Krankenkassen erwirtschaften Überschuss, keine Entwarnung

Berlin – Die 93 Krankenkassen in Deutschland haben im ersten Halbjahr 2026 einen Überschuss von zusammen 2,6 Milliarden Euro erzielt. „Dieser Überschuss ist jedoch Ergebnis der Beitragssatzanhebungen zum Jahresbeginn und dient vorrangig der Auffüllung der Finanzreserven auf das gesetzliche Mindestniveau", teilte das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) Ende vergangener Woche mit.
Die Finanzreserven der Krankenkassen betrugen zum Halbjahresende rund 7,5 Milliarden Euro. „Dies entspricht gut 0,2 Monatsausgaben und liegt damit – im Durchschnitt über alle Krankenkassen – wieder auf Höhe der gesetzlich vorgesehenen Mindestreserve.“
Diese Zahlen gäben keinen Anlass zur Entwarnung, sagte Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU). Die Ausgabendynamik übersteige weiterhin die Zuwächse bei den Einnahmen deutlich. „Diese Entwicklung muss gestoppt werden, um die Beitragssatzspirale zu brechen.“
Mitte Juli hatte die Regierungskoalition im Bundestag daher das Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Mit einem Einsparvolumen von rund 19 Milliarden Euro soll das Gesetz den durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz im kommenden Jahr bei 2,9 Prozent stabil halten.
Den Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) von 188,9 Milliarden Euro standen Ausgaben von 186,3 Milliarden Euro gegenüber. Die Beitragseinnahmen (ohne Zusatzbeiträge) stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 4,1 Prozent.
Der durchschnittlich von den Krankenkassen erhobene Zusatzbeitragssatz entsprach Ende Juni 3,13 Prozent und lag damit oberhalb des Ende Oktober 2025 für 2026 bekanntgegebenen Zusatzbeitragssatzes von 2,9 Prozent. Ursächlich hierfür ist, dass viele Krankenkassen gezwungen sind, ihre 2024 und 2025 stark gesunkenen Finanzreserven aufzufüllen.
Die Leistungsausgaben der Krankenkassen stiegen im ersten Halbjahr um 7,4 Prozent und damit etwas weniger stark als im Vorjahr (plus 7,7 Prozent). Die Zuwächse liegen laut Ministerium weiterhin deutlich über dem langfristigen Durchschnitt. Die Ausgaben für Krankenhausbehandlungen sind im 1. Halbjahr um 9,3 Prozent beziehungsweise 5,1 Milliarden Euro gestiegen und stellen damit den maßgeblichen Treiber der hohen Ausgabendynamik dar.
Die Aufwendungen für Arzneimittel stiegen um 5,1 Prozent oder 1,5 Milliarden Euro und damit etwas stärker als im Gesamtjahr 2025 (plus 5,7 Prozent). Auch in diesem Bereich liegt die Ausgabendynamik deutlich oberhalb der Zuwächse bei den beitragspflichtigen Einnahmen. Die Ausgaben für ambulant-ärztliche Behandlungen wuchsen um 6 Prozent oder 1,63 Milliarden Euro.
Auch die Aufwendungen für die ambulante spezialfachärztliche Behandlung (19,7 Prozent oder 65 Millionen Euro), und die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (18,7 Prozent oder 88 Millionen Euro) sowie die Versorgung im Rahmen der hausarztzentrierten Versorgung (13,1 Prozent oder 160 Millionen Euro) zeigen ein überproportionales Wachstum.
Wie bereits in der Vergangenheit weist der personalintensive Bereich der medizinischen Behandlungspflege erneut ein stark überdurchschnittliches Wachstum von 10,5 Prozent (0,6 Milliarden Euro) auf.
Mit Ausnahme der Jahre 2017 und 2020 verzeichnete auch der Bereich Heilmittel im 1. Halbjahr 2026 ein über dem Schnitt liegendes Wachstum von 9,9 Prozent beziehungsweise 709 Millionen Euro. Insbesondere gestiegen sind die Aufwendungen für die Heilmittelversorgung mit erweiterter Versorgungsverantwortung der Heilmittelerbringer (Blankoverordnung) in der Ergotherapie und Physiotherapie um 443 Millionen Euro. Zu beachten sei aber, dass ein Teil des Aufwuchses in diesem Teilbereich eine Verlagerung aus der bisherigen Heilmittelversorgung in diese neue Versorgungsform darstelle, so das BMG.
Die Ausgaben für Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen, die nach den pandemiebedingten Einbrüchen des Jahres 2020 im Schnitt um rund 10,4 Prozent pro Jahr wuchsen, entwickelten sich nach Angaben des Ministeriums mit einer Steigerung von 5,9 Prozent beziehungsweise 153 Millionen Euro weniger dynamisch als noch im 1. Quartal 2026 (+9,0 Prozent). „Gleichzeitig liegt auch dieses Wachstum deutlich oberhalb der Zuwächse bei den beitragspflichtigen Einnahmen, so dass der Bereich auch weiterhin zum Aufwuchs der strukturellen Deckungslücke beiträgt“, so das BMG.
Auch die Aufwendungen für Fahrkosten verzeichnen mit 8,1 Prozent (420 Millionen Euro) eine hohe Wachstumsrate. Innerhalb des Bereichs weisen vor allem die Aufwendungen für Fahrten mit Notarztwagen (11,7 Prozent beziehungsweise 95 Millionen Euro) hohe Zuwächse auf.
Auch die meisten anderen größeren Ausgabenbereiche wie Schutzimpfungen (8,5 Prozent beziehungsweise 143 Millionen Euro), Krankengeld (7,4 Prozent beziehungsweise 798 Millionen Euro), Zahnärztliche Behandlungen ohne Zahnersatz (5,9 Prozent beziehungsweise 438 Millionen Euro) und Hilfsmittel (4,4 Prozent beziehungsweise 268 Millionen Euro) weisen Zuwachsraten auf, die oberhalb der Zuwächse bei den beitragspflichtigen Einnahmen liegen.
„Damit liegt die Ausgabendynamik in der Breite der GKV-Ausgabenbereiche seit einigen Jahren weit oberhalb dessen, was durch die gesamtwirtschaftlichen Lohnzuwächse bei Löhnen, Gehältern und Renten der GKV-Mitglieder erwirtschaftet werden kann“, resümiert das Ministerium.
Die Verwaltungskosten der Krankenkassen entwickeln sich den Angaben zufolge sowohl im Teilbereich der sächlichen Verwaltungskosten (-2,2 Prozent beziehungsweise - 57 Millionen Euro) als auch der persönlichen Verwaltungskosten (3,8 Prozent beziehungsweise 216 Millionen Euro) wesentlich moderater als die Leistungsausgaben. Es sei zu beachten, dass die Ausgaben der Krankenkassen im Bereich der sächlichen Verwaltungskosten in diesem Jahr durch das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege begrenzt würden.
Bei der Interpretation der Daten des 1. Halbjahres ist aus Sicht des BMG grundsätzlich zu berücksichtigen, dass die Ausgaben in vielen Leistungsbereichen, insbesondere bei Ärzten und Zahnärzten, von Schätzungen geprägt sind, da Abrechnungsdaten häufig noch nicht oder nur teilweise vorliegen.
„Daher sind die Rechnungsergebnisse des 1. Halbjahres noch mit Vorsicht zu interpretieren.“ Die Finanzergebnisse für das 1. bis 3. Quartal 2026 sollen Ende November vorliegen.
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