„Es darf kein Münzwurf sein, ob jemand wiederbelebt wird oder nicht“
Berlin/Frankfurt am Main – Vergangenen Samstag hat in 21 Stadien der Finaltag der Fußballamateurmannschaften unter dem Motto „Wiederbelebung“ stattgefunden.
Vor dem Anpfiff hat die Initiative Herzsicher der Björn Steiger Stiftung und der Deutschen Herzstiftung in Kooperation mit dem Deutschen Fußballbund auf die Bedeutung schnellen Handelns bei einem Herzstillstand aufmerksam gemacht und das Publikum an Informationsständen aufgeklärt. Kurzeinführungen zu Herzdruckmassagen und Defibrillatoren sollten zeigen, wie einfach es sein kann, Leben zu retten.
Wie das Angebot bei den Menschen vor Ort angekommen ist und was sich ändern müsste, damit mehr Ersthelfer in Notsituationen eingreifen, darüber hat das Deutsche Ärzteblatt mit Sinann Al Najem, Medizinwissenschaftler und Leiter der Abteilung Prävention und Wiederbelebung bei der Deutschen Herzstiftung, gesprochen.

5 Fragen an Sinann Al Najem, Medizinwissenschaftler und Leiter der Abteilung Prävention und Wiederbelebung bei der Deutschen Herzstiftung
Sie haben den Finaltag der Amateure vor Ort in Saarbrücken begleitet und den Informationsstand betreut. Wie haben Sie die Reaktionen der Menschen erlebt?
Grundsätzlich waren die Menschen sehr interessiert, aber auch ein bisschen zurückhaltend. Man muss sich vor Augen führen, dass ein Herzstillstand immer eine Extremsituation ist. Im Alltag beschäftigt man sich in der Regel nicht gern damit und macht sich wenig Gedanken darüber, dass man selbst einmal in eine solche Situation geraten könnte: entweder als Betroffener oder als Ersthelfer.
Im Gespräch mit den Menschen an unserem Stand bin ich gleichzeitig auf eine große Sensibilität gestoßen – fast jeder hat in seinem Umfeld schon einmal Ähnliches erlebt oder zumindest gehört. Ein Kollege von mir hat beim Finale in Mannheim sogar jemanden getroffen, der selbst erfolgreich von einem Laien reanimiert wurde.
Besonders beliebt waren wir am Samstag bei den Kindern, die haben noch einen ganz anderen Zugang und sind insgesamt offener, wollten sich direkt ausprobieren. Doch auch bei den Erwachsenen konnten nach anfänglicher Distanz Hemmschwellen abgebaut werden, zum einen durch die Gespräche, zum anderen durch niedrigschwellige Übungen an den Reanimationspuppen. Vielen ist gar nicht bewusst, wie wichtig ihr Handeln bei einem Herzstillstand sein kann.
Damit der Patient oder die Patientin eine Chance auf Überleben hat, muss das kritische Zeitfenster bis zum Eintreffen der Rettungskräfte überbrückt werden. Denn bei einem Herzstillstand sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit pro Minute um zehn Prozent, wenn keine Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden.
Nur in rund der Hälfte der Fälle fangen Ersthelfer mit der Herzdruckmassage an, bevor der Rettungsdienst eintrifft. Warum trauen sich so viele Menschen nicht?
Die Laienreanimationsquote liegt derzeit bei rund 55 Prozent. Es darf kein Münzwurf sein, ob jemand wiederbelebt wird oder nicht. Viele haben Angst, etwas falsch zu machen, sind vielleicht unsicher, ob wirklich ein Herzstillstand vorliegt. Wenn es beim Drücken im Brustkorb knackt, denken einige, dass sie der Person schaden. Auch mit der Beatmung, die zum Teil noch gelehrt wird oder zumindest in den Hinterköpfen der Leute verankert ist, tun sich viele schwer. Im familiären Kontext mag das noch gehen, bei einer fremden Person auf der Straße sieht das schon anders aus.
Am besten ist es, wenn man die Wiederbelebungsschritte bei der Vermittlung einfach hält: Prüfen, Rufen, Drücken und gegebenenfalls Schocken, wenn eine zweite Person vor Ort ist, die einen automatisierten externen Defibrillator (AED) organisieren kann. Denn der Ersthelfer muss die Herzdruckmassage weiter durchführen. Das ist einfach zu lernen und leicht zu merken.
Studien zeigen, dass kontinuierliche Thoraxkompressionen bei Erwachsenen mit einem plötzlichen Herzstillstand erstmal ausreichen, vor allem in der Anfangsphase. Teils konnten damit sogar bessere Ergebnisse erzielt werden als bei einer Laienreanimation mit Beatmung. Es ist ganz entscheidend zu wissen, dass Nichtstun der größte Fehler ist.
Was müsste sich ändern, damit mehr Menschen in Notsituationen eingreifen und sich die Wiederbelebung zutrauen?
