Frauengesundheit: Forderungen nach mehr geschlechtersensibler Medizin

Berlin – Zum Internationalen Tag der Frauengesundheit hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) einen stärkeren Fokus auf die medizinischen Belange von Frauen gefordert.
Geschlechterspezifische Unterschiede in der Medizin müssten stärker beachtet werden, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Viel zu lange wurde einfach ignoriert, dass Frauen andere gesundheitliche Bedürfnisse, Beschwerden und Symptome haben als Männer.“
Zwar gebe es eine zunehmende Sensibilität für das Thema und die Bereitschaft für Veränderungen, sagte Warken. Bis sich Lehrpläne, Fortbildungen und Forschungsergebnisse jedoch spürbar auf die Versorgung auswirkten, werde es noch dauern. „Nicht damit anzufangen, ist aber keine Option mehr“, fügte die Ministerin hinzu. Frauen verdienten „eine medizinische Gesundheitsversorgung, die ihr Geschlecht besser berücksichtigt“.
Auch Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) betonte die nötigen Veränderungen in der Medizin. „Frauengesundheit und geschlechtersensible Medizin sind keine Nischenthemen, sie gehen uns alle an“, so Bär. Daher sei die Stärkung dieses Forschungsbereichs ein Schwerpunkt ihrer Arbeit. Das betreffe sowohl frauenspezifische Erkrankungen, als auch das Thema Verhütung sowie geschlechtersensible Behandlung.
Am Tag der Frauengesundheit soll jährlich auf gesundheitliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern aufmerksam gemacht werden. Ein Problem ist, dass viele Krankheiten und Medikamente überwiegend an männlichen Patienten erforscht wurden. Dadurch werden nach Angaben von Experten Beschwerden bei Frauen häufig später erkannt oder auch falsch behandelt – zum Beispiel durch eine für Frauen nicht passende Dosierung der Arzneien.
Ärzte wünschen sich mehr Fokus auf Geschlecht in der Medizin
Medizinische Behandlungen in Deutschland richten sich aus Sicht vieler Ärzte noch unzureichend nach dem Geschlecht der Patienten. In einer forsa-Umfrage für den AOK-Bundesverband sprechen sich 87 Prozent dafür aus, geschlechtsspezifische Aspekte stärker in den medizinischen Leitlinien zu berücksichtigen.
Ein Drittel der rund 500 Befragten gab an, dass während des Medizinstudiums „gar keine“ Inhalte zu den Unterschieden zwischen Frauen und Männern bei Erkrankungen vermittelt wurden. Allerdings haben der Umfrage zufolge auch zwei Drittel noch nie eine entsprechende Fortbildung besucht. Als Gründe dafür wurden ein Mangel an Angeboten angegeben, aber auch mangelnde Relevanz oder höhere Priorität anderer Themen.
„Frauengesundheit gerät zwar immer stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, aber um diese wirklich systematisch zu stärken, braucht es eine konsequente Verankerung von geschlechtsspezifischen Aspekten in Forschung, Lehre und Versorgung“, sagte die AOK-Vorstandsvorsitzende Carola Reimann.
Bei der Gesundheitsversorgung das Geschlecht stärker zu berücksichtigen, fordert auch die Ärztekammer Bremen (ÄKHB). Denn trotz erheblicher Fortschritte in Medizin und Forschung bestünden weiterhin Unterschiede in Diagnostik, Prävention und Therapie, die Frauen in besonderer Weise beträfen.
„Viele Erkrankungen zeigen bei Frauen andere Symptome, nehmen andere Verläufe oder erfordern angepasste Therapien. Dieses Wissen muss konsequent in Forschung, Lehre und Versorgung Eingang finden“, sagte Christina Hillebrecht, Präsidentin der Ärztekammer Bremen, anlässlich des heutigen Internationalen Tages der Frauengesundheit.
Lange Zeit haben sich die medizinische Forschung und klinische Studien überwiegend am männlichen Körper orientiert. „Die daraus entstandenen Datenlücken wirken bis heute nach“, hieß es aus der Kammer.
So würden beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen häufig später erkannt, weil Symptome anders ausgeprägt seien als bei Männern. Auch Erkrankungen wie Endometriose, Osteoporose, Autoimmunerkrankungen oder psychische Belastungen von Frauen stünden noch zu wenig im Fokus bei Diagnostik und Versorgung.
Defizite bei der gynäkologischen Versorgung benennen die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF) anlässlich des Aktionstages.
„Eine verlässliche gynäkologische und geburtshilfliche Versorgung ist ein zentraler Bestandteil der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Dafür brauchen wir stabile klinische Strukturen – von einer patientinnenorientierten Geburtshilfe bis hin zu flächendeckend zugänglichen zertifizierten Krebszentren“, sagte der DGGG-Präsident Gert Naumann.
In folgenden Bereichen sehen die Verbände besonderen Handlungsbedarf: Wichtig sei, Beschwerden im Zusammenhang mit den Wechseljahren als eigenständige medizinische Herausforderung zu verstehen und evidenzbasiert zu behandeln. „Damit verbunden ist der Auftrag, Versorgung, Forschung und therapeutische Standards strukturell weiterzuentwickeln“, hieß es aus DGGG und BVF.
Das gelte auch für die Endometriose: Ziel müsse sein, Diagnostik, Therapie und Forschung evidenzbasiert weiterzuentwickeln und bestehende Versorgungsstrukturen zu stärken. „Das Beispiel Endometriose zeigt, dass viele Erkrankungen und Beschwerden von Frauen noch immer zu spät erkannt werden. Es ist entscheidend, evidenzbasierte Versorgungskonzepte weiterzuentwickeln und dauerhaft in unserem Gesundheitssystem zu verankern“, sagte Barbara Schmalfeldt, zweite Vizepräsidentin der DGGG.
Wichtig sei zudem, die strukturellen Voraussetzungen in der Geburtshilfe zu sichern: „Die kontinuierliche Verfügbarkeit fachärztlicher geburtshilflicher und pädiatrischer Hilfe ist eine Sicherheitsmaßnahme, welche menschliche Katastrophen zu vermeiden hilft“, so die Verbände. Wichtig sei daher, durch eine auskömmliche Finanzierung und verlässliche Versorgungsstrukturen eine flächendeckende und sichere Geburtshilfe auch künftig zu gewährleisten.
DGGG und BVF fordern zudem, gynäkologische Krebszentren zu erhalten und zu stärken, ein Präeklampsiescreening als Vorsorgeleistung zu ermöglichen sowie die gynäkologische Krebsfrüherkennung und Präventionsangebote, die Schwangerenvorsorge sowie die Impfprävention in der Frauenheilkunde zu stärken.
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