Politik

Höhere Beschäftigungsquote hat nur geringen Effekt auf GKV-Einnahmen

  • Mittwoch, 11. März 2026
/bilderstoeckchen, stock.adobe.com
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Berlin – Um die künftige Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stabil zu halten, debattieren Fachleute immer wieder die Möglichkeiten für Modelle, die höhere Einnahmen oder geringere Ausgaben ermöglichen. Der Verband der Ersatzkassen (vdek) hat nun beim IGES-Institut in Berlin die Daten zur Erwerbsarbeit der GKV-Versicherten auswerten lassen.

Dabei wird deutlich: Die höhere Erwerbsarbeit von Frauen sowie die längere Beschäftigungsdauer von Menschen über 60 Jahren bewirkt nur kleine positive Effekte bei den Einnahmen aus Löhnen und Gehältern. Daher müsse die Politik bei Reformen vor allem an der Ausgabenseite ansetzen, so der Verband.

Insgesamt hat sich in den vergangenen 15 Jahren die Mitgliederstruktur in der gesetzlichen Krankenversicherung deutlich verändert: So sinkt der Anteil der Rentner seit 2010, in dem Jahr waren 33 Prozent der GKV-Mitglieder im Rentenalter, 2025 sind es 29 Prozent. Menschen mit Rentenbezug zahlen vom allgemeinen Beitragssatz von 14,6 Prozent die Hälfte, ebenso wie die Hälfte des kassenindividuellen Zusatzbeitrags. Die jeweils andere Hälfte zahlt die Deutsche Rentenversicherung.

Betrachtet man nur die Altersgruppe von 60 bis 70 Jahren sind 69 Prozent (2010) als Rentner geführt, 2025 sind es 45 Prozent. Diesen Rückgang führen die Forscher des IGES-Instituts auf einer erhöhte Erwerbstätigkeit im Alter zurück – und damit auch längeren regulären Beitragszahlungen.

Weniger Familienversicherte

Zudem sei die Zahl der Familienversicherten zurückgegangen: So waren unter allen GKV-Versicherten im Jahr 2010 27 Prozent in der beitragsfreien Versicherung, 2025 sind es 21 Prozent. In der Altersgruppe zwischen 15 und 65 Jahren ist die Entwicklung noch deutlicher: Hier waren 2010 20 Prozent der Jugendlichen und Erwachsenen beitragsfrei mitversichert, 2025 sind es zwölf Prozent. Dies führen die Forscher besonders auf eine erhöhte Erwerbstätigkeit von Frauen zurück.

Diese Entwicklung lässt sich auch an der Zahl der GKV-Mitglieder insgesamt ablesen: So waren es 2010 50,9 Millionen Mitglieder, 2023 57,6 Millionen. Als GKV-Mitglieder werden die Menschen bezeichnet, die eigene Beiträge einzahlen, zu der Zahl der GKV-Versicherten gehören auch Menschen, die beitragsfrei familienversichert sind.

Vollzeitbeschäftigt davon waren 2010 etwa 20,6 Millionen, 2023 lag die Zahl bei 21,5 Millionen. Die Teilzeitbeschäftigung unter den Mitgliedern stieg in dem Zeitraum von 5,9 Millionen auf 9,6 Millionen an. Unter den geringfügig Beschäftigten, dazu zählen Minijobs, sankt die Zahl der Mitglieder: So waren es 2010 2,7 Millionen Menschen, 2023 etwa 2,5 Millionen. Die nicht erwerbstätigen Menschen in der GKV bleiben in den vergangenen Jahren relativ konstant: 2010 waren es 21,7 Millionen Menschen, 2023 hat die Auswertung 23,9 Millionen Menschen ergeben.

Durch diese beiden Entwicklungen – höhere Rentnerzahl sowie höhere Teilzeitquote – hat das IGES-Institut Belastungsfaktoren für die Einnahmenbasis der GKV errechnet: Deutlich mehr Menschen im Rentenalter bis 2035 – 2025 sind es 16,8 Millionen, zehn Jahre später 20,1 Millionen – bedeuten rund 0,2 Beitragspunkte weniger und damit ein Minus von etwa vier Milliarden Euro bei den Beitragseinnahmen.

Die möglicherweise zeitgleich zunehmende Teilzeitquote – 2025 lag diese bei 35 Prozent und könnte 2035 bei 40 Prozent liegen – koste ebenso 0,2 Beitragspunkte und damit vier Milliarden Euro. Damit könnte eine Gesamtbelastung von acht Milliarden Euro bei den Einnahmen entstehen.

Minijobber sollten einzahlen

Die positiven Effekte, die eine höhere Arbeitsquote bei Frauen sowie bei Menschen im Rentenalter durch ein höheres Einkommen aus sozialversicherungspflichtigen Jobs haben, berechnet das IGES-Institut nur mit vier Milliarden Euro. Dazu zählt der sinkende Anteil von familienversicherten Mitglieder sowie die mögliche Zunahme von Rentnern, die bis 70 Jahre weiter arbeiten. In dieser Gruppe könnte die Zahl von 22 Prozent im Jahr 2025 auf 37 Prozent im Jahr 2035 steigen.

Der Verband der Ersatzkassen plädiert daher dafür, dass die Bundespolitik Rahmenbedingungen schafft, um mehr Menschen länger und intensiver am Arbeitsleben teilhaben zu lassen. Dabei sollte, so erklärt es Verbandschefin Ulrike Elsner, das versicherungstechnische Privileg der Minijobs wegfallen. Menschen mit Minijob zahlen keine Sozialabgaben beispielsweise an die Krankenkasse, Arbeitgeber zahlen einen Pauschalbetrag.

Diese Jobs sollten – so die Forderung des Verbandes – künftig nur Rentnern, Studierenden und Schülern vorbehalten sein. Im Jahr 2023 gab es am deutschen Arbeitsmarkt sieben Millionen gemeldete Minijobs. Ausschließlich in Minijobs beschäftigte GKV-Mitglieder waren 2,5 Millionen Menschen, davon sind 700.000 Menschen Rentner, Studierende oder Menschen mit Bürgergeldbezug.

Da die positiven Effekte durch mehr Beschäftigte im regulären Arbeitsmarkt sich nicht so deutlich auf die Einnahmenbasis der gesetzlichen Krankenversicherung auswirken, müsse der Reformansatz in der Bundespolitik weiterhin bei den Ausgaben der GKV liegen. Dabei plädiert der vdek, wie auch viele andere Verbände und Einzelkassen – für die „einnahmenorientierte Ausgabenpolitik“. Damit soll nur so viel ausgegeben werden, wie auch eingenommen wird.

„Es braucht eine verbindliche Obergrenze für die Steigerung von Vergütungen sowie für Mengen- und Struktureffekte“, heißt es vom Verband. Darunter fallen die Einsparvorschläge der versicherungsfremden Leistungen, für die aus dem Bundeshaushalt derzeit zu wenig Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden.

Außerdem sieht der vdek Einsparpotenziale in der stationären Versorgung bei rund 5,5 Milliarden Euro pro Jahr, in der ambulanten Versorgung bei 3,5 Milliarden Euro und bei den Arzneimitteln rund drei Milliarden Euro. Auch ein reduzierter Mehrwertsteuersatz auf Arzneimittel könnte weitere sechs bis sieben Milliarden Euro bei der GKV einsparen. Insgesamt kommt der Verband auf einen „möglichen Gesamtkonsolidierungsbeitrag von etwa 36,8 Milliarden Euro“, heißt es in einem Positionspapier.

bee

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