Fachleute wollen Geschlechteraspekte stärker in Medizinstudium verankert sehen

Berlin – Geschlechteraspekte sollten in der Prävention und Anamnese stärker mitgedacht und Teil der medizinischen Ausbildung werden. Darüber waren sich die Teilnehmerinnen des Forums Gender und Gesundheit, das gestern in Berlin stattfand, einig.
Es sei ein Skandal, dass es in Deutschland nur eine Vollprofessur für Gendermedizin gebe, betonte Christine Aschenberg-Dugnus, ehemalige gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, die sich nun im Auftrag des PKV-Verbandes für die Gesundheitsförderung und Prävention einsetzt. „Das reicht nicht. Wir müssen auch unsere kommenden Ärztinnen und Ärzte in dem Bereich fortbilden und da brauchen wir mehr Professuren in dem Bereich“, forderte sie.
Ärztinnen und Ärzte sollten auch in der Anamnese dafür geschult sein, geschlechterspezifische Unterschiede bei Erkrankungen zu erheben, sagte Claudia Schmidtke, Herzchirurgin und Gendermedizinerin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) sowie ehemalige Patientenbeauftragte der Bundesregierung.
Viele Ärztinnen und Ärzte wüssten zwar grundsätzlich Bescheid, im Alltag gingen geschlechterspezifische Fragen jedoch oft unter, weil sie schlichtweg kein Standard seien. So könnten Fragen zu Schwangerschaftskomplikationen und der Zeitpunkt der Menopause etwa wichtige Hinweise auf Herz-Kreislauferkrankungen bei Frauen liefern.
Das gleiche gelte für Empfehlungen in Leitlinien, so Schmidtke. Studien zum Blutdruck, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern darlegen, hätten beispielsweise noch keinen Eingang in die Leitlinien gefunden. Wenn es die Empfehlung nicht gebe, würden Frauen und Männer in dieser Hinsicht auch weiterhin nicht geschlechterspezifisch behandelt.
Anders sehe es schon beim EKG aus: Dass sich die Hebungen sich beim Herzinfarkt je nach Geschlecht unterscheiden, sei inzwischen in die Leitlinie eingeflossen, berichtete die Herzchirurgin. Und auch, dass der Troponinwert bei einem Herzinfarkt bei Frauen durchaus niedriger sein könne als bei Männern. Schwierig sei es jedoch nach wie vor, wenn das Labor den Troponinwert im vermeintlichen Normbereich einordne, weil das Geschlecht des Patienten nicht berücksichtigt werde, erklärte Schmidtke.
„Wir warten schon lange darauf, dass die Gendermedizin ins Medizinstudium kommt“, so die Herzchirurgin. In Lübeck habe man dies kurzerhand selbst in die Wege geleitet und biete seit dem Sommersemester eine Gendermedizinvorlesung an. Dies sei nicht nur gut für die Studierenden, sondern auch für die Dozierenden, unterstrich Schmidtke. In der Vorbereitung würden dabei viele Lehrende auf Leerstellen und blinde Flecken in ihrem Fachgebiet stoßen.
Weiteres Thema des Abends war der Geschlechteraspekt in der Prävention. Dies fange schon bei der Aufklärung über Früherkennungsuntersuchungen an. Insbesondere vielen Männern sei gar nicht bewusst, welche Möglichkeiten es gebe, berichtete Nadine Biernath, Oberärztin in der Klinik für Urologie der Charité Universitätsmedizin Berlin.
Bei der Prostatakrebsfrüherkennung halte sich zudem hartnäckig die Annahme, dass sie zwingend mit einer rektalen Tastuntersuchung erfolgen müsse. Dies sei jedoch nicht mehr der Standard, betonte sie. Es brauche gute Aufklärungskampagnen, die die richtigen Informationen vermittelten und auch Männer für die Früherkennung sensibilisierten, so Biernath.
Im Bereich der Früherkennungsuntersuchungen in der Urologie sei zudem schwierig, dass die Empfehlungen in den Leitlinien von den Krankenkassen zum Teil nicht finanziert würden. So sei das PSA-Screening beispielsweise empfohlen – es falle jedoch nicht in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung und müsse als individuelle Gesundheitsleistung selbst bezahlt werden. Dadurch werde aus dem Screening schnell auch eine sozioökonomische Frage.
Frauen gingen, auch wenn sie keinen Hausarzt hätten, zumindest meist zum Frauenarzt, sagte die Urologin. Dieser könne sie auf notwendige Früherkennungsuntersuchungen, mitunter auch in anderen Fachbereichen, aufmerksam machen. Für Männer gebe es das nicht. Erste Vorsorgen beim Urologen werden derzeit ab 45 Jahren empfohlen. Eigentlich brauche es auch für sie in dieser Zeit eine Art Parallelstruktur zum Frauenarzt, betonte Biernath.
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