Hantavirus: Länder suchen Passagiere der „Hondius“

Amsterdam – Der Ausbruch des Hantavirus bei einer Kreuzfahrt löst in immer mehr Ländern Sorgen aus. Bei einem Zwischenstopp des Schiffes „Hondius“ hatten noch nach dem ersten Todesfall 29 Passagiere das Schiff verlassen. Sie kamen aus etwa zwölf Ländern, darunter auch Deutschland, teilte der Reiseveranstalter Oceanwide Expeditions mit.
Die Passagiere wurden den Angaben zufolge alle über den Ausbruch des Virus informiert und sollen nun von Gesundheitsbehörden kontrolliert werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekräftigt aber, dass die Infektionsgefahr klein sei und dass dies nicht mit dem Coronavirus zu vergleichen sei. Nur bei direktem und längerem Kontakt mit infizierten Menschen sei eine Ansteckung möglich.
Die WHO hat inzwischen fünf von acht Verdachtsfällen als offizielle Hantavirus-Fälle bestätigt. Bei den übrigen drei handelt es sich demnach weiter um Verdachtsfälle, wie WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus während einer Pressekonferenz sagte.
Ausgehend von der Inkubationszeit des Andes-Typs des Virus von bis zu sechs Wochen, sei es möglich, dass noch weitere bestätigte Fälle hinzukommen könnten. Obwohl es sich bei dem Ausbruch um einen ernsthaften Vorfall handle, stufe die WHO das Gesundheitsrisiko für die Öffentlichkeit als gering ein, sagte der WHO-Chef weiter.
„Das ist nicht der Beginn einer Epidemie. Das ist nicht der Beginn einer Pandemie“, sagte WHO-Epidemiespezialistin Maria Van Kerkhove vor Journalisten in Genf. „Das ist kein COVID“, fügte sie mit Blick auf das neuartige Coronavirus hinzu, nach dessen rasanter Ausbreitung die WHO 2020 eine Pandemie festgestellt hatte.
„Wir glauben, dass es sich um einen begrenzten Ausbruch handeln wird, sofern die Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit umgesetzt werden und alle Länder Solidarität zeigen“, sagte der Leiter der WHO-Abteilung für Notfallalarm und -reaktion, Abdi Rahman Mahamud.
Noch ist nicht klar, ob es sich um eine mutierte Variante des Andesvirus handelt. Das Virus werde derzeit in mehreren Laboren sequenziert, unter anderem in der Schweiz und in Südafrika, sagte Anaïs Legand, WHO-Expertin für virales hämorrhagisches Fieber. Mithilfe einer Gesamtgenomanalyse könne man besser beurteilen, ob es Veränderungen im Vergleich zu früheren Ausbrüchen gegeben habe.
Auch andere Fachleute schätzen das Risiko einer größeren Ausbreitung des Virustyps in Europa als gering ein. „Selbst wenn es zu einer Übertragung des ANDV durch Passagiere käme, die vom Schiff evakuiert wurden, ist das ANDV nicht leicht übertragbar, sodass es unwahrscheinlich ist, dass es zu vielen Infektionsfällen oder einem großflächigen Ausbruch in der Bevölkerung käme“, berichtete die EU-Gesundheitsbehörde ECDC.
Hinzu kommt: Das natürliche Reservoir der Andesviren, die Reisratte Oligoryzomys longicaudatus, sei in Europa nicht vorhanden. „Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass das Virus in die Nagetierpopulation eingeschleppt wird und es in Europa zu einer Übertragung von Nagetieren auf Menschen kommt“, sagte ECDC-Experte Thomas Hofmann.
Um mögliche Übertragungen von Mensch zu Mensch zu vermeiden, empfiehlt die Gesundheitsbehörde, Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der Infektionen zu ergreifen. Menschen mit möglichen Symptomen sollten sich Blut- oder PCR-Tests unterziehen. „Negative Testergebnisse können aber eine Infektion und anschließende Virusausscheidung nicht ausschließen“, sagte ECDC-Experte Hofmann.
Auch der reine Blick auf die Inkubationszeit reiche nicht aus: Diese beträgt laut ECDC in der Regel zwei Wochen, könne aber zwischen sieben Tagen und sechs Wochen schwanken. Deshalb gelte es auch nach Wochen noch, wachsam zu bleiben, so Hofmann - und sich nicht an einem reinen Zeitraum zu orientieren, sondern etwa auch an Symptomen und Testergebnissen.
Stewardess mit Symptomen im Krankenhaus
Heute war ein weiterer möglicher Fall aus den Niederlanden gemeldet worden. Eine Stewardess liegt mit Symptomen in einem Amsterdamer Krankenhaus. Sie stand in direktem Kontakt mit einer infizierten Frau, die wenig später an dem Virus starb.
