Vermischtes

Organspende: Leichter Anstieg, aber Entscheidungslücke bleibt

  • Donnerstag, 29. Oktober 2026
/picture alliance, KEYSTONE, Martial Trezzini
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Berlin – Die Organspende in Deutschland verzeichnet momentan eine positive Entwicklung. In den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden 772 postmortale Organspender registriert. Dies ist die höchste Zahl der vergangenen zehn Jahre, sagte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zum Auftakt des 22. DSO-Jahreskongresses, der heute und morgen in Frankfurt/Main stattfindet.

Auch die Zahl der in Deutschland entnommenen Organe, die über die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant vermittelt und anschließend in Deutschland oder im Ausland transplantiert wurden, lag höher als im Vorjahreszeitraum. Dieses Jahr waren es 2.373 Organe, im Jahr 2025 waren es 2.258 Organe.

Für Rahmel ist das eine erfreuliche Entwicklung. Gleichzeitig warnte der Arzt jedoch vor einer zu positiven Bewertung. Zwar nähere sich Deutschland bei den Organspenden einer Zahl von zwölf Spenderinnen und Spendern pro Million Einwohnern an, international sei aber nach wie vor „kein Aufholen“ möglich.

Der Vergleich mit anderen Ländern zeigt: Im vergangenen Jahr wurden 414 Organe aus den Eurotransplant-Verbund nach Deutschland importiert, aber lediglich 266 von Deutschland ins Ausland exportiert.

„Zudem bleibt die Zahl der Organspenden deutlich hinter dem zurück, was notwendig wäre, um den rund 8.000 Menschen, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, zu helfen. Unser Ziel muss es sein, möglichst vielen von ihnen diese Chance zu eröffnen“, so Rahmel.

Mehr ältere Menschen sind Spender

Die steigenden Spenderzahlen sind nach seinen Angaben auch darauf zurückzuführen, dass zunehmend ältere Menschen als Organspendende gewonnen würden. Das mediane Alter der Spenderinnen und Spender habe inzwischen etwa 60 Jahre erreicht und steige kontinuierlich.

Als Problem sieht Rahmel die Dokumentation der Organspendebereitschaft in Deutschland. Über alle Altersgruppen hinweg hätten nur etwa 40 Prozent der Menschen eine Entscheidung zur Organspende getroffen und diese dokumentiert. Bei den Jüngeren liege der Anteil sogar unter einem Drittel. Wenn Menschen aber über eine Organspende entschieden hätten, läge die Zustimmung hoch, durchschnittlich bei etwa 75 Prozent.

„Anders ist die Situation, wenn Angehörige entscheiden müssen“, so Rahmel. In rund zwei Dritteln der Fälle liege die Entscheidung bei ihnen und dann entschieden sie sich mehrheitlich gegen eine Organspende. In etwa 20 Prozent der Fälle wüssten die Angehörigen überhaupt nicht, wie die Verstorbenen zur Organspende gestanden hätten.

„So bleibt im Ernstfall häufig offen, ob eine Organspende dem Willen des Verstorbenen entsprochen hätte. Die damit verbundene Unsicherheit führt oft dazu, dass Angehörige einer Organspende nicht zustimmen“, sagte er.

Wie existenziell diese Frage im Ernstfall wird, berichtete heute die Film- und Theaterschauspielerin Helene Grass. Im November vergangenen Jahres war ihr Mann nach einem plötzlichen Herzstillstand verstorben. Als nach versuchter Reanimation keine Hirnaktivität mehr festgestellt werden konnte, wurde ihr durch den Organspendeausweis ihres Mannes und seiner Zustimmung zu einer Organspende die schwere Entscheidung abgenommen.

Sie habe sich zu keiner Zeit gedrängt gefühlt, berichtete sie. Bei allem Schmerz über den Verlust ihres Mannes sei ihr der tröstliche Gedanke geblieben, dass dessen Organspende einem anderen Menschen neue Hoffnung und ein Weiterleben schenken könne. Sie sei jedoch froh gewesen, dass ihr Mann die Entscheidung dokumentiert hatte.

„Wir dürfen nicht die Entscheidung auf die Angehörigen übertragen“, betonte auch Rahmel und plädierte dafür, dass sich möglichst alle Bürgerinnen und Bürger selbst mit dem Thema Organspende auseinandersetzen und eine Entscheidung treffen sollten. Die derzeitige Zustimmungsregelung bringe Angehörige gerade in einer schwierigen Situation in die Verantwortung.

Eine Widerspruchsregelung könne hingegen einen zusätzlichen Anstoß geben, dass sich die Bevölkerung mit der eigenen Entscheidung zur Organspende auseinandersetze. Nach dieser Regelung ist grundsätzlich jede Person nach ihrem Tod Organspenderin oder Organspender, sofern sie zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. 

Plädoyer für Widerspruchsregelung

Vor diesem Hintergrund begrüßte der DSO-Vorstand die erneute politische Diskussion um die Widerspruchsregelung als wichtiges Signal. „Die Widerspruchsregelung wäre ein wichtiger Baustein zur Förderung der Organspende in Deutschland, zugleich ist sie ein Signal der Hoffnung für die Patientinnen und Patienten auf den Wartelisten“, betonte Rahmel.

Auch für Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), ist die Organspende ein „besonderer Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität“. Damit möglichst viele schwer kranke Menschen von den Möglichkeiten der Transplantationsmedizin profitieren könnten, brauche es neben dem Vertrauen und der selbstbestimmten Entscheidung der Menschen vor allem Krankenhäuser, die personell, organisatorisch und finanziell in der Lage seien, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen.

Gaß wies heute darauf hin, dass die geplante Neuordnung der Krankenhauslandschaft in Deutschland auch Auswirkungen auf die Organspende haben könnte. Veränderungen in ihrer Struktur müssten deshalb auch mit Blick auf mögliche Folgen für die Organspende betrachtet werden.

Entscheidend sei vor allem eine gute Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern mit einem künftig eingeschränkteren Behandlungsspektrum und hochspezialisierten Einrichtungen. „Das ist eine große Aufgabe, die vor uns liegt“, sagte Gaß. Dieser Aufgabe wolle man sich gemeinsam mit der DSO stellen.

Zugleich warnte der DKG-Vorstandsvorsitzende vor den Folgen des Personalabbaus in den Kliniken. Gerade Aufgaben wie die Organspende könnten dadurch unter Druck geraten, da sie Zeit und Personal erforderten. „Wir brauchen Zeit für diese Aufgaben“, betonte er. Es sei darauf zu achten, dass die Organspende angesichts der wirtschaftlichen Belastungen nicht „unter die Räder“ gerate. Eine Chance liege im Abbau von Bürokratie und Überregulierung.

Schwerpunkte des heute und morgen stattfindenden DSO-Jahreskongresses liegen auf dem medizinischen und technischen Fortschritt in der Transplantationsmedizin. Die Beiträge reichen von den Potenzialen medizinischer Register bis zu den ersten Erfahrungen mit der Maschinenperfusion für Spendernieren in Deutschland.  Letztere wurde Anfang des Jahres eingeführt und bisher bei mehr als 500 Nieren erfolgreich eingesetzt, wie Thomas Biet, Kaufmännischer Vorstand der DSO, berichtete.

ER/enm

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