Jedes dritte Kind in Deutschland kommt per Kaiserschnitt auf die Welt

Wiesbaden – Die Zahl der Kaiserschnitte in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. Im Jahr 2024 wurde in Krankenhäusern jedes dritte Kind per Kaiserschnitt entbunden, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) heute im Vorfeld des internationalen Hebammentags am 5. Mai mit.
Demnach hat sich die Zahl seit 1991 verdoppelt. Damals erfolgten 15,3 Prozent der Klinikgeburten per Kaiserschnitt. Insgesamt haben 654.600 Frauen im Jahr 2024 in Krankenhäusern entbunden; 215.900 per Kaiserschnitt. Eine Saugglocke wurde bei 6,7 Prozent der Entbindungen eingesetzt, eine Geburtszange lediglich bei 0,2 Prozent.
Bei den Kaiserschnitten ermittelten die Statistiker große regionale Unterschiede. Spitzenreiter war Hamburg mit einer Geburtsrate per Kaiserschnitt von 36,4 Prozent, gefolgt vom Saarland (35,9 Prozent) und Hessen (35,6 Prozent). Den niedrigsten Anteil von Kaiserschnitten an den Klinikgeburten verzeichneten Sachsen (27,4 Prozent), Brandenburg (27,6 Prozent) und Berlin (29,9).
Zugenommen hat die Zahl der Hebammen und Entbindungspfleger. Im Jahr 2024 leisteten rund 12.900 Personen Geburtshilfe in deutschen Krankenhäusern und somit 3,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Fast alle (88,9 Prozent) waren fest angestellt; lediglich gut 11 Prozent waren sogenannte Belegkräfte.
Nach Ansicht des Deutschen Hebammenverbands liegt die gestiegene Kaiserschnittrate an einer inzwischen zu risikoorientierten Schwangerenversorgung. „Laut Mutterschaftsrichtlinien sind wir mittlerweile bei über 80 Prozent Risikoschwangeren, ohne dass diese Frauen unbedingt ein geburtsrelevantes Risiko mitbringen“, sagte Andrea Köbke, Beirätin für den Angestelltenbereich im Deutschen Hebammenverband.
In Deutschland werde eine sehr detaillierte Risikosuche mehr gefördert als das Vertrauen in die Schwangerschaft, kritisierte Köbke. Als positives Gegenbeispiel verwies sie auf skandinavische Länder. „Es wird erstmal davon ausgegangen, dass es ein normaler Prozess ist. Die Frau muss beweisen, dass sie krank ist, und nicht, dass sie gesund ist.“
Auch widme sich die Schwangerenbetreuung in Skandinavien sehr stark den gesamten psychosozialen Lebensbedingungen. Bei besonderen psychischen, physischen oder sozialen Herausforderungen werde einer Schwangeren ein kleines Hebammenteam zur Seite gestellt, das diese in Schwangerschaft und Geburt begleitet.
Nach Angaben der schwedischen Behörde für Sozial- und Gesundheitsdienste wurde in Schweden 2024 jedes fünfte Kind per Kaiserschnitt entbunden. In Norwegen waren ebenfalls 2024 16,5 Prozent der Geburten Kaiserschnittentbindungen.
In Ländern mit niedriger Kaiserschnittquote gebe es zudem eine Eins-zu-eins-Betreuung der Hebamme während der Geburt, sagte Köbke. Es sei völlig selbstverständlich, dass ausschließlich Hebammen zunächst die Geburt begleiten und nur, wenn etwas von der Physiologie abweicht, einen Arzt hinzuziehen.
„Wir fordern deshalb eine Personalbemessung von Hebammen für die Geburtsbegleitung, die eine Eins-zu-eins-Betreuung sicherstellt“, so Köbke. Auch müsse jede Klinik die Möglichkeit bieten, hebammengeleitet zu gebären.
Im Notfall könne ein Kaiserschnitt effektiv Leben retten, betonte Köbke. Nachteile seien hingegen eine längere Wundheilung als bei Spontangeburten. „Der Bonding-Prozess ist meist nicht ungestört; dies hat Auswirkungen aufs Stillen und den Stillbeginn.“
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