Junge Ärzte beschäftigen sich mit Gründen für Migration von Gesundheitspersonal

Leipzig – Die Migration von Gesundheitsfachkräften ist eines der zentralen Themen, das junge Ärztinnen und Ärzte aus dem Junior Doctors Network (JDN) des Weltärztebundes (WMA) derzeit beschäftigt. Davon berichteten Vertreter der Delegation im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt beim 129. Deutschen Ärztetag in Leipzig.
„Wir bearbeiten das Thema auf unterschiedlichen Ebenen, vor allem auf globaler Ebene in Verbindung mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO)“, sagte Balkiss Abdelmoula, die aus Tunesien stammt und seit drei Jahren in Deutschland lebt.
Es handle sich um ein globales Problem – und es betreffe nicht nur die Ärzteschaft, sondern auch Pflegepersonal, letztlich die gesamten Teams, betonte Shiv Joshi aus Indien.
Das Netzwerk wolle unter anderem verstehen, aus welchen Gründen sich etwa Ärztinnen und Ärzte zur Migration entscheiden und welche Faktoren – neben finanziellen – bei der Wahl des Ziellandes entscheidend seien, sagte Sazi Nzama aus Südafrika.
Es gehe um Fragen wie Angebote von Zielländern, den dortigen Lebensstil und die Organisation des Gesundheitssystems, aber auch um Anreize, die Länder schaffen, um Personal im Heimatland zu halten, wie beispielsweise gute Arbeitsbedingungen und nötige Infrastruktur für Familien.
Unterschiedliche Motivationen für Migration
Als eine Ursache für den Schwund an Gesundheitspersonal in Südafrika macht Sazi Nzama die zunehmend schwierige Situation im öffentlichen Gesundheitssektor des Landes aus, der vor allem ärmere und unterprivilegierte Menschen versorge. Dort würden seit Jahren immer weniger Ärztestellen nachbesetzt.
Ein Nachwuchsproblem gebe es zwar nicht, aber mangels Beschäftigungsmöglichkeiten ziehe es viele junge Ärztinnen und Ärzte ins Ausland, derzeit vor allem in europäische Länder, betonte Nzama. Wer in Südafrika bleibe, sei mit einer hohen Arbeitslast konfrontiert, die Qualität der Versorgung lasse nach und die Wartezeiten auf Termine seien lang.
Aus Indien gingen viele junge Ärztinnen und Ärzte in die Vereinigten Staaten, aber auch Großbritannien und neuerdings Australien seien gefragt, schilderte Joshi. Nach seiner Beobachtung wird das Zielland häufig aus Nachahmung gewählt: Viele entscheiden sich für ein Land, weil sie jemanden kennen, der bereits dorthin ausgewandert ist. Oftmals hätten die Betreffenden aber keine Vorstellung davon, was die Entscheidung tatsächlich bedeute und was auf sie zukomme.
In Indien gebe es auf regionaler Ebene unterschiedliche Versuche, Ärzte durch eine Art Bindungssystem im Land zu halten, berichtet Joshi. Dies beinhalte Verpflichtungen, nach Abschluss der Ausbildung für eine gewisse Zeit in ländlichen Gegenden zu arbeiten.
Aus seiner Sicht kann ein solches Vorgehen jedoch kontraproduktiv sein: „Letztlich führt dies dazu, dass Ärzte abgeschreckt werden.“ Denn es sei teuer, wenn man das System verlassen wolle. Joshi bemängelt, dass solche Entscheidungen über die Köpfe der Ärzteschaft hinweg getroffen würden. „Da läuft es schief.“
Weltgesundheitsversammlung befasste sich mit Migrationsthema
Auch bei der Weltgesundheitsversammlung in Genf, die in dieser Woche zu Ende ging, tauschten sich Mitgliedsstaaten über das Thema Arbeitskräfte und Migration aus. Sie bekräftigten zudem ihr Engagement, Gesundheitspersonal zu schützen und in dieses zu investieren, wie die WHO erklärte.
