) nannte es „erschreckend und inakzeptabel“, dass Ärztinnen und Ärzte zunehmend verbaler und körperlicher Gewalt ausgesetzt seien. „Diese zunehmende gesellschaftliche Verrohung ist nicht hinnehmbar“, sagte Müller dem Deutschen Ärzteblatt. „Wer Helferinnen und Helfer angreift, untergräbt das Vertrauensverhältnis, auf dem jede medizinische Versorgung basiert, und gefährdet damit die Funktionsfähigkeit unseres Gesundheitswesens.“

„Handgreifliche Auseinandersetzungen hatten wir noch nicht, aber die verbale Gewalt nimmt zu“, sagte der Cottbuser CDU-Landtagsabgeordnete Michael Schierack, der in der Lausitzer Universitätsstadt als niedergelassener Orthopäde praktiziert. „Unsere Schwestern am Tresen erleben verbale Attacken, Beleidigungen und Gewaltandrohungen.“

Die Mitarbeiterinnen hätten deswegen schon ein Deeskalationstraining mit einem ehemaligen Polizisten absolviert. „Dabei ging es auch darum, wie man sich im Fall des Falles gegen einen Angriff verteidigen kann“, sagte Schierack. Auch die Plexiglasscheiben, die am Praxistresen während der Coronapandemie angebracht wurden, habe man nicht wieder entfernt. „Die große Mehrheit der Patienten ist freundlich und verhält sich anständig“, betont der CDU-Politiker. „Aber die Probleme nehmen zu.“

benl

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