Politik

Hitzewelle sorgt für Kritik an Politik, Grüne schlagen Sofortprogramm vor

  • Montag, 29. Juni 2026
Der Rettungsdienst war an diesem Wochenende vermehrt mit Hitzeinsätzen befasst. /picture alliance, Caro Kadatz
Der Rettungsdienst war an diesem Wochenende vermehrt mit Hitzeinsätzen befasst. /picture alliance, Caro Kadatz

Berlin – Die Hitzewelle hat am Wochenende für vermehrte Einsätze der Feuerwehren und Rettungsdienste in ganz Deutschland und Kritik an der Politik gesorgt. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband hat der Bundesregierung Versagen beim Hitzeschutz vorgeworfen, die Grünen schlugen ein Sofortprogramm vor.

„Die Bundesregierung lässt die Praxen beim Hitzeschutz im Stich“, sagte die Verbandsvorsitzende Nicola Buhlinger-Göpfarth den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Den jahrelangen Ankündigungen, man werde das Thema Hitzeschutz endlich priorisieren, seien keine Taten gefolgt.

„Die Politik muss endlich ihrer Verantwortung gerecht werden und beim Hitzeschutz handeln, statt sich darauf zu beschränken, immer wenn es heiß wird, eine Absichtserklärung nach der anderen zu veröffentlichen“, betonte Buhlinger-Göpfarth.

Sie erinnerte daran, dass die damalige Bundesregierung bereits vor drei Jahren ein umfassendes Maßnahmenpaket zum Hitzeschutz angekündigt habe. Dazu habe auch gehört, die medizinische Aufklärung während Hitzewellen in Hausarztpraxen zu vergüten.

„Bis heute ist de facto nichts passiert“, kritisierte die Verbandsvorsitzende. Sobald der Sommer vorbei gewesen sei, sei das Thema wieder von der politischen Agenda verschwunden. Angesichts der aktuellen Hitzewelle sieht der Verband insbesondere ältere Menschen und chronisch Kranke in Gefahr.

Eine strukturierte Beratung in Hausarztpraxen und Pflegeheimen sei deshalb unverzichtbar. Dabei gehe es nicht nur um allgemeine Hinweise, ausreichend zu trinken oder die Mittagshitze zu meiden. Oft müssten Medikamente überprüft oder angepasst und Patienten darüber informiert werden, wie hitzeempfindliche Arzneimittel wie Insulin richtig gelagert werden. „Das ist nicht trivial und kostet Zeit“, sagte Buhlinger-Göpfarth. Viele Menschen seien dabei auf die Unterstützung ihrer Hausarztpraxis angewiesen.

Die Bundesregierung müsse die aktuelle Hitzewelle nun endlich zum Anlass für konkrete Maßnahmen nehmen, forderte die Verbandsvorsitzende. „Eine vernünftig finanzierte Hitzeschutzberatung in den Praxen wäre das Minimum. Gleichzeitig müssen insbesondere auch die Pflegeheime in die Lage versetzt werden, ihre Bewohner vernünftig gegen Hitze zu schützen.“

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft beklagte ebenfalls Versäumnisse beim Hitzeschutz in Krankenhäusern. In der Rheinischen Post forderte der Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß mehr Geld von der öffentlichen Hand, um etwa Patientenzimmer zu klimatisieren.

Seit Jahrzehnten kämen die Länder ihrer Verpflichtung zur Investitionsfinanzierung nicht ausreichend nach, beklagte er. „Zu der strukturellen Unterfinanzierung bei Investitionen und Betriebskosten kommt nun auch noch das Sparpaket des Bundes, das vielen Kliniken endgültig die Luft zum Atmen nimmt.“

Wer Hitzeaktionspläne und den Kampf gegen den Klimawandel ernst meine, müsse Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen endlich finanziell so ausstatten, dass sie Patienten schützen und ihren Beschäftigten auch bei extremer Hitze sichere Arbeitsbedingungen bieten könnten.

