Politik

Bundesärztekammer mahnt Hitzeschutz­aktionspläne und bessere Vorbereitung auf Extremwetter an

  • Freitag, 14. August 2020
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Berlin – Bund und Länder müssen die Krankenhäuser sowie Not- und Rettungsdienste in Deutschland durch ausreichende Ressourcen und Personal besser auf Extremwetterereig­nisse vorbereiten. Das hat der Präsident der Bundesärzte­kamm­er (BÄK), Klaus Reinhardt, in einem neuen Podcasts „Sprechende Medizin“ angemahnt.

Der Podcast befasst sich wie auch die kommende Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes, unter anderem mit dem Thema Klimawandel und Gesundheit. „Die gesundheitlichen Aus­wirkungen des Klimawandels sind keine ferne Be­dro­hung mehr, sie sind weltweit Reali­tät“, sagte der BÄK-Chef in dem Podcast.

Er führt aus, dass es auch in Deutschland immer häufiger zu extremen Hitzewellen kommt, die sich negativ auf die Gesundheit vieler Menschen auswirken könnten. Es sei eine Aufgabe der Ärzte, sowohl die direkten Folgen des Klimawandels auf den menschli­chen Körper als auch die indirekten Folgen für die globale Gesundheit zu benennen und sich für die Einhaltung der Pariser Klimaschutzziele einzusetzen, so der BÄK-Chef.

Es gebe etwa in Kliniken und Pflegeheimen eine Reihe von Problemen in Hitzezeiten, die ansonsten nicht zu beobachten seien, so Reinhardt. Dazu gehörten Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-Systems oder den Flüssigkeitshaushalt eines Körpers oder auf die zerebra­le Funktion bei älteren Menschen. Ebenso würden psychisch Erkrankte unter Hitze­perio­den leiden.

Der BÄK-Chef wies darauf hin, dass moderne medizinische Einrichtungen – von Arzt­praxen bis hin zu Kliniken – die Hitze durch Raumkühlung abfedern könnten. Es gebe aber ebenso Gebäude, die dazu nicht in der Lage seien. „Dann, muss man sagen, ist die Situation der dort Tätigen und auch der Behandelten natürlich eine schwierige“, so Reinhardt.

Er wies zugleich darauf hin, dass es nicht damit getan sei, einfach nur Klimaanlagen einzu­bauen. Es sei eine Frage von „intelligentem, klimaneutralen Bauen“. Es gebe auch moderne Möglichkeiten, Gebäude zu kühlen, ohne CO2 auszustoßen. Das sei aber auch eine Geldfrage, ein Krankenhaus neu zu bauen oder eine energetische Sanierung in dieser Form vorzunehmen.

Reinhardt erklärte, es sei zwar keine Aufgabe der Ärzteschaft, sich über Klimapolitik Gedanken zu machen. Aber es sei eine Aufgabe der Ärzteschäft, sich über die Gesundheit einer Bevölkerung Gedanken zu machen. Ganz persönlich denke er, dass es im Hinblick auf die Verkehrspolitik „Verbesserungsmöglichkeiten“ gibt.

Aus Sicht von Peter Bobbert und Gerald Quitterer, die im BÄK-Vorstand unter anderem das Thema „Gesundheitliche Auswirkungen des Klimawandels“ begleiten, können typi­sche Begleiterscheinungen wie Hitzestress oder hohe bodennahe Ozonkonzentratio­nen schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Das gelte insbesondere für ältere Men­schen und solche mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen.

Ruf nach Hitzeschutzaktionsplänen

Nach ihrer Überzeugung ist es dringend erforderlich, Hitzeschutzaktionspläne auf Lan­des- und kommunaler Ebene mit besonderem Augenmerk auf schutzbedürftige Bevöl­ke­rungsgruppen umzusetzen, sie kontinuierlich zu evaluieren und weiterzuentwickeln.

„Hitzewellen bedeuten Schwerstarbeit für den Körper“, sagte Quitterer. Daher sei es mit Blick auf die ärztliche Versorgung wichtig, besonders gefährdete Patienten über die ge­sundheitlichen Risiken und die adäquaten Gegenmaßnahmen aufzuklären. Zu den Risiko­gruppen zählten insbesondere ältere Menschen, Säuglinge, chronisch Kranke sowie Per­sonen, die schwere körperliche Arbeit im Freien verrichteten.

„Die vielfältigen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit müssen deutlich stärker als bisher in der Aus-, Weiter- und Fortbildung angesprochen werden. Das gilt für Ärzte ebenso wie für Medizinische Fachangestellte oder Pflegekräfte“, betonte Bobbert. So seien die Auswirkungen von Hitzewellen beispielsweise bei der Dosierung von Blut­drucksenkern ebenso zu beachten wie bei der Versorgung von Operationswunden.

Die Experten warnten, dass nach aktuellen Studien bis zum Ende dieses Jahrhunderts jähr­lich bis zu fünf zusätzliche Hitzewellen in Norddeutschland und bis zu 30 in Süd­deutsch­land zu erwarten sind, wenn weiter so viel Treibhausgas ausgestoßen wird wie bisher. Aus ärztlicher Sicht sei es jetzt höchste Zeit, dieser Entwicklung entgegenzu­wirken.

Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) warnte heute mit Blick auf wiederkehrende Hitzeperioden vor einer langfristigen Zunahme urologischer Erkrankungen infolge des Kli­mawandels.

„Die gesundheitlichen Folgen häufigerer Extremhitze und höherer Durch­schnittstempera­turen beschränken sich nicht allein auf die Zunahme von Schlaganfällen, Herzinfarkten oder Infektionserkrankungen“, sagte Jens Rassweiler, Präsident der Deutsch­en Gesell­schaft für Urologie (DGU). Sie erhöhten ebenso die Risiken für urologische Erkrankungen, angefangen bei Harnsteinen bis hin zu schweren Nierenschädigungen. Im urologischen Alltag seien verschiedene klimasensible Erkrankungen vermehrt zu erwarten.

Daneben legten empirische Daten nahe, dass hitzebedingt auch Risiken für postoperative Wundinfektionen zunehmen würden. „Gegenwärtig sehe ich für Deutschland jedoch noch keine Notwendigkeit, bestimmte urologische Operationen in kühlere Monate zu verla­gern“, sagte Joachim Steffens, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Er hält durch die Hitze auch eine Beeinträchtigung der männlichen Zeugungsfähigkeit für denkbar, da Hitze die Spermienqualität mindere.

may/EB

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