Hausärzte: Videoanbieter bremsen statt Telefonkrankschreibung kippen

Düsseldorf – In der Diskussion um das Verfahren bei Krankmeldungen drängen die Hausärzte darauf, dass die Bundesregierung gegen Anbieter von Videosprechstunden vorgeht statt die telefonische Krankschreibung abzuschaffen.
„Die geplanten Regelungen zur Krankschreibung sind in dieser Form reine Symbolpolitik“, sagte die Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes (HÄV), Nicola Buhlinger-Göpfarth, der Rheinischen Post. „Sie werden weder den Krankheitsstand reduzieren noch Missbrauch verhindern.“
„Würde man wirklich das Ziel verfolgen, Missbrauch bei Krankschreibungen zu verhindern, hätte man dem Wildwuchs bei verschiedenen Videosprechstundenanbietern einen Riegel vorgeschoben“, sagte Buhlinger-Göpfarth. „Da werben einzelne Anbieter teils aggressiv mit unkomplizierten und schnellen Krankschreibungen.“
„Wenn irgendwo großes Missbrauchspotenzial liegt, dann bei anonymen Plattformen, die damit Profit machen und ihre Kunden nicht einmal kennen“, sagte die Hausärztevertreterin weiter. „Dort ist Betrug Tür und Tor geöffnet und nicht in unseren Praxen.“
Die telefonische Krankschreibung bei den klassischen Hausärzten dagegen sei daran gebunden, „dass wir die Patientin oder den Patienten kennen“, führte Buhlinger-Göpfarth aus. Dies sei „das beste Schutzschild“ gegen Betrug. „Wir kennen unsere Pappenheimer und wir können sehr gut einschätzen, wann jemand wirklich krank ist und wann etwas anderes dahintersteckt.“
Der Ökonom Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet nicht, dass die von Union und SPD geplanten Verschärfungen bei Krankschreibungen den Krankenstand in Deutschland tatsächlich spürbar senken.
Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könne stattdessen zu mehr Praxisbesuchen führen und Ansteckungsrisiken in Wartezimmern erhöhen. „Sollte dies dazu führen, dass Menschen trotz leichter Infekte an den Arbeitsplatz gehen, könnten Ansteckungen dort am Ende zu mehr Fehltagen führen, als wenn diese Beschäftigten einfach zu Hause geblieben wären“, warnte Graeber.
Einen kausalen Zusammenhang zwischen den hohen Krankenständen der vergangenen Jahre und der seit Ende 2023 möglichen telefonischen Krankschreibung sieht Graeber nicht. Analysen auf Basis von Daten der Barmer gäben keine Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch Telefon- oder Videokrankschreibungen. Der Anteil der Telefon- oder Videokrankschreibungen habe bei lediglich etwa 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen gelegen, sagte er.
Wichtiger seien andere Faktoren wie die seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) vollständigere Erfassung von Krankmeldungen, starke Infektionswellen und länger andauernde Erkrankungen. So hätten 2024 Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen rund 40 Prozent aller Fehltage verursacht, obwohl sie nur einen kleinen Anteil der Krankmeldungen ausgemacht hätten. Häufig gehe es dabei um Muskel-Skelett- sowie psychische Erkrankungen. Hier würde gesundheitliche Prävention mehr helfen, so Graeber.
Auch in der Bevölkerung stoßen die Koalitionspläne einer YouGov-Umfrage zufolge eher auf Ablehnung. Demnach sind 59 Prozent der Befragten gegen eine Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag, 31 Prozent begrüßen sie. Die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung für leichtere Erkrankungen lehnen 58 Prozent ab, 33 Prozent befürworten sie. Für die Umfrage wurden 6.200 Erwachsene in Deutschland befragt.
Kritik kommt auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die AU-Pflicht ab dem ersten Tag könne Präsentismus fördern – also Arbeiten trotz Krankheit. Dies habe negative Folgen wie weniger Produktivität und mehr chronische Erkrankungen. Die Kombination aus Attestpflicht ab Tag eins und der Abschaffung telefonischer Krankschreibungen führe zudem „direkt in die Überlastung aller Arztpraxen im Land“, sagte Piel.
Der CDU-Arbeitnehmerflügel (CDA) hat sich dafür ausgesprochen, die geplante Pflicht zur Vorlage einer Krankschreibung ab Tag eins auf den Prüfstand zu stellen. „Vielleicht sollte man, auch im Zuge der Entscheidungen zur Gesundheitsreform, diesen Punkt noch einmal überdenken“, sagte CDA-Chef Dennis Radtke dem Spiegel. „Der politische Streitwert scheint in keinem gesunden Verhältnis zu den vermeintlichen Verbesserungen zu stehen.“
Der CDA-Vorsitzende sprach von einem „guten Gesamtpaket, mit dem Potenzial, etwas voranzubringen in diesem Land“. Es sei aber ärgerlich, dass dieses „in der öffentlichen Debatte nun unter den Debatten über die AU am ersten Tag begraben wird“.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) hat das Reformpaket der schwarz-roten Koalition gegen Kritik verteidigt. In den Beschlüssen sei „auch vieles für Arbeitnehmer drin“, sagte Klingbeil gestern im ARD-Sommerinterview. So würden Familien steuerlich entlastet und Sonn- und Feiertagszuschläge stärker steuerlich begünstigt.
Er verstehe aber, dass es eine Debatte über die verschärften Regeln zur Krankschreibung ab dem ersten Tag gebe, sagte der SPD-Chef. Er sei aber sicher, dass hier „eine pragmatische Umsetzung“ möglich sei.
Klingbeil sah dabei zwei Elemente als Lösung: „Wenn man erstens sagt, ihr müsst euch nicht krank zum Arzt schleppen und auch nicht krank auf die Arbeit schleppen. Und das Zweite ist: Am besten geben wir den Tarifpartnern oder den Betrieben Möglichkeiten, das Ganze so zu regeln, wie sie es gerne hätten.“ Er denke, dass auch eine Reihe von Arbeitgebern nicht auf die Krankschreibung am ersten Tag bestehen werde.
Union und SPD hatten sich im Koalitionsausschuss darauf verständigt, Beschäftigte grundsätzlich bereits ab dem ersten Krankheitstag zu einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu verpflichten. Gleichzeitig soll die telefonische Krankschreibung wieder abgeschafft werden.
Beide Vorhaben sollen im Gesetzgebungsverfahren noch konkret ausgestaltet werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte die Verschärfung damit begründet, die Zahl der Krankentage in Deutschland sei zu hoch. Man könne sich mit „exorbitanten“ Krankenständen nicht abfinden.
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