Ärzteschaft

Johna mahnt Überarbeitung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes an

  • Donnerstag, 25. Juni 2026
Susanne Johna, Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer. /Gebhardt
Susanne Johna, Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer. /Gebhardt

Berlin – Betroffene von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sollten mindestens zwölf Monate Zeit haben, um mögliche rechtliche Konsequenzen geltend machen zu können. Dafür plädierte heute Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), auf dem Hauptstadtkongress (HSK) in Berlin.

Es sei ein Skandal, dass Betroffene innerhalb von nur zwei Monaten Schadensersatz oder Entschädigung einfordern müssten, wie es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) in Deutschland vorgebe, so Johna. Damit stehe Deutschland in Europa ziemlich allein da – üblich seien eher zwei bis drei Jahre.

Man stehe bereits in Kontakt mit der Unabhängigen Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung der Bundesregierung, Ferda Ataman, und habe eine Stellungnahme eingereicht, erklärte die Vorsitzende des MB. Darin werde eine Anhebung des Zeitraums auf zwölf Monate im AGG gefordert. Da sich das Gesetz derzeit ohnehin in der Bearbeitung befinde, hofft Johna auf eine schnelle Umsetzung.

Die Debatte, die auf dem 130. Deutschen Ärztetag (DÄT) in Hannover entbrannt war, habe dafür gesorgt, dass endlich öffentlich über sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch am Arbeitsplatz geredet werde, betonten Yamina Probst von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd), und Michelle Förstel, Ärztin in Weiterbildung am Universitätsklinikum Heidelberg und Mitautorin der #Med Too-Studie.

Es werde ein Bewusstsein für das Thema geschaffen und Betroffene merkten, dass sie nicht allein seien, sagte Probst, die bei der Erklärung der Medizinstudentinnen auf dem DÄT mit auf der Bühne stand. Diese Entwicklung sei positiv. Gegenüber den Tätern müsse endlich ankommen, dass ein solches Verhalten nicht in Ordnung ist.

Allerdings fehle oftmals noch der Zugang zu Beratungsstellen und Hilfsangeboten, unterstrich Förstel. Es sei wichtig, Betroffenen Nachbesprechungsmöglichkeiten für Fälle anzubieten und ihnen mögliche Maßnahmen aufzuzeigen.

Nicht zuletzt sollten junge Studierende und Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung nicht in der alleinigen Verantwortung stehen, Vorfälle anzusprechen, betonte sie. Genauso seien alle anderen Anwesenden in der Pflicht, ihren Mund aufzumachen und sich für die betroffene Person einzusetzen. Dafür müssten entsprechende Strukturen geschaffen werden.

Fehlende Hilfsangebote thematisierte auch die MB-Vorsitzende Johna. Bei Umfragen des MB habe sie besonders erschreckt, dass so wenig Vorfälle gemeldet würden. Häufig genannte Gründe seien Sorgen vor beruflichen Konsequenzen und dass nach einem Vorfall nichts passiere. Dies habe sich in der Umfrage auch bestätigt: Die wenigen, die Probleme gemeldet hatten, berichteten von keinerlei Konsequenzen oder Nachverfolgungen, so Johna.

Insbesondere der stationäre Sektor müsse ein Leitbild einführen, nach dem auch gelebt werde, betonte sie. Es müssten sichere Arbeitsbedingungen für alle gelten. Mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) habe man diesbezüglich schon einen Termin vereinbart. Wichtig seien daneben auch Inhouse-Fortbildungen, niedrigschwellige Beratungsangebote und dass alle in der Klinik den Ansprechpartner kennen würden.

Für ein Coaching speziell für Führungskräfte sprach sich Alex Friedrich, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Münster, aus. Sie müssten lernen, in unterschiedlichen Situationen auch unterschiedliche Führungsstile zu leben. Wichtig sei es daneben auch, dass an der Machtverteilung gearbeitet werde und hierarchische Strukturen in der Medizin verflacht würden.

In vielen Ländern sei es etwa schon üblich, die Funktion eines Weiterbilders von Chefarztpositionen zu trennen, so Friedrich. Alles, was über die Karriere eines Arztes oder einer Ärztin entscheide, laufe hierzulande häufig gebündelt in einer Hand. Dies dürfe nicht mehr so sein. Besser sei ein Mehraugenprinzip.

Dass das Thema Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung bislang nicht in dieser Deutlichkeit debattiert worden sei, liege auch an der dysfunktionalen Widerspruchskultur in Deutschland, so Friedrich. Es sei dringend notwendig, entsprechende Strukturen zu schaffen, dass Vorfälle transparent angesprochen werden könnten und auch bearbeitet würden.

Indem man Fehlbarkeit sichtbar mache, gebe es eine Chance auf Verbesserung, betonte Lars Herda, Chefarzt der Klinik für Notfallmedizin im Alexianer Clemenshospital in Münster. Es brauche in den Kliniken klare Schutzkonzepte und Möglichkeiten für Betroffene, über Vorfälle zu sprechen und Maßnahmen einzuleiten.

nfs

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