Politik

Bundesverband Managed Care drängt auf Überwindung der Sektorengrenzen

  • Dienstag, 27. Januar 2026
/natali_mis, stock.adobe.com
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Berlin – Der Bundesverband Managed Care (BMC) plädiert dafür, die anstehenden Strukturreformen im Gesundheitswesen für eine Überwindung der bisher strikten Sektorengrenzen zu nutzen. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) dämpft diese Hoffnungen unterdessen.

„Das sektorale Versorgungsmodell der Vergangenheit ist gescheitert“, erklärte der BMC-Vorstandsvorsitzende Lutz Hager heute zum Auftakt des BMC-Kongresses in Berlin. Es sei deshalb auch nicht zielführend, wenn die Politik versuchen würde, das System sektoral zu reformieren.

Dessen Defizite würden mit steigendem Mangel immer deutlicher zutage treten. Es brauche deshalb eine Entlastung und bessere Vernetzung. Zudem müsse Flexibilisierung zu einem Prinzip der Politik werden – es brauche mehr Eigenverantwortung der jeweiligen Akteure und weniger Detailregelungen.

Hager betont, es herrsche in der deutschen Politik zu oft die falsche Wahrnehmung, dass man eine Schablone entwickeln und diese dann bundesweit der Versorgung überstülpen könne. Stattdessen sei mehr Regionalisierung notwendig, um auf die jeweils lokalen Bedürfnisse zugeschnittene Konzepte zu entwickeln. Dabei könne sich Deutschland an den Strukturreformen anderer Länder wie Österreich und Portugal ein Beispiel nehmen.

Andererseits müsse man aufhören, Konzepte, die sich in bestimmten Sektoren bewähren würden, anderen Sektoren vorzuenthalten. So seien Leistungsgruppen ein sehr gutes Konzept. „Wieso denkt man nicht auch in ambulanten Leistungsgruppen?“, fragte Hager.

Bestätigung für seine Forderungen erhielt er aus der Praxis, beispielweise von Wolfgang Hentrich, Internist und Vorstandsvorsitzender des Praxisnetzwerks „GesundheitsNetz im Altkreis Lingen“ (Genial). „Solange wir weiter nur in Versorgungssilos denken, werden wir da nicht herauskommen und nur in Trippelschritten vorankommen“, betonte er.

Das gelte nicht nur für die Sektoren des Gesundheitswesens. Vielmehr müsse man stärker als bisher „nach links und nach rechts schauen“, wie er sagte, und etwa den Bereich Daseinsvorsorge besser mit einbeziehen, beispielsweise psychosoziale Betreuungsangebote.

Das forderte auch Cordula Hoffmanns, Projektmanagerin in einem Port-Zentrum in Berlin-Neukölln („Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung“), wo ein ganzheitlicher biopsychosozialer Ansatz verfolgt werde, der sich an den konkreten Bedürfnissen vor Ort orientiere.

Es brauche mehr Möglichkeiten, solche integrativen Konzepte zu verstetigen. „Uns fehlen weiterhin die Rahmenbedingungen für langfristige Finanzierungsmöglichkeiten“, beklagte sie.

Ausgangspunkt bleiben die Sektoren

Unterdessen bremste BMG-Staatssekretärin Katja Kohfeld die Erwartungen des BMC-Vorstandsvorsitzenden Hager. „Wir sind durchaus im Ansatz noch in den Sektoren unterwegs“, betonte sie. Allerdings würde ihr Haus auch darüber hinausdenken.

Dass die hohen Ausgaben im Gesundheitswesen derzeit nicht zu einer entsprechend besseren Versorgung führen, zeige den großen Reformbedarf. Tiefgreifende Reformen seien zudem notwendig, um die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu stabilisieren.

Die GKV-Finanzkommission werde dazu Ende März erste Ergebnisse für eine kurzfristige Stabilisierung vorlegen. Ein zweiter Bericht mit langfristigen Reformvorschlägen werde dagegen erst Ende des Jahres erwartet. „Darauf können wir nicht warten“, sagte Kohfeld. Deshalb werde das BMG schon in diesem Jahr seinen Entwurf für ein Primärversorgungssystem vorlegen.

