Arbeitszeitverkürzung oft Reaktion auf chronische Überlastung

Berlin – Ärzte reduzieren ihre Arbeitszeit häufig, weil ihre Tätigkeit sie dauerhaft überlastet. Das zeigt eine Umfrage des Hartmannbundes (HB) mit 741 Teilnehmenden.
Danach arbeitet rund ein Drittel der Befragten formal in Teilzeit. Aber gleichzeitig leisten 91 Prozent der Befragten regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche, fast die Hälfte der Befragten sogar mehr als 55 Stunden.
„Teilzeitbeschäftigte tragen damit in erheblichem Umfang zur stationären Versorgung bei und fungieren häufig als zentrale Ausfallreserve bei kurzfristigen Personallücken“, ordnet der HB diese Befragungsergebnisse ein.
86 Prozent der Befragten berichten von Erschöpfung, Stress, Schlafstörungen oder Konzentrationsproblemen. Zudem empfinden drei Viertel der Teilnehmenden ihre Vergütung als nicht fair, mehr als die Hälfte bewertet die eigene Work-Life-Balance als schlecht.
Kritisiert werden insbesondere Minusstunden, unbezahlte Aktivzeiten in Bereitschaftsdiensten und die hohe Belastung außerhalb der Kernarbeitszeiten.
„Teilzeit ist keine Frage der Bequemlichkeit, sondern für viele Ärztinnen und Ärzte die letzte Möglichkeit, unter den bestehenden Bedingungen arbeitsfähig zu bleiben“, erklärte Anke Lesinski-Schiedat, stellvertretende Vorsitzende des HB.
„Wer dauerhaft über seine Belastungsgrenze hinaus arbeitet, gefährdet seine Gesundheit und damit auch die Patientensicherheit“, ergänzte Moritz Völker, Vorsitzender der jungen Ärztinnen und Ärzte im HB. Die Reduzierung der Arbeitszeit sei daher für viele „eine notwendige Schutzmaßnahme“.
Insgesamt verdeutliche die Umfrage, dass organisatorische Ineffizienzen und strukturelle Fehlsteuerungen die Dienstbelastung maßgeblich erhöhten. Ziel der Debatte müsse daher eine sinnstiftende Gestaltung ärztlicher Arbeitszeit sein – mit mehr Zeit für Patienten und weniger administrativen Aufgaben.
Der HB fordert neue Organisationsabläufe, unterstützt durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Dazu gehörten auch Homeofficeanteile für patientenferne Aufgaben, schichtdynamische Vergütungen sowie ein effektiver Ausgleich besonders belastender Dienste.
„Arbeitszeitrechtliche Einschränkungen oder die Infragestellung von Teilzeit würden den Druck verschärfen, solange strukturelle Verbesserungen fehlen“, hieß es aus dem HB.
„Die entscheidende Frage ist nicht, wie wir noch mehr Arbeitszeit aus einem überlasteten System herauspressen, sondern wie Ärztinnen und Ärzte gesund arbeiten und eine hochwertige Patientenversorgung in sinnvollen Arbeitszeitstrukturen sicherstellen können“, betonten Lesinski-Schiedat und Völker.
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