Grüne legen Aktionsplan vor

Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge hat angesichts der Hitzewelle ein Papier zum Hitzeschutz vorgelegt. Die Bild am Sonntag (BamS) berichtete zuerst. Kern des Papier sind drei Maßnahmen, die die Regierung zeitnah umsetzen könnte: den Ausbau von Klimaanlagen in Verbindung mit Solaranlagen, die Fortentwicklung und konsequente Umsetzung von Hitze-Aktionsplänen und das verstärkte Pflanzen von Bäumen, zum Beispiel auf Spielplätzen, sowie die Entsiegelung zubetonierter Städte.

Deutschland braucht demnach „ein Abkühl-Sofortprogramm, um Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen zu kühlen und klimatisieren“, heißt es darin. Das bedeute mehr bauliche Beschattungsmöglichkeiten wie Jalousien und Sonnensegel, kühlende Fassadenbegrünung und Belüftung, Dämmung, die Hitze draußen halte, und vor allem volles Tempo beim Ausbau von Klimaanlagen in Verbindung mit Solaranlagen.

Die Caritas fordert von der Bundesregierung ein Förderprogramm für die energetische Sanierung von Sozialimmobilien. In den Strukturen der freien Wohlfahrt gebe es rund 100.000 Gebäude, so die Sprecherin. „Durch energetische Gebäudesanierungen könnten nicht nur die Menschen besser vor Hitze geschützt, sondern auch langfristig die Kosten deutlich gesenkt und die CO2-Bilanz verbessert werden.“

Angesichts auch künftiger Hitzewellen in Deutschland hat Linken-Chefin Ines Schwerdtner von Politik und Arbeitgebern umfassende Konzepte gefordert. „Kaum jemand“ in den Regierungen in Bund und Ländern sei auf den Hitzesommer ausreichend vorbereitet gewesen, sagte sie. Vor allem vulnerable Gruppen dürften nicht der Hitze überlassen werden. „Das ist eine politische Verantwortung und die Verantwortung der Arbeitgeber.“

Abgesehen von den tiefergehenden Fragen der Klimaerwärmung gehe es um die „ganz alltägliche Frage, wie können wir uns für den nächsten Hitzesommer rüsten“, sagte Schwerdtner. Dazu müssten die Investitionen in den Nahverkehr erhöht werden, damit die Bahnen trotz großer Hitze fahren könnten. Zudem müssten öffentliche Gebäude und Plätze genutzt werden können und Hitzepläne für Schulen, Pflegeheime und Krankenhäuser Vorrang haben.

Umweltminister Carsten Schneider hat beim Hitzeschutz auf die Verantwortung der Länder und Kommunen verwiesen. Der Bund habe ihnen aus dem Sondervermögen für Infrastruktur zu Beginn dieser Legislatur 100 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt für die nächsten Jahre, sagte der SPD-Politiker im Deutschlandfunk.

„Und ich finde, das ist ausreichend und auch auskömmlich, um das Ganze auch zu finanzieren und diese Aufgabe auch wahrzunehmen.“ Gleichzeitig wolle der Bund beim Hitzeschutz weiter unterstützen. Er „arbeite gerade bei der Haushaltsaufstellung daran, dass wir auch in den nächsten Jahren das mitfinanzieren können“, sagte Schneider.

