Maschinenperfusion: Technologische Zäsur in der Organspende erfolgreich gestartet

Frankfurt am Main/Berlin – Das „wahrscheinlich größte und umfangreichste Projekt“ in der mehr als 40-jährigen Geschichte der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist auf einem guten Weg.
Durch die bundesweite Einführung der hypothermen Maschinenperfusion (HMP) für Nieren von Spendern mit erweiterten Spenderkriterien können ab diesem Jahr mehr Nieren von postmortalen Spendern in ausreichend guter Qualität für eine Organtransplantation gewonnen werden.
Das Verfahren markiert einen wichtigen wissenschaftlichen und klinischen Fortschritt in der Organtransplantation und kann zudem zu besseren Langzeitergebnissen beitragen.
„Die Einführung der hypothermen Maschinenperfusion läuft seit Januar sehr erfolgreich“, sagte Thomas Biet, Kaufmännischer Vorstand der DSO, beim 22. DSO-Jahreskongress in Frankfurt/Main. Allerdings habe die Umsetzung der im vergangenen Jahr von Bundesärztekammer verabschiedeten Richtlinie einen erheblichen organisatorischen Aufwand bedeutet.
Für den Start wurden 30 sogenannte „Live Kidney Transporter“ – intern auch „Snoopy“ genannt – an acht Standorten bereitgestellt. Zugleich wurden die Logistik ausgebaut und Lagerkapazitäten angepasst. Zudem mussten Transportdienstleister ihre Abläufe auf das zusätzliche Equipment einstellen.
Überarbeitete Richtlinie in Kraft
Seit dem 19. Januar dieses Jahres gilt mit dem Inkrafttreten der überarbeiteten Richtlinie der Bundesärztekammer (BÄK) zur Nierentransplantation die maschinengestützte Konservierung von Nieren von Spendenden mit erweiterten Spenderkriterien (ECD-Nieren) grundsätzlich als Standardverfahren.
Erweiterte Spenderkriterien sind der Richtlinie zufolge ein Spenderalter über 60 Jahre oder ein Spenderalter von 50 bis 59 Jahren bei einem zusätzlichen Vorliegen von negativen Kriterien, wie einer zerebrovaskulären Todesursache, arteriellen Hypertonus oder hohen Serum-Kreatinin.
Die Einführung ist eine technische Zäsur in der Organspende und Transplantation. Während bei der klassischen statischen Kaltlagerung das Organ auf Eis transportiert wird, wird es bei der Maschinenperfusion außerhalb des Körpers kontinuierlich mit einer speziellen Konservierungslösung durchströmt und versorgt.
Dadurch wird es besser mit Nährstoffen und auch mit Sauerstoff versorgt. Schäden durch die fehlende Durchblutung während des Transports sowie sogenannte Reperfusionsschäden können durch verringert werden. Neben einer schonenderen Konservierung eröffnet die Technologie einen weiteren entscheidenden Vorteil: Während der Perfusion lassen sich Parameter des Organs erfassen und damit Hinweise auf seine Funktionsfähigkeit gewinnen.
Perfusionsgeräte keine Einmalprodukte
Anders als die bislang übliche statische Kühlung auf Eis sind die Perfusionsgeräte jedoch keine Einmalprodukte. „Die Maschinen müssen nach dem Transport zurückgeführt und für weitere Einsätze verfügbar gemacht werden“, erklärte Biet. Dafür seien Transportwege neu organisiert und teilweise größere Fahrzeuge eingesetzt worden.
Auch die technische Infrastruktur wurde angepasst. So seien in den Lagerstandorten zusätzliche Kapazitäten geschaffen und die Stromversorgung für die Geräte sichergestellt worden. Zudem hätten Medizinprodukterecht, Datenschutz, Arbeitsschutz und Arbeitsrecht ebenso berücksichtigt werden wie neue Verträge, medizinische Notfallprozesse und Dokumentationsanforderungen.
Besonders umfangreich sei die Schulung der Beteiligten, erläuterte heute Christian Brandtner, Geschäftsführender Arzt der DSO-Region Nordrhein-Westfalen, beim Kongress. Neben den DSO-Mitarbeitenden seien auch die Beschäftigten der 34 deutschen Nierentransplantationszentren pünktlich zum 19. Januar 2026 in das neue Verfahren eingewiesen worden. Insgesamt habe man mehr als 1000 Personen an den neuen Geräten geschult.
