Vermischtes

„Ich persönlich als Chef der Notaufnahme habe die Auswirkungen an dem Hitzewochenende stark unterschätzt“

  • Freitag, 10. Juli 2026

Leverkusen – Mehr als 5.000 Menschen sind allein im Juni dieses Jahres aufgrund von Hitze verstorben, schätzt das Robert-Koch-Institut (RKI). Damit liegt die Zahl der Todesfälle aufgrund der extremen Temperaturen bereits jetzt über den Durchschnittszahlen der vergangenen Sommer.

Die dramatischen Folgen für die Gesundheit haben sich in den Kliniken gezeigt. Wie sich das Patientenaufkommen aufgrund der Hitze verändert hat und wie dem von ärztlicher Seite begegnet wurde, hat der Intensiv- und Notfallmediziner Christoph Adler dem Deutschen Ärzteblatt berichtet.

Christoph Adler /Klinikum Leverkusen
Christoph Adler /Klinikum Leverkusen

5 Fragen an Christoph Adler, Direktor der Klinik für Akut- und Notfallmedizin, Klinikum Leverkusen

Gestern hat das RKI Zahlen zur geschätzten Mortalität aufgrund von Hitze veröffentlicht. Demnach sind im Juni mehr als 5.000 Menschen an den Folgen der Extremtemperatur verstorben. Halten Sie die Zahlen aus Ihrer klinischen Erfahrung heraus für realistisch?
Für unser Einzugsgebiet kann ich sagen, dass die Ereignisse – insbesondere am letzten Juniwochenende – durchaus erschütternd waren. Die Hitzewelle war für uns keine Wetterlage, sondern eine medizinische Ausnahmesituation. Innerhalb weniger Tage hatten wir eine deutlich steigende Anzahl von Patientinnen und Patienten, die von schweren hitzebedingten und hitzeassoziierten Erkrankungen betroffen waren. Im Vergleich zu zwei Wochen vorher waren doppelt so viele Patientinnen und Patienten in unserer Notaufnahme. Innerhalb von 24 Stunden haben wir annähernd 300 Personen behandelt.

Mit welchen akuten Symptomen wurden die Patientinnen und Patienten bei Ihnen eingeliefert?
Am besagten Wochenende gab es vor allem zusätzliche Aufnahmen, die direkt auf die Hitze zurückzuführen waren – beispielsweise aufgrund von Elektrolytstörungen, Dehydratation und Hitzschlag. Das betraf tatsächlich auch jüngere Menschen unter 50 Jahren ohne nennenswerte Vorerkrankungen. Die Personen waren hitzeexponiert und kamen mit einer akuten Vigilanzminderung und einer Körpertemperatur von über 42 Grad Celsius. Da spielt die sozial-ökonomische Komponente sehr wahrscheinlich eine Rolle: Es handelte sich zum Beispiel um Menschen, die nur eingeschränkte Ausweichmöglichkeiten auf kühlere Orte haben oder deren Wohnungen besonders hitzeexponiert sind.  

Aber auch nach dem Wochenende, als es schon wieder kühler war, haben wir noch immer ein erhöhtes Patientenaufkommen verzeichnet. Hier handelte es sich vor allem um ältere Personen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, die unter den Folgen der Hitze litten.

Wie haben Sie sich in der Klinik auf die Hitze vorbereitet?
Ich glaube, wir konnten die Situation nur meistern, weil wir das Personal in der Notaufnahme, aber auch in den nachfolgenden Stationen erhöht haben. Sehr viele Kolleginnen und Kollegen waren im Haus unterwegs, um Patienten und Patientinnen von der Normalstation in kühlere Räume zu bringen. Diese Möglichkeit hatten nicht alle Kliniken. Und ebenso nicht alle Pflegeheime, in denen es vermehrte Todesfälle gegeben hat.

Ich persönlich als Chef der Notaufnahme habe die Auswirkungen an dem Hitzewochenende stark unterschätzt. Ich bin mittags angerufen worden, weil Probleme in den umliegenden Kliniken gemeldet wurden und ein benachbartes Haus von der Feuerwehr unterstützt werden musste. Wir haben umgehend einen Krisenstab gebildet und das Personal im gesamten Haus – insbesondere in der Notaufnahme und der Anästhesie – deutlich aufgestockt.

Hatten Sie bereits einen Hitzeschutzplan in Ihrer Klinik?
Ja, wir haben Schutzpläne. Allerdings werden wir die noch einmal überarbeiten. Denn die Hitzewelle in einer solchen Form war für uns neu.

Welche Schlüsse ziehen Sie denn aus der letzten Hitzewelle im Hinblick auf kommende Episoden?
Wir müssen akzeptieren, dass extreme Hitze kein Ausnahmeereignis mehr ist, sondern eine wiederkehrende Herausforderung für das Gesundheitswesen – und zwar für Rettungsdienst, Altenheime, Hausärzte und Krankenhäuser gleichermaßen.

In den Notaufnahmen können wir die Folgen zwar behandeln. Verhindern können wir eine erhöhte Zahl an hitzebedingten Krankheiten und Todesfällen aber nur durch konsequente Prävention, funktionierende Hitzereaktionspläne und ein deutlich höheres gesellschaftliches Bewusstsein für die Gefahr durch extreme Temperaturen. Letzteres vermisse ich aktuell noch.

Berücksichtigt werden muss dies in meinen Augen übrigens auch bei der Krankenhausreform. Verbleibende Standorte müssen infrastrukturell und personell so ausgestattet sein, dass wir eine Situation, wie wir sie Ende Juni erlebt haben, verlässlich bewältigen können.

mim

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