Nach dem zurückliegenden Wochenende mit Temperaturen von 40 Grad und mehr in vielen Teilen Deutschlands sei klar, „dass wir im Klimawandel sind, dass sich unsere Bedingungen, was die Umwelt betrifft, verändern“, sagte der Minister. „Es wird heißer, es gibt Starkregenfälle und es wird schwerer, sich als Mensch in diesen Bedingungen zu bewegen, zu arbeiten und auch zu wirtschaften.“

Es müsse alles dafür getan werden, den Klimawandel aufzuhalten. Das von ihm vorgelegte Klimaschutzprogramm der Bundesregierung sehe vor, den Ausstoß von CO2 und anderer Treibhausgase bis 2030 um mindestens 65 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 zu senken. „Und das werden wir bis zum Jahre 2030 auch erreichen. Sollte es da eine Abweichung geben, werden wir nachsteuern.“

Kältetechnik an MHH ausgefallen

Die Hitzewelle hat am Wochenende ihren Höhepunkt erreicht und Deutschland Extremtemperaturen in Serie beschert. In weiten Teilen der Republik stieg das Thermometer auf 40 Grad Celsius oder darüber an – 41,7 Grad wurden etwa in in Neißemünde im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree gemessen.

In Senioren-Einrichtungen in Dormagen und Krefeld in Nordrhein-Westfalen mussten wegen der Hitzefolgen zum Beispiel zahlreiche Bewohner mit Gesundheitsproblemen aus überhitzten Gebäudebereichen in Sicherheit gebracht werden. Seit Freitag starben bundesweit mindestens zehn Menschen durch Badeunfälle.

An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) war wegen der extremen Hitze am Samstagabend die Kältetechnik zeitweise ausgefallen. Das habe zu einer Überlastung der Notklimaversorgung des Rechenzentrums geführt, wie die Einrichtung mitteilte. Die Versorgung der Patienten sei aber zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen.

Wegen des Systemausfalls war die MHH zeitweise von der Notfallversorgung abgemeldet. Notfälle, die nur in der dort versorgt werden können, seien aber bedient worden. Generell sei die Notaufnahme wegen der extremen Hitze auch nicht stärker besucht als an üblichen Sommertagen. Die Feuerwehr unterstützte bei der Kühlung des Gebäudes.

Wegen der Hitze hatten die Deutsche Bahn und weitere Eisenbahnunternehmen am Wochenende von nicht dringend notwendigen Reisen im Fern- und Regionalverkehr abgeraten. Nach einer Liste des ADAC waren am Wochenende etliche Autobahnen in vielen Bundesländern von Sperrungen und Geschwindigkeitsbegrenzungen betroffen.

Vielerorts wölbte sich die Fahrbahn bei Hitze auf, weil sich der Beton ausdehnte. Betroffen sind nach Angaben der Autobahn GmbH vor allem ältere Fahrbahnen, die stark beansprucht wurden oder bereits mehrfach repariert werden mussten.

Die beispiellose Hitzewelle mit Rekordtemperaturen in Europa ist nach Einschätzung des Chefs der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitverantwortlich für Hunderte zusätzliche Todesfälle. „Seit dem 21. Juni wurden in Europa mehr als 1.300 zusätzliche Todesfälle verzeichnet, die im Zusammenhang mit den hohen Temperaturen stehen“, schrieb Tedros Adhanom Ghebreyesus auf der Plattform X.

Vergangene Woche hatte er bereits gewarnt, weltweit würden jährlich rund eine halbe Million Menschen an Hitzefolgen sterben. Viele dieser Todesfälle seien durch Schutzmaßnahmen vermeidbar. Gestern hatte die französische Gesundheitsbehörde mitgeteilt, nach vorläufigen Daten seien während der extremen Hitzewelle rund 1.000 Todesfälle mehr als im Durchschnitt registriert worden.

Angesichts der extremen Hitzewelle war im Ausland, etwas im Großraum Paris, für die Kliniken der Krisen- und Notfallplan aktiviert worden. Die Hitzewelle setze das Gesundheitssystem und insbesondere die Notaufnahmen und Rettungsdienste unter Druck, begründeten die Gesundheitsbehörden der Hauptstadtregion den Schritt. Der Notfallplan beinhaltete die Mobilisierung von zusätzlichem Personal sowie die Kooperation mit weiteren Gesundheitseinrichtungen.

dpa/afp/kna/may

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