„In medizinischen Entscheidungen sind Ärzte nicht weisungsgebunden“
Düsseldorf – Seit Beginn dieses Jahres ist Michael Weber neuer Präsident des Verbands der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (VLK). Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt er, welche Ziele er sich für seine Amtszeit gesetzt hat und wie er sie erreichen will.

Fünf Fragen an Michael Weber, Präsident des VLK
DÄ: Herr Dr. Weber, was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Michael Weber: Es gibt zurzeit viele brennende Themen, bei denen wir uns einbringen wollen. Wohl das wichtigste ist, dass sich das Verhältnis zwischen Ökonomie und Medizin immer mehr in Richtung Kommerzialisierung verschoben hat. Damit ist nicht die Einhaltung der Wirtschaftlichkeit durch einen sparsamen und rationellen Einsatz der Mittel gemeint, sondern eine immer stärkere Beeinflussung medizinischer Entscheidungen durch wirtschaftliche Ziele. In medizinischen Entscheidungen sind Ärzte aber nicht weisungsgebunden. Dafür gilt es, das Bewusstsein der Nichtärzte zu schärfen und den Kollegen den Rücken zu stärken.
Als Beispiel verweise ich hier auf unsere jahrelangen Bemühungen, gemeinsam mit der Bundesärztekammer Zielvereinbarungen in Verträgen von leitenden Ärzten zu verhindern, die rein auf ökonomische Ziele ausgerichtet sind. Solche Vereinbarungen sind zwar inzwischen nach Paragraf 135c SGB V an sich verboten.
Dennoch versuchen manche Krankenhäuser, diese Regelungen zu unterlaufen. Gleichzeitig stehen viele Krankenhäuser im Zangenangriff aus planungsrelevanten Qualitätsindikatoren, Regelungen zum Standort, zur Notfallversorgung, zu Mindestmengen und vieles mehr. Die Kassen schwimmen im Geld, verweigern aber in vielen Fällen den Kliniken die Bezahlung von erbrachten Leistungen. Das Paradoxe ist, dass so Kassen und Politiker unablässig den wirtschaftlichen Druck erhöhen, dann aber Ärzten und Kliniken dafür die Schuld zuschieben.
DÄ: Welche Themen werden Sie noch angehen?
Weber: Ein weiteres wichtiges Thema ist die Strukturbereinigung im Krankenhausbereich. Auf die Krankenhäuser kommen massive Strukturveränderungen zu. Richtig ist, dass eine Zentralisierung der Versorgung sinnvoll ist. Doch der massive Bettenabbau, den zum Beispiel der GKV-Spitzenverband vor allem im Hinblick auf kleinere Häuser fordert, ist versorgungspolitisch überzogen.
Problematisch ist an der Diskussionsführung, dass die sogenannte Qualitätsoffensive der Bundesregierung gar nicht die Verbesserung der Qualität zum Ziel hat, sondern die Schließung von Abteilungen und Krankenhäusern. Aber Qualitätsindikatoren lösen keine Strukturprobleme, die andere Ursachen haben. Sie können höchstens Hinweise geben. Ist der Standort zur flächendeckenden Versorgung nötig, muss die Qualität stimmen. Ist das nicht der Fall, muss sie verbessert werden. Die Klinik darf aber nicht geschlossen werden. Ist der Standort hingegen nicht bedarfsnotwendig, muss über seine Zukunft auch bei guter Qualität diskutiert werden dürfen.
Bund und Länder müssen sich gemeinsam mit der Selbstverwaltung auf ein machbares Umsetzungskonzept für erforderliche stationäre und sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen einigen. Aber bis dahin müssen sie den Druck von den Kliniken nehmen, statt ihn ständig zu erhöhen und dann zu klagen. Die Diskussion des Standortes ist eine politische, die der Qualität eine medizinische. Der Streit zwischen Bund und Ländern über die richtige Versorgungsstruktur darf nicht weiter auf unserem Rücken ausgetragen werden.
DÄ: Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der zunehmende Fachkräftemangel im Gesundheitswesen?
Weber: Der Fachkräftemangel ist derzeit eines der Topthemen – allerdings ist der Ärztemangel dabei in den Hintergrund getreten, obwohl er nach wie vor hochaktuell ist. Die Lösung des Fachkräftemangels wird die Zukunft des Gesundheitswesens bestimmen. Klinikschließungen auf dem Land werden allerdings nicht den Fachkräftemangel in den Ballungsräumen beheben. Denn nicht jeder will oder kann für eine neue Arbeitsstelle umziehen. Für die Ärzte muss der Masterplan für mehr Medizinstudierende endlich umgesetzt werden.
DÄ: Der Dokumentationsaufwand für Ärzte steigt seit Jahren an. Wie problematisch ist diese Entwicklung aus Ihrer Sicht?
Weber: Sehr problematisch. Die Krankenhäuser leiden unter einer immer stärkeren Überregulierung, zum Beispiel durch Strukturvorgaben in OPS-Ziffern, durch Regelungen des Gemeinsamen Bundesausschusses und den sich daraus ergebenden MDK-Prüfungen. Eine Qualitätssicherung ist notwendig – aber nicht in allen Bereichen muss der Dokumentationsaufwand so hoch sein, wie er heute ist. Zumal für keine Entlastung der Ärzte an anderer Stelle gesorgt wird. Unser Ziel ist, dass hier eine Umkehr stattfindet: zuerst im Bewusstsein und dann im Handeln der Verantwortlichen.
DÄ: Wie wollen Sie ihre Ziele erreichen?
Weber: Im VLK steckt viel medizinischer Sachverstand, den sich unsere Mitglieder durch langjährige leitende Tätigkeiten in den Kliniken erworben haben. Unser Vorteil ist: Wir kennen die Abläufe im Krankenhaus und sind gleichzeitig unabhängiger und freier in unseren Bewertungen als die meisten anderen politischen Player im Gesundheitswesen. Dieses Know-how wollen wir in die politische Diskussion und Gremienarbeit einbringen, um damit einer Stimme des medizinischen Sachverstandes und der Vernunft Gehör zu verschaffen. Ärzte müssen wieder unbedrängt Entscheidungen treffen können und mehr Zeit für die Patienten bekommen.
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