Im Gesundheitswesen ist es schon länger als Problem erkannt, dass reichere Länder zunehmend aus ärmeren Ländern Personal rekrutieren, um dem Mangel im eigenen Land zu begegnen – wodurch sich allerdings die Knappheit im Herkunftsland verschärfen kann.
Um die Steuerung der internationalen Migration von Gesundheitspersonal zu verbessern, ist bereits 2010 der Globale Verhaltenskodex der WHO für die internationale Anwerbung von Gesundheitspersonal von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet worden. Er zielt darauf ab, die negativen Folgen der Migration von Gesundheitspersonal zu minimieren und nachhaltige Lösungen zu fördern.
Rolle von KI für Personal im Gesundheitswesen
Die Welt habe zwar Fortschritte bei der Erhöhung der Gesamtzahl der Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegebereich gemacht – die Zahl sei weltweit auf über 70 Millionen gestiegen –, aber dennoch bestehe in vielen Ländern nach wie vor ein Mangel, heißt es in einer Resolution, die zu Wochenbeginn bei der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet wurde. Bis 2030 wird global mit einem Mangel in Höhe von 11,1 Millionen Kräften gerechnet.
Die Resolution bringt den Handlungsbedarf beim Thema Personal im Gesundheitsbereich zum Ausdruck, appelliert wird unter anderem zu globaler Kooperation. Angesprochen wird auch die Notwendigkeit, Personal im Gesundheitswesen durch Weiterbildung auf die raschen technologischen Fortschritte vorzubereiten, beispielsweise in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz (KI).
Abdelmoula vom Netzwerk der jungen Ärztinnen und Ärzte sieht eine Verpflichtung für den gesamten Berufsstand und die beteiligten Stakeholder, sich über KI fortzubilden, wie sie sagte. Zudem sollten Ärzte die Entwicklung mitgestalten.
„Die Diskussion darüber, ob KI kommen sollte oder nicht, ist längst überholt. KI ist da und wird bleiben“, betonte Shiv Joshi aus Indien. Es gelte für Ärztinnen und Ärzte, die Technologie aufzugreifen und zu lernen, wenn man nicht abgehängt werden wolle.
Es gehe aber auch darum, das Ganze sicher umzusetzen, betonte Nzama, und zeigt sich überzeugt, dass der Mensch bei vielen Aufgaben nicht ersetzbar sei: „Auch in Zukunft muss noch der Arzt am Steuer sitzen.“
Neben dem Training der Fachkräfte gelte es sicherzustellen, dass KI-Tools mit den richtigen Daten trainiert wurden, sagte der aus Kanada stammende Yassen Tcholakov. Häufig seien die Ergebnisse bisher nicht generalisierbar.
Appell zur Beteiligung am Netzwerk
Was das Netzwerk selbst betrifft, so stelle man leider eine nachlassende Beteiligung junger Ärztinnen und Ärzte aus Europa fest, sagte Nzama. Generell sei es wichtig, sich zu organisieren, auch um sich über Erfahrungen auszutauschen. Zudem gehe es darum, sich für die Politikgestaltung der Zukunft in Stellung zu bringen. Entscheidungen im Gesundheitsbereich dürfe man nicht nur Fachfremden überlassen.
„Wir wollen, dass so viele Ärztinnen und Ärzte aus Europa, und aus Deutschland, wie möglich sich an den Diskussionen und unserer Arbeit beteiligen“, appellierte auch Abdelmoula.
Das JDN hat nach eigenen Angaben über 500 Mitglieder, es wurde 2010 ins Leben gerufen. Als „junior doctors“ werden dabei Ärztinnen und Ärzte innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Erteilung der Approbation und in der Weiterbildung verstanden. Das selbstgesteckte Ziel des JDN ist es, junge Ärzte darin zu bestärken, sich durch Interessenvertretung, Bildung und internationale Zusammenarbeit für eine gesündere Welt einzusetzen.
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