Ärztinnenbund für grundlegenden Kulturwandel in der Medizin

Hannover/Berlin – Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) plädiert für einen grundlegenden Kulturwandel in der Medizin. Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung stünden in fundamentalem Widerspruch zu grundlegenden Werten und dem ärztlichen Selbstverständnis, heißt es in einer einstimmig verabschiedeten Erklärung des Verbands.
Basierend auf aktuellen Erkenntnissen und Berichten aus dem deutschen Gesundheitswesen – auch das Deutsche Ärzteblatt hatte mehrfach berichtet – werden in der Erklärung vor allem strukturelle Bedingungen in den Blick genommen, die Machtmissbrauch begünstigen und dessen Aufarbeitung erschweren.
„Machtmissbrauch zu erkennen ist der erste Schritt. Ihn durch konkrete Veränderungen zu verhindern, ist unsere Verantwortung“, heißt es darin. Machtmissbrauch solle nicht als isoliertes individuelles Fehlverhalten betrachtet werden.
Vielmehr schafften überholte starre Hierarchien, persönliche Abhängigkeiten in der medizinischen Weiterbildung sowie intransparente Entscheidungs- und Beschwerdewege Bedingungen, unter denen Grenzverletzungen stattfänden und häufig folgenlos blieben.
„Wir müssen aufhören, Machtmissbrauch als Problem einzelner Personen zu betrachten“, betonte Jana Pannenbäcker, Co-Präsidentin des DÄB. Solange Abhängigkeiten bestünden, Beschwerden nicht ernst genommen würden und Grenzüberschreitungen ohne Konsequenzen blieben, trügen die Strukturen dazu bei, dass sich solche Vorfälle wiederholten.
„Ein Kulturwandel beginnt dort, wo wir bereit sind, diese Strukturen kritisch zu hinterfragen und Verantwortung für ihre Veränderung zu übernehmen“, sagte sie.
Die Folgen des Versagens seien fatal und reichten weit über das individuelle Leid Betroffener hinaus, heißt es in der Erklärung. Machtmissbrauch verhindere die berufliche (Weiter-) Entwicklung, führe zu Karriereabbrüchen hochqualifizierter Ärztinnen und verschärfe den Fachkräftemangel. Zudem sei auch die Qualität in Forschung und Wissenschaft bedroht, was wiederum eine sichere Patientenversorgung gefährde.
Mit der Erklärung fordert der DÄB die Ärzteschaft, medizinische Einrichtungen, Standesorganisationen und Politik auf, bestehende Machtgefälle kritisch zu hinterfragen und verbindliche strukturelle Konsequenzen einzuleiten.
„Wer in der Medizin Führungsverantwortung übernimmt, trägt auch Verantwortung für die Menschen, die ihm anvertraut sind. Eine Kultur, in der Grenzüberschreitungen verharmlost oder aus falsch verstandener Kollegialität verschwiegen werden, darf es nicht länger geben“, erklärte Barbara Puhahn-Schmeiser, Co-Präsidentin des DÄB.
Es brauche eine Medizin, in der Respekt, psychologische Sicherheit und Gleichberechtigung nicht nur eingefordert, sondern im beruflichen Alltag selbstverständlich gelebt würden. Der Erklärung zufolge will der DÄB den geforderten Kulturwandel aktiv mitgestalten.
Mit einem Wissenschaftspreis zeichnete der DÄB am Wochenende auch eine Forschungsarbeit in diesem Bereich aus: Die #MedToo-Studie von Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Würzburg, beschäftigt sich damit, wie Medizinstudierende sexuelle Belästigung und geschlechtsbezogene Diskriminierung erleben und welche Faktoren sie daran hindern, sich gegen Grenzüberschreitungen zu wehren.
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