KV Westfalen-Lippe für Nachbesserungen bei Digitalisierung

Dortmund – Die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Westfalen-Lippe haben sich für erhebliche Nachbesserungen bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen ausgesprochen. Ihr Anliegen haben sie in der jüngsten Sitzung der Vertreterversammlung (VV) der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe in einer fraktionsübergreifenden Resolution einstimmig verabschiedet.
„Ohne eine zielführende und somit auch lebbare Digitalisierung können wir unsere Praxen nicht in der notwendigen Qualität und Effizienz weiterführen“, hieß es zur Begründung. Mit ihrer Resolution schloss sich die VV einem Forderungskatalog des KVWL-Vorstands an. Grund für die Forderungen sind Applikationen, die künftig in den Praxisalltag einziehen und diesen erleichtern sollen.
Im Einzelnen geht es dabei um die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), die elektronische Patientenakte (ePA), das elektronische Rezept (eRezept), den elektronischen Heilberufsausweis (eHBA) und die Dienste in der TI.
„Diese fünf Applikationen haben richtig Sprengstoff in sich“, ist Thomas Müller überzeugt. „Denn sie sind eben nicht das Allheilmittel, das sich der Politiker davon erwartet“, so der Vorstand der KVWL weiter. „Wir stellen eine eklatante Diskrepanz fest zwischen dem, was sich der Politiker erwartet, nämlich Einsparungen in Höhe von sieben Milliarden Euro, und der erlebten Realität in Ihren Praxen.“
Denn das eRezept und die eAU ließen sich nicht mit einem Tastendruck erstellen, wie sich das der Politiker denke. „Wir haben keine medienbruchfreien Lösungen, sondern ein Gemurkse. Und das gilt es jetzt zu identifizieren und abzustellen“, forderte Müller.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) habe viele Gesetze initiiert, um die Digitalisierung voranzutreiben. Zur Umsetzung dieser Gesetze sei jedoch eine „funktionierende Industrie“ nötig. Sie schaffe es aber nicht, medienbruchfreie Lösungen zu entwickeln.
Zudem freuten sich die Hersteller von Praxisverwaltungssystemen (PVS) über jede Gesetzänderungen, die ihnen neue Aufträge und Gewinnmargen bescherten – auf Kosten der Vertragsärzte. „Das ist unredlich und gilt es abzustellen.“ Hinzu kämen viele Störungen und Ausfälle der TI, allein in den vergangenen acht Wochen seien es 15 gewesen. Auch hätten digitale Impfzertifikate nicht erstellt werden können.
Der Vorstand der KVWL hat daher ein Katalog mit Forderungen an die politischen Entscheidungsträger erstellt.
„Praxen dürfen durch die Digitalisierung keinen zusätzlichen Belastungen ausgesetzt sein“, nannte Müller die zentrale Forderung. Zudem müssten sie Zeit haben, Anwendungen ausführlich zu testen, die zuvor in breit angelegten Feldtests intensiv erprobt worden sind. Auch müssten Medienbrüche ausgeschlossen worden sein. Darüber hinaus müssten Einweisungen und Schulungen des Praxispersonals sowie eine reibungslose Integration der Anwendungen in die PVS sichergestellt und die TI stabil und störungsfrei sein.
„dipraxis“ kommt an
Eine erste Bilanz zog Müller mit Blick auf die Digitalisierungsoffensive, die die KVWL initiiert hat. Dazu zählt auch die Mitte Juni am Sitz der KVWL in Dortmund eröffnete digitale Praxis „dipraxis“. „Die dipraxis erfreut sich einer enormen Beliebtheit und großem Interesse.“ Vertreter von KVen, Krankenkassen, der Gematik sowie aus Forschung und Politik hätten das bundesweit einmalige Projekt bereits besucht. Darüber hinaus seien die beiden Digitalisierungsworkshops im Juni und August bei den Teilnehmenden gut angekommen.
Die KVen würden dementsprechend Plattformen für digitale Services wie etwa das Terminmanagement, Videosprechstunden und -konsile, Messengerdienste, Rezeptbestellungen, private Cloudspeicher für die Datensicherung sowie Job- und Notdienstbörsen entwickeln.
„Das KV-System wird in die Erstellung einer Plattformlösung gehen. Die Ampeln stehen auf grün für dieses wichtige Projekt“, freute sich Müller. Für die nächste Sitzung der VV der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) werde ein entsprechender Beschluss vorbereitet.
In seinem Bericht Vorstandsbericht ging Müller auch auf das ab dem kommenden Jahr drohende finanzielle Defizit der Krankenkassen ein. Hauptgrund seien nicht die Coronapandemie, sondern „ausufernde versicherungsfremde Leistungen“ wie etwa die beitragsfreie Mitversicherung von Familienmitgliedern, wie Gutachten zeigten.
Zugleich beruhigte der KVWL-Vorstand die Vertragsärzte. „Die Gesamtvergütung ist nicht abhängig von der Finanzlage der Krankenkassen.“ Vielmehr sei sie vom Behandlungsbedarf, den extrabudgetären und neuen Leistungen sowie vom Orientierungspunktwert abhängig.
„Und der Orientierungspunktwert wird sich positiv entwickeln“, ist Müller mit Blick auf die Honorarverhandlungen zwischen der KBV und dem GKV-Spitzenverband überzeugt. Keine Auswirkungen werde die Pandemie auf die Verwaltungskostenumlage der KVWL haben. Sie werde im kommenden Jahr 2,5 Prozent des Honorars ausmachen und damit genau so viel wie in diesem Jahr.
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