Ein zentrales Ziel müsse dabei sein, die Wartezeiten für gesetzlich Versicherte auf Facharzttermine zu verkürzen. Der Zugang werde daher künftig primär über Hausärztinnen und Hausärzte erfolgen, allerdings auch über Ersteinschätzungssysteme. Die Frage sei, wie viele digitale Tools dafür notwendig sein würden. Auch sollen die Notrufnummer 112 und die Terminvermittlungsnummer 116117 besser vernetzt und zu einem Gesundheitsleitsystem ausgebaut werden.

Zustimmung signalisierte sie mit Blick auf eine nötige Flexibilisierung. Es sei für die Reformen zentral, künftig mehr auf „Freiräume mit Leitplanken“ statt auf Detailregelungen zu setzen. „Hier möchte ich ein ganz klares Plädoyer für die Selbstverwaltung aussprechen“, betonte sie.

Krisenresilienz als zentrales Ausgabenfeld

Eine besondere Bedeutung komme bei den Vorhaben des BMG in diesem Jahr zudem der neuen geopolitischen Situation zu. Es gebe keine Verlässlichkeit mehr in die bisherige Zusammenarbeit. Deshalb sei es eine zentrale Aufgabe, die Krisenresilienz des Gesundheitswesens zu stärken.

Ebenfalls noch in diesem Jahr werde das BMG dazu seinen Entwurf für ein Gesundheitssicherstellungsgesetz vorlegen. „Ziel ist, unser Versorgungssystem für geopolitische Krisen sicher zu machen“, unterstrich sie. „Wir müssen hier anpassungsfähiger werden. Die Weltlage zeigt uns das.“

Krisenresilienz sei zwar immer primär eine nationale Aufgabe, aber innerhalb Europas sei die EU hier komplementär tätig, betonte Florika Fink-Hooijer, Generaldirektorin der EU-Behörde für Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen (DG HERA). Mögliche künftige Krise bedürften einer besseren europäischen Abstimmung. „Das muss immer Hand in Hand gehen“, mahnte sie.

So müsse die Versorgungssicherheit bei Arzneimitteln und Medizinprodukten auf europäischer Ebene sichergestellt werden, indem Produktionsstätten auf dem Kontinent vorgehalten würden, um im Krisenfall die Produktion hochfahren zu können. Auch gemeinsame Beschaffung und Bevorratung der Mitgliedstaaten müssten ausgebaut werden.

Zudem müssten Lieferketten gestärkt werden, um der Abhängigkeit von China und Indien Rechnung zu tragen. Das Handelsabkommen, das EU und Indien gestern abgeschlossen hätten, sei dahingehend ein wichtiger strategischer Schritt.

„Das fußt auf einer klaren Gefahrenanalyse“, unterstrich Fink-Hooijer mit Blick auf die beschriebenen Maßnahmen. „Es geht nur darum, die Reaktionszeiten für bestimmte Gefahrensituationen zu verkürzen. Wir werden niemals komplett vorbereitet sein.“

Die Stärkung der Krisenresilienz beziehe sich dabei nicht nur auf Szenarien wie den Klimawandel oder eine erneute Pandemie, sondern explizit auch auf militärische Konfrontationen. „Gegenmaßnahmen sind geostrategische Güter. Deshalb müssen wir im Bereich der Pharmazeutika Abhängigkeiten abbauen“, betonte sie.

Darüber hinaus müssten sich die EU und die europäischen Gesundheitssysteme aber auch konkret der Verbesserung der zivil-militärischen Zusammenarbeit widmen und Kapazitäten für einen etwaigen Ernstfall aufbauen, beispielsweise mobile Labore, Mittel zur Abwehr und Behandlung von Zwischenfällen mit atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen (ABC-Abwehr) oder die Vorhaltung kleinerer mobiler Lager.

lau

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