Coronapandemie: Kinder sollten stärker in den Fokus genommen werden

Münster – Im Zusammenhang mit der Coronapandemie sollte der Umgang mit Kindern verstärkt in den Fokus genommen werden. Dafür hat sich Johannes Albert Gehle, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, gestern im Rahmen eines Pressegespräches ausgesprochen.
Kindern und Jugendlichen habe man „viel abverlangt“, so Gehle. Nun gelte es, Konzepte umzusetzen, die „mehr möglich machen“. Insbesondere dürfe es keine Schulschließungen mehr geben. Bei Infektionsfällen innerhalb einzelner Klassen sei ein kommunal einheitlicheres Vorgehen sinnvoll.
Zudem sei es gut anderthalb Jahre nach dem Beginn der Pandemie an der Zeit „zu sortieren und Fakten zu sammeln“. Gehle verwies in diesem Zusammenhang auf eine Zusammenarbeit der Ärztekammer mit dem Universitätsklinikum Münster. In diesem Rahmen sollen unter anderem gesicherte Kenntnisse zur Viruslast und Infektiosität von Kindern gewonnen werden.
Der Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Klaus Reinhardt, sprach in Bezug auf die Coronaeindämmungsmaßnahmen von einer nach wie vor „schwierigen Balance“ – allerdings hätten sich die Verhältnisse im Vergleich zu den ersten Coronawellen geändert. Man verfüge über mehr Wissen und vor allem wirksame Impfstoffe. Um einen Beitrag zu mehr Normalität für Kinder zu leisten, seien Erwachsene aufgerufen, sich impfen zu lassen.
Auch Gehle thematisierte die „hoffentlich noch steigende“ Impfquote. Zum Thema Impfen, aber auch zum allgemeinen Umgang mit Infektionsschutzmaßnahmen, sei die Aufklärungs- und Informationspolitik kritikwürdig. Insbesondere in Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund müssten die entsprechenden settingspezifischen Ansätze gestärkt werden.
Sowohl Reinhardt als auch Gehle begrüßten Initiativen, Coronageimpften bestimmte soziale Aktivitäten zu erleichtern. Dies könne, so Reinhardt, ein „Anschubsen“ der Impfmotivation bewirken.
Nachhaltige Krankenhausplanung gefordert
Bereits auf dem 14. Westfälischen Ärztetag in Münster am 27. August hatte Gehle darauf hingewiesen, dass eine moderne und erfolgreiche Krankenhausplanung zweierlei voraussetze: Eine nachhaltige Krankenhausinvestitionsfinanzierung und eine „längst überfällige Reform“ des Systems der diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG).
Er hoffe, so Gehle im Rahmen des Pressegespräches, dass der von der nordrhein-westfälischen Regierung gewählte Ansatz zur künftigen Gestaltung der Krankenhauslandschaft greife. Die Richtung stimme – nun dürfe die Initiative nicht „politisch zerstört“ werden.
Ein „großes Loch“ drohe absehbar beim ärztlichen Personal, warnte Gehle. Dies resultiere aus demografischen Effekten, einer sinkender ärztlichen Arbeitszeit pro Kopf sowie zu wenig Studienplätzen. An die Politik gehe deshalb der eindringliche Appell, endlich mehr Medizinstudienplätze zu schaffen.
Es könne auf Dauer keine Lösung sein, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern zu holen, die dann in ihrem Heimatland in der Patientenversorgung fehlen, während hierzulande Abiturienten selbst mit sehr guten Abschlüssen jahrelang auf einen Studienplatz warten müssen.
Reinhardt, der auch Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) ist, forderte ebenfalls nachdrücklich entsprechendes politisches Engagement. Von den zu erwartenden Folgen des „erheblichen Abflusses“ an ärztlichen Kräften in den kommenden Jahren machten sich Gesellschaft und Politik noch keine ausreichende Vorstellung – hierzu müssten aber viele Fragen beantwortet werden.
Dies betreffe, neben einem Ausbau der Medizinstudienplätze, Aspekte eines verbesserten Zusammenwirkens der im Gesundheitsbereich tätigen Berufsgruppen, eines sinnvollen Strukturwandels im Krankenhausbereich sowie der Stärkung sektorenübergreifender Versorgungsmodelle.
Für Gehle stellt sich dabei die Frage nach Substitution nicht, da der Kern ärztlicher Tätigkeit nicht substituierbar sei. Allerdings habe man bislang die Möglichkeiten der Delegation nicht ausgereizt. Um dies zu fördern, solle die Qualifikation beziehungsweise Zusatzqualifikation bestimmter Berufsgruppen klarer geregelt werden.
Von einem „intelligenten System der Verantwortungsteilung“ sprach Reinhardt – dies erfordere eine klar erkennbare Systematik sowie „verlässliche Strukturen“ zur Zertifizierung der jeweiligen (Zusatz-)Qualifikationen.
Im Rahmen des Westfälischen Ärztetages hatten sich die Kassenärztliche Vereinigung und die Ärztekammer Westfalen-Lippe für eine intensivere Zusammenarbeit aller medizinischen Berufe ausgesprochen. Hierzu richten KVWL und ÄKWL Forderungen an die Entscheidungsträger auf Bundesebene.
Grundlage einer professionsübergreifenden Zusammenarbeit in Behandlungsteams müsse eine klare Definition der allein den Ärztinnen und Ärzten vorbehaltenen Tätigkeiten sein. Dazu fordere man die BÄK und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auf.
Die Möglichkeiten zur Delegation und zur selbständigen Mitbehandlung durch Gesundheitsberufe müssten erweitert und fortgeschrieben werden – hier sei der GKV-Spitzenverband und die KBV gefragt.
Der Gesetzgeber solle gesetzliche Regelungen zur Verantwortung und Haftung für die eigenverantwortlichen Tätigkeiten der Gesundheitsberufe geben. Die ÄKWL und die KVWL selbst würden an Modellprojekten für mehr Delegation und professionsübergreifende Zusammenarbeit arbeiten.
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