Vermischtes

„Es kam nur zu etwa 70 hitzebedingten Fällen bei rund 80.000 Fusion-Teilnehmenden“

  • Dienstag, 30. Juni 2026

Lärz – Am vergangenen Wochenende fand mit etwa 80.000 Teilnehmenden das Fusion Festival in Mecklenburg Vorpommern statt. Mit knapp 40 Grad Celsius war es eine der heißesten, wenn nicht die heißeste Fusion seit ihrer Premiere 1997. Viele andere Veranstaltungen wurden aufgrund der extremen Hitze abgesagt.

Eines der größten Events der elektronischen Musikszene in den Niederlanden, das Hardstyle-Festival Defqon.1 mit mehr als 250.000 Besucherinnen und Besuchern, wurde vorzeitig abgebrochen. Der Wetterdienst hatte wegen extremer Hitze erstmals die höchste Warnstufe ausgerufen. Temperaturen bis 38 Grad waren angekündigt.

Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit dem ärztlichen Leiter der Fusion, Gernot Rücker, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsmedizin Rostock zum medizinischen Hitzemanagement auf der Fusion.

Gernot Rücker /Kristina Becker
Gernot Rücker /Kristina Becker

5 Fragen an Gernot Rücker, Ärztlicher Leiter der Fusion

2024 hat Ihr Team während der Fusion etwa 2.300 Patientinnen und Patienten betreut. Wie hat die extreme Hitze den Behandlungsbedarf dieses Jahr verändert?
In diesem Jahr waren wir mit etwa 50 Ärztinnen und Ärzten und 180 Medizinstudierenden vor Ort, die einen Notfallmedizinkurs absolviert haben. Wir hatten uns auf vermehrte gesundheitliche Probleme mit Materialbevorratung von Infusionen und Elektrolyt-Drinks eingestellt. Die Befürchtungen blieben jedoch aus. Es kam nur zu etwa 70 hitzebedingten Fällen bei rund 80.000 Teilnehmenden.

Ein bestimmtes Muster was Alter oder spezielle Drogen angeht, konnten wir bei diesen wenigen Fällen nicht feststellen. Das medizinische Team hatte auf dem Festival insgesamt an die 2.500 Behandlungskontakte. Es gingen 738 Notrufe ein. Etwa 50 Personen mussten vor allem aufgrund von Unfällen in ein Krankenhaus gebracht werden, keiner dieser Fälle stand in Zusammenhang mit der Hitze. Todesfälle gab es keine in diesem Jahr. Das Spektrum und die Anzahl wichen damit nicht von dem der Vorjahre ab.

Bei der erfolgreichen Evakuierung aufgrund des Waldbrandes Donnerstagabends konnte zudem gezeigt werden, wie leistungsfähig die Fusion-Mannschaft ist.

Welche Personengruppen waren besonders gefährdet, bei den hohen Temperaturen gesundheitliche Probleme zu entwickeln? Wie beeinflussen Drogen- und Alkoholkonsum das Hitzerisiko?
Wir haben ein sehr junges, gesundes und aufgeklärtes Klientel. Trotzdem wird das Risiko unter Drogeneinfluss erhöht. Zu den Stimulantien, die für ein reduziertes Hunger- und Durstgefühl sorgen, zählen etwa Speed, MDMA und Kokain. Fast alle Rauschmittel verzerren zudem die Wahrnehmung, auch bezüglich des eigenen Gesundheitszustandes. Die gegenseitige Achtsamkeit ist bei uns jedoch ein wichtiges gelebtes Konzept. Dies trägt damit natürlich erheblich zur Sicherheit aller bei.

Welche Maßnahmen wurden dieses Jahr im Vorfeld aufgrund der Hitze zusätzlich eingeplant? War das effektiv und ausreichend?
Auf dem Festivalgelände sind im Grunde optimale Voraussetzungen: Es gibt große Schattenzonen, wie beispielsweise Wäldchen und Hangars, überall sind frei verfügbare Wasserzapfstellen eingerichtet und unser „THC-Konzept“, also trinken, Hut und (Sonnen-)Creme gehört hier ohnehin zum Standard. Auch im Drug-Checking wird bei jeder Beratung darauf eingegangen.

Dieses Jahr konnten Festivalgäste erstmals auch ihren Elektrolythaushalt per Bluttest messen lassen. Welche Bilanz ziehen Sie daraus?
Wir hatten zum ersten Mal ein Blutgas-Analyse-Gerät mit speziell geschultem Personal vor Ort. Mehr als 100 Gäste nutzten den Service, der maximal 5 Minuten in Anspruch nimmt. Bei etwa fünf Prozent davon kam es zu relevanten Befunden. Wir gehen jedoch davon aus, dass allein schon wegen der zahlreichen Hinweisschilder zu diesem Service vermehrt auf adäquates Trinken geachtet wurde.

Wir erachten dieses als sinnvoll, es wird sich jedoch wegen des erheblichen Aufwandes nur schwerlich überall realisieren lassen. Hinzu kommt auch, dass wegen der hohen Inklusion und Rate an chronisch Erkrankten auf dem Festivalgelände der medizinische Bereich sowohl materiell als auch personell sehr gut ausgestattet ist und damit so etwas überhaupt erst möglich wird.

Viele andere Veranstaltungen an diesem Wochenende wurden aufgrund der Hitze abgesagt. Unter welchen Hitze-Bedingungen würden Sie aus medizinischer Sicht dazu raten, ein Festival abzusagen?
Das kann man pauschal nicht sagen. Es gibt sehr heiße Regionen der Erde, in denen solche Festivals auch stattfinden. Entscheidend sind die Besucheranzahl, das Vorhandensein von Infrastruktur und das Alter beziehungsweise der Gesundheitszustand der Besuchenden.

Die Entscheidung ist dann immer individuell. Aber auch hier gilt: Kommunikation aller Beteiligter inklusive der Gäste ist das Wichtigste. Mit gesundem Augenmaß und dem Hören auf Expertinnen und Experten lassen sich durchaus Festivals in dieser Größenordnung unter solchen Voraussetzungen durchführen.

gie

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