Ärzteschaft

Ausbau der europäischen Krisenvorsorge im Gesundheitswesen gefordert

  • Mittwoch, 15. Juli 2026
/picture alliance, Alicia Windzio
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Brüssel – Angesichts neuer und veränderter Bedrohungen sollte die Krisenvorsorge im Gesundheitswesen auf europäischer Ebene weiter ausgebaut werden. Das fordern die Bundesärztekammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), wie sie heute mitteilten.

Die Frage sei nun nicht mehr, ob Europa eine gemeinsame Krisenvorsorge braucht, sondern wie sie im Gesundheitswesen wirksam umgesetzt werden kann, sagte BÄK-Präsident Klaus Reinhardt heute in Brüssel. Er mahnte an, dass es zum Beispiel regelmäßige realistische Übungen brauche, in die unter anderem Krankenhäuser, Arztpraxen, Apotheken und Labore eingebunden werden werden müssten.

„Diese Übungen sollten nicht an institutionellen oder nationalen Grenzen Halt machen“, betonte Reinhardt. Die Simulationen müssen ehrlich ausgewertet und Lehren daraus gezogen werden. „Dieser Kreislauf aus Planung, Übung, Auswertung und Verbesserung schafft Resilienz.“

Ärztinnen und Ärzte müssten während des gesamten Prozesses als Partner einbezogen werden, nicht nur als Interessengruppe, so Reinhardt. Denn die Berufsgruppe wisse aus der täglichen Arbeit, wo die Schwachstellen im System seien, wenn es unter Druck steht „Die Ärzteschaft ist bereit, ihren Beitrag zu leisten“, sagte er.

In Brüssel hatten BÄK und KBV unter anderem Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Kommission, des Europäischen Auswärtigen Dienstes, der EU-Mitgliedstaaten und der Ärzteschaft zu einer Diskussionsveranstaltung über Resilienz und Krisenvorsorge in Anbetracht neuer Gefahren geladen.

Mehrere der Teilnehmenden betonten dabei, dass das gesellschaftliche Bewusstsein für die veränderte Lage noch nicht ausreiche. Mit Blick auf den nötigen Gesinnungswandel sagte Sandra Gallina, Generaldirektorin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bei der Europäischen Kommission, sie zähle auch darauf, dass sich Ärzte von der Vorstellung lösen, dass um uns herum nur Frieden und Liebe herrschen.

Sie versicherte, dass alle Regierungen die wichtige Rolle von Ärztinnen und Ärzten als erste Anlaufstelle inzwischen erkannt hätten, nachdem man sie in der Coronapandemie manchmal an vorderster Front alleingelassen habe.

Zu den angesprochenen Herausforderungen zählen etwa Kriege, Cyberangriffe und Pandemien. Reinhardt erinnerte zudem an den großen Stromausfall in Spanien und Portugal im vergangenen Jahr, der die Resilienz der dortigen Gesundheitssysteme auf die Probe gestellt habe. Zudem sei Desinformation zu einer Waffe geworden.

Sorge vor Biowaffen

Die Europäische Kommission und der Europäische Auswärtige Dienst hatten vergangenes Jahr eine „Europäische Strategie für eine Union der Krisenvorsorge“ (EU Preparedness Union Strategy) vorgestellt. Vorgesehene Übungen würden durchgeführt, schilderte Gallina. Nach nach dem schwierigen Szenario einer militärischen Bedrohung habe man zuletzt nochmals den Pandemiefall geübt – doch mit den Ergebnissen sei sie nicht immer zufrieden. „Es ist viel, viel besser als in der Vergangenheit, aber wir müssen uns noch weiter verbessern.“

Als ein weiteres Manko benannt Gallina nicht ausreichendes beziehungsweise nicht gut verteiltes Wissen über Wundversorgung in Europa. Grundsätzlich veränderten sich auch die Waffen in der Kriegsführung, gab sie zu bedenken: Es könnten Viren oder modifizierte Viren eingesetzt und diese beispielsweise mit Drohen freigesetzt werden. In ihrer Abteilung beschäftigte man sich viel mit Künstlicher Intelligenz (KI) und Biosicherheit.

Gallina sprach sich für eine Stärkung der europäischen Biotechbranche auch, um die Abwanderung von Fachkräften etwa in die USA zu verhindern und um eigene Lösungen entwickeln zu können, da viel biologische Kriegsführung drohe. Über die Risiken im Zusammenhang mit KI-Modellen und Viren hatte das Deutsche Ärzteblatt vor wenigen Monaten berichtet.