Erster Einsatz am 20. Januar 2026
Bereits in der Nacht auf den 20. Januar 2026 sei die Maschinenperfusion zum ersten Einsatz als Standardverfahren entsprechend der Richtlinie der Bundesärztekammer gekommen, berichtete Brandtner. Mittlerweile zeige sich, dass sie bei einem großen Teil der infrage kommenden Nieren eingesetzt werde. Rund die Hälfte der Nieren aus der entsprechenden Spendergruppe falle unter die Kriterien für eine sogenannte ECD-Niere.
Die Auswirkungen auf den Operationsablauf seien jedoch bislang „überschaubar“, so Brandtner. In den ersten neun Monaten hätte sich die Operationszeit bei Verwendung eines Live Kidney Transporters im Durchschnitt um etwa 30 Minuten verlängert. Mit zunehmender Erfahrung der Chirurginnen und Chirurgen könne die zusätzliche Zeit möglicherweise sogar wieder sinken.
Bezüglich der Transplantationsergebnisse zeigten die bisherigen Daten noch keinen Unterschied zwischen maschinell perfundierten und nicht perfundierten Nieren. Dies sei aber nicht verwunderlich: Für eine Beurteilung des eigentlichen Nutzens müsse man längerfristige Ergebnisse abwarten, so der Arzt. Entscheidend sei, ob sich künftig eine bessere Langzeitfunktion und weniger Funktionsausfälle nach der Transplantation nachweisen ließen.
Beim DSO-Jahreskongress in Frankfurt am Main wurde heute auch deutlich, dass die Technologie weit über die Niere hinaus an Bedeutung gewinnen könnte. Auch für Leber und Herz könne die dynamische Organkonservierung Perspektiven in Deutschland eröffnen, um den Spenderpool zu erweitern und die Qualität von Transplantaten besser einzuschätzen, so die Einschätzung der Expertinnen und Experten heute.
Fortgeschritten ist die Anwendung der Maschinenperfusion bei der Leber bereits im Rahmen von Studien. Nathanael Raschzok von der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigte sich heute überzeugt, dass man mit der Maschinenperfusion von Lebern den Spenderpool für die Lebertransplantation deutlich erweitern könne.
Er verwies auf den ausgeprägten Organmangel in der Lebertransplantation: Es gebe deutlich mehr Patientinnen und Patienten auf der Warteliste, als mit verfügbaren Organen versorgt werden könnten. Gleichzeitig seien die meisten gespendeten Lebern „keine klassischen Idealorgane“. Mehr als 70 Prozent der in Deutschland transplantierten Organe erfüllten erweiterte Spenderkriterien, so Raschzok.
In einem künftig vielleicht auch bei Lebern regulären Einsatz von Maschinenperfusion sieht Raschzok drei Potenziale: die Verringerung des Konservierungsschadens, die Qualitätsbeurteilung und perspektivisch die Rekonditionierung von Organen.
Gerade der letzte Punkt könne nach seiner Ansicht für den Spenderpool entscheidend werden. Die Hoffnung sei, bestimmte Organe außerhalb des Körpers nicht nur zu beurteilen, sondern ihre Qualität durch die Perfusion auch zu verbessern. Internationale Erfahrungen lieferten dafür bereits Hinweise, erklärte er.
In Deutschland will derzeit die Extra-Studie klären, ob sich dieser Ansatz in einem kontrollierten Verfahren zur Erweiterung des Spenderpools nutzen lässt. Eingeschlossen werden Lebern, die in Deutschland zunächst nicht vermittelt werden konnten. Nach der Maschinenperfusion werden sie anhand definierter Qualitätskriterien beurteilt und können anschließend für geeignete Patienten zur Verfügung gestellt werden.
Raschzok zufolge nehmen mehr als zwei Drittel der deutschen Transplantationszentren an der Studie teil, die auch die Kosten bislang tragen. Mehr als 80 Prozent der in der Studie transplantierten Organe würden mit Maschinenperfusion behandelt, so Raschzok. „Das zeigt den Stellenwert der Maschinenperfusion für die Lebertransplantation in Deutschland.“
Auch bei der Herztransplantation stoße die klassische Kaltlagerung an physiologische Grenzen, erklärte beim DSO-Kongress Sabina Günther vom Herz- und Diabeteszentrum NRW. Das Problem liege unter anderem in den niedrigen Temperaturen, sagte sie.
So könnten bei der Lagerung auf Eis Oberflächentemperaturen um den Gefrierpunkt erreicht werden, die das Organ schädigten. Mit zunehmender Ischämie steige das Risiko, dass das Spenderherz nach der Transplantation nicht ausreichend funktioniere. Besonders vulnerabel seien dabei marginale Organe, etwa von älteren Spenderinnen und Spendern oder von solchen mit kardiovaskulären Risikofaktoren.
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