Der wichtigste Hebel ist meiner Meinung nach eine verpflichtende Verankerung im Schulsystem. Darüber erreicht man alle. Wir haben auch jetzt bei der Veranstaltung gesehen, wie interessiert die Kinder, also die nächste Generation der Lebensretter, waren. Diesen Tatendrang sollten wir nutzen. Es ist wichtig, das Thema frühzeitig zu vermitteln, dann entsteht über die Jahre auch eine gewisse Handlungssicherheit. Wir sehen es in den Vorreiterländern in Skandinavien: Dort liegt die Laienreanimationsquote nach Einführung des Wiederbelebungsunterrichts inzwischen bei 70 bis 80 Prozent.
Schon 2014 hatte die Deutsche Kultusministerkonferenz den Ländern empfohlen, einen Wiederbelebungsunterricht einzuführen. Die Deutsche Herzstiftung hat gemeinsam mit der Björn Steiger Stiftung die verpflichtende Einführung von Wiederbelebungsunterricht in mehreren Bundesländern wie Hessen und Bayern unterstützt und begleitet. In weiteren Ländern wie Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wird er gerade eingeführt.
Da wir ein föderales System haben, sind bislang nur einige Bundesländer der Empfehlung gefolgt oder führen den Unterricht jetzt schrittweise ein. Neben den Schulen müssen wir die Wiederbelebung auch noch stärker im Vereinswesen und in den Betrieben etablieren. Am besten ist es, wenn man in allen Lebensbereichen daran erinnert wird und die Kenntnisse regelmäßig aufgefrischt werden.
Wieso kommt das Thema Wiederbelebung immer wieder im sportlichen Kontext auf?
Zunächst einmal ist mir wichtig zu betonen, dass Sport grundsätzlich eine der wichtigsten Maßnahmen zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Trotzdem kommt es im Sport immer mal wieder zu Herz-Kreislauf-Stillständen.
Prominentes Beispiel ist der dänische Fußballnationalspieler Christian Eriksen, der während eines EM-Spiels einen plötzlichen Herzstillstand erlitten hat. Dank schnellen Eingreifens konnte Schlimmeres vermieden werden und Eriksen steht heute wieder auf dem Platz. Das ist eigentlich auch ein tolles Beispiel, um aufzuzeigen, wie positiv das Outcome sein kann, wenn sofort richtig gehandelt wird. Auch bei großen Marathonveranstaltungen passiert es immer mal wieder, dass jemand einen Herzstillstand erleidet.
Insgesamt ist die Häufigkeit von Herzstillständen bei Sportlern allerdings nicht sehr hoch, sie liegt je nach Studie bei 0,7 bis drei Fällen pro 100.000 Sporttreibenden pro Jahr. Auffällig ist, dass meistens Männer betroffen sind.
Das kann unter anderem damit erklärt werden, dass sie im mittleren Lebensalter häufiger intensiven Wettkampf- und Ausdauersport betreiben und im Mittel ein höheres kardiovaskuläres Risiko als Frauen haben. Bei Frauen wird bis zur Menopause zudem eine gewisse hormonelle Schutzwirkung auf das kardiovaskuläre System diskutiert.
Weil es im Sport immer mal wieder zu Zwischenfällen kommen kann, ist es wichtig, dass es in den Vereinen viele Menschen gibt, die im Notfall helfen können und auch als Multiplikatoren für die Wissensvermittlung im Verein fungieren. Dazu gehören beispielsweise auch die Schiedsrichter, die neben den Spielern meist als Erste vor Ort sind. Der Sport ist ein wichtiger Bereich, um Aufklärung zu betreiben, weil er viele erreicht und einen niedrigschwelligen Zugang ermöglicht.
Deshalb haben Sie auch den Finaltag der Amateure genutzt. Denken Sie, dass durch die Aktion mehr Menschen für die Wiederbelebung sensibilisiert werden konnten?
Dadurch, dass der Fußball in Deutschland so populär und emotional belegt ist, bietet er eine besondere Möglichkeit, um die Menschen zu erreichen. Dass der Finaltag der Amateure außerdem im Fernsehen übertragen wurde, hat uns eine zusätzliche Reichweite beschert. Insofern glaube ich schon, dass wir mit der Aktion einige Menschen erreichen konnten, die sonst vielleicht nicht mit dem Thema in Berührung kommen. Auch Vereine sind womöglich nochmal aufmerksamer geworden.
Nicht zuletzt ist es auch dem Fußball selbst ein großes Anliegen, im Bereich der Wiederbelebung gut aufgestellt zu sein. Wir haben nach dem Finaltag zumindest schon einen kleinen Peak verzeichnen können, was die Buchung von Wiederbelebungsschulungen angeht, die von der Initiative Herzsicher angeboten werden. Aber das muss sich jetzt verstetigen: Es bringt nichts, einmal einen Peak zu haben und danach wieder einen Abfall. Wir müssen an dem Thema permanent dranbleiben.
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