Medizin

Antibiotika in Veterinär- und Humanmedizin erhöhen Resistenzrisiko

  • Montag, 31. Juli 2017
dpa
/dpa

London/Stockholm/Parma – In Europa werden mehr Antibiotika in der Viehzucht als zur Behandlung von Infektionskrankheiten beim Menschen eingesetzt. Ein höherer Verbrauch ist in vielen Bereichen mit einer Zunahme der Resistenzen verbunden. Ein Report von drei europäischen Behörden sieht in vielen Bereichen eine Überschneidung zwischen dem veterinärmedizinischen Einsatz und der Resistenzentwicklung beim Menschen, ohne allerdings eine Kausalität belegen zu können. 

Im Jahr 2014 wurden in der Viehzucht pro Kilogramm „Biomasse“ im Durchschnitt 152 mg Antibiotika eingesetzt. In der Humanmedizin waren es im Durchschnitt nur 124 mg pro Kilogramm. Betrachtet man den Median, also den Wert, der die Hälfte mit einem höheren Verbrauch von der anderen Hälfte mit einem niedrigeren Wert trennt, ist das Verhältnis umgekehrt. Der Median in der Veterinärmedizin beträgt 67 mg/kg und in der Humanmedizin 118 mg/kg. Unter dem Strich dürfte etwa die Hälfte der Antibiotika in der Viehzucht eingesetzt werden. 

Mitarbeiter der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), der Euro­päischen Arzneimittel-Agentur (EMA) und des Europäischen Zentrums für die Präven­tion und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) haben den Einsatz der Antibiotika mit dem vermehrten Auftreten von Resistenzen in Beziehung gesetzt. Es handelt sich um den zweiten JIACRA-Report (für „Joint Interagency Antimicrobial Consumption and Resistance Analysis“). Der erste war 2015 erschienen. 

Schon damals hatten die Autoren auf eine auffällige Assoziation zwischen dem Einsatz von Antibiotika und dem Auftreten von Resistenzen hingewiesen. Dazu gehört, dass der vermehrte Einsatz von Fluorchinolonen in beiden Sektoren mit einem Anstieg von Resistenzen bei E. coli einhergeht. In der Humanmedizin hat auch der Einsatz von Cephalosporine der 3. und 4. Generation die Resistenzentwicklung von E. coli gefördert. In der Veterinärmedizin sind Tetrazykline und Polymyxine vermutlich für einen Anstieg von Resistenzen bei E. coli verantwortlich. 

Beim Menschen gibt es eine signifikante Assoziation zwischen dem Einsatz von Carbapenemen und Polymyxinen und der Zahl der Resistenzen bei Klebsiella pneumoniae. 

Der Verbrauch von Makroliden bei Tieren war signifikant mit der Makrolidresistenz in Campylobacter coli bei Tieren, aber auch beim Menschen assoziiert. Hier liegt die Vermutung nahe, dass resistente Erreger aus der Viehzucht über die Nahrungskette den Weg in den Darm von Menschen gefunden haben könnten.

Dieser Verdacht besteht auch für Salmonellen und Campylobacter-Species, die resistent auf Fluorchinolone sind. Auch hier gibt es eine Assoziation zwischen dem häufigen Einsatz von Fluorchinolonen in der Viehzucht und dem Auftreten von Resistenzen beim Menschen. Beweisen kann diese die Gegenüberstellung der Entwicklung in beiden Sektoren jedoch nicht, wie der Report ausdrücklich feststellt. 

Dennoch sind die Autoren überzeugt, dass es eine Verbindung gibt. Um die Antibioti­karesistenz einzudämmen, sei ein Kampf an den drei Fronten Mensch, Tier und Umwelt notwendig, meinte der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Vytenis Andriukaitis bei der Vorstellung des Reports. Auch der kürzlich von der Europäischen Kommission vorgestellte Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibio­tikaresistenzen hat sich zum Ziel gesetzt, die Rolle von Lebensmitteln und Lebensmittel liefernden Tieren bei der Übertragung antimikrobieller Resistenzen intensiver zu untersuchen.

Ein Focus liegt derzeit auf den Polymyxinen. Diese Antibiotika wurden in der Humanmedizin lange Zeit aufgrund ihrer schlechten Verträglichkeit gemieden. Inzwischen werden sie zunehmend in Krankenhäusern eingesetzt bei Infektionen mit Bakterien, die auf andere Antibiotika nicht mehr ansprechen. Der häufige Einsatz von  Polymyxinen in der Viehzucht könnte, wenn er die Entwicklung von Resistenzen fördert, die therapeutischen Optionen gefährden. Derzeit scheint aber eher der häufige Einsatz des Polymyxins Colistin im Krankenhaus für die Entwicklung von Resistenzen verantwortlich zu sein, die bei K. pneumoniae beobachtet wurden.

rme

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