Die infizierte Frau sollte mit einem KLM-Flug von Johannesburg nach Amsterdam fliegen. Doch die Crew hatte sie wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes nicht mitgenommen. Die niederländischen Gesundheitsbehörden haben nach eigenen Angaben Kontakt zu allen Personen an Bord des KLM-Fluges.
Bekannt wurde heute auch, dass 29 Passagiere am 24. April auf der britischen Insel St. Helena im Süden des Atlantischen Ozeans das Schiff verlassen haben. Das war den Angaben zufolge gut zehn Tage vor der Bestätigung des ersten Hantavirus-Falls.
Auch die niederländische Frau, die wenig später in Johannesburg an dem Virus starb, verließ auf der Insel das Schiff. Etwa zwei Wochen zuvor war bereits ihr Mann an Bord gestorben. Zum Zeitpunkt des Zwischenstopps war aber unklar, dass das Hantavirus möglicherweise die Ursache war.
Auch ein Schweizer hatte in St. Helena das Schiff verlassen. Er ist jetzt ebenfalls mit dem Virus infiziert und befindet sich in einer Klinik in Zürich. Sein Zustand sei stabil, berichtet das Krankenhaus. In Großbritannien befinden sich zwei Passagiere in Selbstisolation. Auch sie hatten das Schiff laut Nachrichtenagentur PA auf St. Helena verlassen. Sie hätten den Behörden zufolge keine Symptome.
Gestern waren drei Personen evakuiert worden – zwei erkrankte Crew-Mitglieder und eine 65 Jahre alte Deutsche. Diese wurde noch am gestrigen Abend in eine Klinik nach Düsseldorf gebracht. Sie hat nach Angaben der Klinik keine Symptome, stand aber in direktem Kontakt zu einer deutschen Frau, die am Virus gestorben war. Die beiden Crewmitglieder, ein 41 Jahre alter Niederländer und ein 56 Jahre alter Brite, befinden sich in Krankenhäusern in den Niederlanden.
Passagiere auf dem Schiff ohne Symptome
An Bord der „Hondius“ befinden sich zwei auf Infektionskrankheiten spezialisierte niederländische Ärzte sowie zwei Epidemiologen. Keiner der Passagiere und Crew-Mitglieder weise Symptome auf, teilte der Veranstalter mit.
Das unter niederländischer Flagge fahrende Schiff mit knapp 150 Menschen an Bord ist nun auf dem Weg nach Teneriffa, wo es am Wochenende im Hafen von Granadilla im Süden der Insel ankommen soll.
Auf Teneriffa sollen alle Menschen an Bord untersucht und getestet werden. Wenn sie keine Symptome aufweisen, könnten sie nach Angaben des Veranstalters in ihre Heimatländer zurückkehren. An Bord sind auch sechs Deutsche. Unklar ist aber noch, wie die Heimreise organisiert wird.
Die 14 Spanier an Bord sollen von Teneriffa aus mit einer Militärmaschine nach Madrid geflogen werden und dort in dem Krankenhaus Gómez Ulla, das über eine Isolationsabteilung verfügt, in Quarantäne gehen.
Spaniens Gesundheitsministerin Mónica García sagte in einem Interview mit dem Sender Cadena Ser, sie rechne auf Freiwilligkeit der Betroffenen, notfalls bestünden aber auch die gesetzlichen Voraussetzungen für eine obligatorische Quarantäne. Die Länge dieser Isolierung hänge davon ab, wann die Menschen zuletzt Kontakt zu Infizierten gehabt hätten, fügte die Ministerin im Hinblick auf die lange Inkubationszeit von bis zu 45 Tagen hinzu.
Zwar kann das Hantavirus mit Hilfe eines PCR-Tests oder eines Antikörpertests nachgewiesen werden. Diese Verfahren sind aber nicht absolut sicher. Quarantäne und Symptombeobachtung gelten daher als die sichersten Methoden, um eine mögliche Übertragung zu verhindern oder eine Infektion früh zu erkennen. Eine Impfung oder ein Medikament gegen Hantaviren gibt es derzeit nicht.
Argentinien sucht nach Ursprung der Infektionen
Forscher in Argentinien sollen nun die Frage nach dem Ursprung der Infektionen klären. Wissenschaftler des Forschungsinstituts Malbrán sollen in der im äußersten Süden des Landes gelegene Stadt Ushuaia Nagetiere einfangen und auf das Virus untersuchen, wie die argentinische Regierung mitteilte.
Hantaviren werden meist durch infizierte Nager wie Ratten oder Mäuse übertragen. In der Provinz Feuerland, wo Ushuaia liegt, wurde seit Beginn der systematischen Erhebung vor 30 Jahren noch nie eine Hantavirus-Infektion registriert.
Nach Einschätzung der WHO handelt es sich um den Andes-Typ des Virus, der bislang ausschließlich in den argentinischen Provinzen Chubut, Río Negro und Neuquén sowie im Süden von Chile registriert wurde. Dieser Typ kann auch von Mensch auf Mensch übertragen werden.
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