Bundesratsinitiative zur Zuckersteuer erhält Unterstützung aus der Ärzteschaft

Berlin – Die Debatte um die Einführung einer Zuckersteuer auf Softdrinks in Deutschland geht in die nächste Runde. An diesem Freitag soll sich der Bundesrat mit einem Vorstoß aus Schleswig-Holstein zum Thema befassen. Auch Ärztinnen und Ärzte appellieren an die Ministerpräsidenten, dem Vorhaben zuzustimmen.
Mehr als 2.300 Menschen haben sich bis heute Mittag an einer von der Bundesärztekammer (BÄK) unterstützten Unterschriftenaktion beteiligt. BÄK-Präsident Klaus Reinhardt und die Vorsitzende des Marburger Bundes, Susanne Johna, beispielsweise gehören zu den Erstzeichnern.
Initiatoren der Aktion sind die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sowie die Verbraucherzentrale.
In dem Appell wird vor allem auf die zentrale Rolle von Zucker beim Entstehen ernährungsbedingter Erkrankungen hingewiesen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen trügen Limonaden, Energydrinks und ähnliche Produkte wesentlich zur täglichen Zuckeraufnahme bei, ohne dass es gleichzeitig einen Sättigungseffekt gäbe. „Aus ärztlicher Sicht ist die Dringlichkeit hoch.“
Eine nach Zuckergehalt gestaffelte Herstellerabgabe, wie sie die Bundesratsinitiative aus Schleswig-Holstein vorsieht, sei „ein geeignetes, evidenzbasiertes Instrument“, heißt es weiter im Appell. Etwa um Anreize zu setzen, dass Hersteller den Zuckergehalt in Getränken senken.
Krankheitslast verringern, Gesundheitswesen entlasten
Dadurch werde der Zuckerkonsum über Getränke in allen Altersgruppen gesenkt und das Gesundheitswesen langfristig entlastet. Man könne so die Krankheitslast kommender Generationen verringern und darüber hinaus gesellschaftliche Folgekosten in Milliardenhöhe einsparen.
Die Initiative aus Schleswig-Holstein kommt nur wenige Wochen nach der Ablehnung eines Antrags mit gleicher Stoßrichtung beim CDU-Parteitag, das Deutsche Ärzteblatt berichtete. Angestrebt wird damit auch eine Altersgrenze von 16 Jahren für den Verkauf von Energydrinks.
Der Entschließungsantrag soll übermorgen im Plenum vorgestellt und in die zuständigen Ausschüsse überwiesen werden, heißt es auf der Webseite des Bundesrates. „In einer späteren Sitzung stimmen die Länder dann darüber ab, ob sie die Entschließung fassen.“
Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken (CDU), die den Vorschlag mit dem Verbraucherschutzministerium des Landes auf den Weg gebracht hat, spricht von einer „maßvoll ausgestalteten Zuckersteuer oder -abgabe auf Getränke mit hohem Zuckergehalt“. Diese werde gebraucht, da freiwillige Selbstverpflichtungen und Informationskampagnen bisher nur begrenzt Wirkung gezeigt hätten.
Nach einer Auswertung von Foodwatch nehmen die Menschen hierzulande besonders viel Zucker über Getränke zu sich: 26 Gramm pro Person und Tag. Das sei mehr als über Süßwaren.
Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen sich für eine Zuckersteuer aus. Diese gilt wegen der Komplexität der Ernährung aber nur als ein Baustein, es brauche es noch weitere Maßnahmen.
Es gilt als nicht realistisch, sich von einer Zuckersteuer allein deutlich verbesserte Gesundheitsparameter auf Ebene der ganzen Bevölkerung zu erwarten. Vieles hängt von der konkreten Ausgestaltung der Steuer und den gewünschten Zielen ab.
In Großbritannien habe sich nach der Einführung einer Zuckersteuer auf Softdrinks vor allem bei Kindern und Jugendlichen und dabei vor allem bei jungen Mädchen ein Einfluss auf das Körpergewicht gezeigt, der Anstieg der Adipositas-Prävalenz sei abgeflacht, sagte Karl Emmert-Fees, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Professur für Public Health und Prävention der TU München, kürzlich dem Science Media Center.
Man könne diese Ergebnisse aber immer auf zwei Arten lesen, sagte er mit Blick auf Stimmen, die die Steuer aufgrund der Entwicklung der Zahlen in Großbritannien als wirkungslos beschrieben.
„Übergewicht ist multidimensional. Die Steuer kann hier nur einen kleinen Baustein liefern“, sagte Sarah Forberger, Senior Wissenschaftlerin vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen. Es müsse mehr getan werden. „Wir können damit eventuell die Fälle abbremsen, aber es reicht nicht aus, um wirklich Übergewicht und Adipositas zu stoppen.“
„Es gibt erhebliche Evidenzen dafür, dass zu viel Konsum an Zucker wirklich für unsere Gesundheit nicht zuträglich ist“, betonte Marc Tittgemeyer, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Neurowissenschaften am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln sowie der medizinischen Fakultät der Universität Köln.
Das häufige Argument, es brauche mehr Aufklärung, greife bei Zucker ab einem gewissen Punkt nicht mehr: „Irgendwann essen wir, weil wir adipös sind.“ Eigenverantwortung und freier Wille kämen hier an Grenzen.
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