Lehren aus aktuellen Ausbrüchen

Bei der europäischen Strategie handele es sich nicht um eine Summe nationaler Pläne, sondern es gehe darum, wie man diese teils sehr unterschiedlichen Länderpläne auf europäischer Ebene koordiniere, erläuterte Gallina. Zu den aktuellen Beispielen, in denen man den Plan bereits implementiere, zählten etwa Krankheitsausbrüche.

Aus dem Umgang mit dem Hantavirus kürzlich auf einem Kreuzfahrtschiff zum Beispiel seien bereits Lehren gezogen worden, berichtete sie. Das Fazit ist demnach positiv, mit einer Ausnahme: „Am Anfang lief es nicht gut“, räumte Gallina ein und spielte darauf an, dass zunächst noch Passagiere des Schiffs unterwegs von Bord gelassen wurden. Auch mit Blick auf den Ebolafieber-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo hielt sie fest, dass es Vorsorge etwa in Form von Impfstoffen für derartige Vorkommnisse brauche, „egal ob sie in Afrika passieren oder woanders“.

Finnland und baltische Staaten gelten als Vorreiter

Aus finnischer Perspektive betonte Tuula Helander, Direktorin der Biotechnologie- und Medizinabteilung im dortigen Gesundheitsministerium, wie wichtig das Vertrauen der Menschen sei. „Wenn wir das verlieren, verlieren wir alles.“ Fehl- und Desinformation benannte sie als kommenden „Tsunami“. Auch angesichts der Entwicklungen in den USA sei es wichtig, dass Europa stark und evidenzbasiert bleibe. Die Strategie zur Krisenvorsorge bezeichnete sie als wichtigen Anfang, sie riet zum schrittweisen Ausbau.

Finnland habe aufgrund seiner geografischen Lage 1.350 Gründe, Vorsorge und zu treffen, erklärte Helander. „Das ist die Länge unserer Grenze zu Russland in Kilometern.“ Den hohen Stellenwert von Übungen habe man in ihrer Heimat sehr früh verstanden: „Wenn wir nicht üben [...], dann wissen wir nicht wirklich, wie gut wir vorbereitet sind.“ Auch die COVID-19-Pandemie habe zu der Einsicht geführt, dass man zu wenig vorgesorgt hatte. Folge sei auch gewesen, dass man bei Grenzschließungen überreagiert habe. Inzwischen sei man sich besser darüber über das richtige Vorgehen in solchen Fällen im Klaren.

In Anbetracht der geopolitischen Situation müsse klar sein, dass man sich auf Szenarien mit grenzüberschreitenden Folgen einstellen müsse, schilderte Christian Haggenmiller, Medical Advisor des Militärstabs der beim Europäischen Auswärtigen Dienst. „Keine Nation wird in der Lage sein, das allein zu lösen.“ Er sprach von einer steilen Lernkurve in der EU in den vergangenen ein bis zwei Jahren. Am Beispiel Finnlands und der baltischen Staaten könne man viel lernen.

Rahmenbedingungen sichern für ambulanten Sektor

Die Bedeutung von dezentralen Strukturen hob Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV, hervor. „Das Beispiel Ukraine zeigt uns, dass – wie schon in vielen anderen Kriegen zuvor – medizinische Versorgungsstellen wesentliche Angriffsziele sind. Das rote Kreuz bietet also keinen Schutz.“ Für Deutschland sei es aber aus Zeit- und Kostengründen nicht realistisch, Einrichtungen in den Untergrund zu verlegen, sagte er etwa mit Blick auf das Vorgehen in Israel.

Angesichts des sehr hohen Anteils an ambulanter medizinischer Versorgung in Deutschland hob Hofmeister hervor, dass die Rahmenbedingungen dafür auch im Krisen- oder Kriegsfall stimmen müssten. „Wir müssen sicherstellen, dass sie ihre Arbeit machen können“, sagte er mit Blick auf Versorgung von Praxen mit Strom, Wasser, Materialien für die medizinische Versorgung und IT-Infrastruktur. Daran werde gearbeitet. Wichtig sei aber auch die intrinsische Motivation der Teams.

Letztlich brauche es europaweite Strukturen, die die Versorgung mit Medikamenten und erforderlichen Materialien sicherstellten, aber auch eine eine resiliente grenzüberschreitende Energieversorgung und Kommunikationsstruktur gewährleisteten, so Hofmeister. Dazu müsse die Lastenverteilung der zusätzlich zu Versorgenden an die jeweilige regionale Leistungsfähigkeit angepasst werden, unter anderem durch ein gemeinsames Lagebild.

ggr

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