Vermischtes

Geschlechteraspekte auch in der Notfallmedizin berücksichtigen

  • Donnerstag, 15. Januar 2026
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Berlin – Geschlechteraspekte sollten in der Notfallmedizin eine stärkere Rolle spielen und auch in zeitkritischen Momenten berücksichtigt werden. Dafür plädierte heute Martina Waldherr, Notfallärztin und Leiterin des Projekts Culture, Sex und Gender in der Notfallmedizin an der München Klinik Bogenhausen, in einer Diskussionsveranstaltung zur geschlechtergerechten Versorgung in Berlin.

In der Notfallmedizin trage der hohe Zeitdruck oftmals zu der Meinung bei, dass Geschlechteraspekte nicht auch noch berücksichtigt werden könnten, sagte Waldherr. Um in stressigen Situationen gute und schnelle Entscheidungen treffen zu können, gebe es in der Notfallmedizin nicht umsonst entsprechende Algorithmen – von denen auch nicht abgewichen werden sollte.

Doch nicht in jeder notfallmedizinischen Situation müsse sofort entschieden werden, so die Notfallmedizinerin. Viele Einsätze im Rettungsdienst oder Fälle in der Notaufnahme böten sich an, dass man sich dafür auch die Zeit nehmen könne.

„In jeder Stufe der notfallmedizinischen Versorgung gibt es Geschlechterunterschiede, die berücksichtigt werden müssen“, so Waldherr. Sie könnten therapie- und prognoserelevant sein. Neben regelmäßigen Reanimationstrainings und der souveränen Beherrschung wichtiger Notfallsituationen sei es auch wichtig, dass das Personal in Hinblick auf Geschlechteraspekte geschult werde.

Oftmals zeigten sich diese bereits in der Kommunikation – wann beispielsweise ein Notruf abgesetzt werde und die Bereitschaft bestehe, ein Krankenhaus trotz Familie oder Pflege eines Angehörigen daheim aufzusuchen. Bei Ersteinschätzungen in den Notaufnahmen komme es auch häufig vor, dass Schmerzen bei Männern und Frauen unterschiedlich eingeschätzt und behandelt würden.

„Das sind alles Themen, die sind dem Personal oft nicht bewusst in der Medizin und in der Notfallmedizin“, sagte Waldherr. Das Unwissen darüber trage momentan noch dazu bei, dass es im notfallmedizinischen Bereich wenig Fortbildungen zu dem Thema gebe.

Die ungleiche Versorgung beträfe dabei nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Symptome bei Depressionen äußerten sich bei ihnen beispielsweise oft anders und bei Frakturen in der Notaufnahme werde bei männlichen Patienten oftmals nicht gleich an Osteoporose gedacht. „Es gibt Versorgungsdefizite für beide Geschlechter“, stellte die Notfallmedizinerin fest.

Wenn auf das Geschlecht Rücksicht genommen werde, trage dies letztlich auch zu einer höheren Patientensicherheit und Versorgung bei. „Wenn wir es schaffen, dieses Wissen zu vermitteln, ist die Bereitschaft vermutlich deutlich größer, Schulungen dafür zu schaffen“, so Waldherr.

Sie selbst bietet in München bereits ein solches Projekt an, das alle Berufsgruppen in der Notfallmedizin einschließt und Geschlechterunterschiede in dem Fachbereich vermittelt. Nach einer Testphase könnte es im Onlineformat womöglich bald deutschlandweit für Ärztinnen und Ärzte verfügbar sein.

Geschlechtergerechte Versorgung weiterhin ausbaufähig

Auch ansonsten gibt es im Bereich der geschlechtergerechten Versorgung noch vieles zu tun, wie in der Veranstaltung deutlich wurde. Nach wie vor gebe es zu wenig Daten, Forschung und Geld, um vor allem die Frauengesundheit vollständig abbilden zu können, waren sich die Expertinnen einig.

In der Ausbildung und Lehre spielt die Gendermedizin demnach ebenfalls eine viel zu untergeordnete Rolle. Würden individuelle Faktoren und Geschlechterunterschiede in der Medizin verstärkt berücksichtigt werden, könnten davon alle profitieren, so die Expertinnen.

Trotz alledem sei man in den vergangenen Jahren schon weit gekommen, betonte Andrea Galle, Vorständin bei der mkk Krankenkasse. Die Frauengesundheit sei in der Öffentlichkeit angekommen und viele Themen aus der Tabuzone geholt worden.

Die neuen Förderrichtlinien, die das Bundesgesundheitsministerium (BMG) gestern bekanntgegeben habe, könnten einen „starken Impact“ haben und zur Relevanz und breiteren Aufmerksamkeit auf das Thema beitragen. Sobald es entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten gebe, habe man einen weiteren Hebel in der Hand, um die geschlechtergerechte Versorgung voranzutreiben, so Galle.

Das Thema Frauengesundheit ist auch im Koalitionsvertrag verankert. Auf politischer Ebene hat sich in dieser Hinsicht vor allem zum Ende des vergangenen Jahres noch einiges bewegt: Im November hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) etwa einen Dialogprozess Wechseljahre gestartet, um die Forschung und Versorgung mit Blick auf die medizinischen Anliegen von Frauen zu stärken.

Bis 2029 stellt das BMG für die Versorgungsforschung zu Endometriose und Wechseljahren sowie zur Förderung von Nachwuchsforschungsgruppen bis zu zehn Millionen Euro bereit, eine Datenbasis soll zudem am Robert-Koch-Institut aufgebaut werden.

Daneben hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) Ende November ein zusätzliches Ressort für Frauengesundheit geschaffen, um die geschlechtersensible Gesundheitsforschung zu stärken.

nfs

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