Politik

Menschen mit Behinderung besonders oft im Gesundheits- und Pflegebereich diskriminiert

  • Dienstag, 10. März 2026
Ferda Ataman (r), Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, und Samera Bartsch, Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), stellen bei einer Pressekonferenz die Zahlen des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zu Diskriminierungserfahrungen in Deutschland vor. /picture alliance, Bernd von Jutrczenka
Ferda Ataman (r), Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, und Samera Bartsch, Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), stellen bei einer Pressekonferenz die Zahlen des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zu Diskriminierungserfahrungen in Deutschland vor. /picture alliance, Bernd von Jutrczenka

Berlin – Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen erleben in Deutschland überdurchschnittlich häufig Diskriminierung – vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich. Dies zeigt eine neue Sonderauswertung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZim), die auf den Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) beruht.

Demnach fühlen sich 26,4 Prozent der Befragten aufgrund ihrer Behinderung oder chronischen Erkrankung im Gesundheits- und Pflegebereich diskriminiert. „Da davon auszugehen ist, dass diese Personengruppe gesundheitlich besonders vulnerabel ist und einen erhöhten Bedarf an medizinischer und pflegerischer Versorgung hat, ist dieser Befund alarmierend“, heißt es im Bericht. Auch andere Studien hätten das Problem bereits aufgezeigt.

In der Antidiskriminierungsstelle des Bundes seien darüber hinaus die Hälfte der Beratungsanfragen im Bereich Gesundheit und Pflege auf Diskriminierungserfahrungen aufgrund von Behinderung oder chronischer Erkrankung zurückzuführen. In den vergangenen Jahren habe man sich dort überdurchschnittlich häufig mit Beratungen zur Diskriminierung aufgrund von Behinderungen in verschiedenen Lebensbereichen beschäftigt – sogar noch häufiger als mit geschlechtsbezogener Diskriminierung.

Insgesamt hatten in der SOEP-Befragung 14 Prozent aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer angegeben, aufgrund ihrer Behinderung oder chronischen Erkrankung in den Bereichen Güter und Dienstleistungen, Arbeitsleben, Gesundheit und Pflege, Wohnungs- und Haussuche, Ämter, Behörden und Polizei, Schule, auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln diskriminiert worden zu sein.

Gesundheit und Pflege insgesamt vulnerabler Bereich

Unter allen Befragten der SOEP-Studie berichteten mehr als 13 Prozent, in den vergangenen zwölf Monaten Diskriminierung erlebt zu haben. Rund 20 Prozent gaben an, diese im Bereich Gesundheit und Pflege gemacht zu haben.

Den Studienautorinnen zufolge können sich die negativen Erfahrungen etwa als respektloses Verhalten des medizinischen oder pflegerischen Personals, ungleiche Behandlung oder Verweigerung von Leistungen äußern. Auch Fehldiagnosen aufgrund stereotypisierender Zuschreibungen geben sie als möglichen Grund an.

Neben einer Behinderung oder chronischen Erkrankung gaben Betroffene an, dies vor allem aufgrund ihrer (ethnischen) Herkunft oder aus rassistischen Gründen (27,6 Prozent), ihres Geschlechts oder ihrer Geschlechtsidentität (18,7 Prozent), ihres Aussehens (18,2 Prozent) oder ihres Lebensalters (15,4 Prozent) erlebt zu haben.

Weitere Diskriminierungsmerkmale waren etwa der sozioökonomische Status, die sexuelle Orientierung, die Religion oder Weltanschauung oder auch die Art der Krankenkasse: Gesetzlich Versicherte fühlen sich demnach oft aufgrund der Terminvergabe gegenüber Privatversicherten benachteiligt.

Diskriminierung im Gesundheitswesen kann darüber hinaus auch aufgrund des Familienstandes geschehen, wie ein Fallbeispiel aus der Beratung zeigt, das Ferda Ataman, unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, bei der heutigen Präsentation der Sonderauswertung in Berlin vorstellte.

Demnach meldete sich eine Chirurgin in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und berichtete, dass sie nach der Elternzeit keine Operationen mehr zugeteilt bekäme – weil sie sich laut Chefarzt „gegen die Karriere entschieden“ habe. „Es ist schwer vorstellbar, dass er das auch bei einem männlichen Kollegen so sieht, wenn er Kinder bekommt“, sagte Ataman.

Täglich machten Menschen Diskriminierungserfahrungen, umgerechnet auf die erwachsene Bevölkerung seien dies neun Millionen Menschen in nur einem Jahr. „Diskriminierung ist in Deutschland kein Einzelfall, sondern ein Massenphänomen“, betonte die Antidiskriminierungsbeauftragte.

Sie plädierte dafür, die im Koalitionsvertrag angekündigte Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) zügig umzusetzen. „Die Bundesregierung kann jetzt zeigen, dass sie es mit der Reform ernst meint“, sagte Ataman. Betroffene bräuchten zudem mehr Unterstützung, um gegen Diskriminierung vorzugehen.

„Viele Menschen machen Diskriminierung mit sich allein aus – auch, weil es zu wenig Beratung gibt, die rechtliche Lage nicht bekannt ist und das Recht es Menschen oft schwer macht, sich zu wehren“, so Ataman. „Die allermeisten Fälle von Diskriminierung bleiben in Deutschland ohne Konsequenzen.“ Unter anderem auch, da das AGG in vielen Lebensbereichen nur einen schwachen Schutz vor Diskriminierung biete.

Diskriminierung hat Auswirkungen auf Gesundheit

Die Sonderauswertung des DeZim zeigt daneben auch, dass die Diskriminierungserfahrungen insbesondere im Bereich Gesundheit und Pflege gravierende Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit der Betroffenen haben können.

„Unsere Analyse zeigt klar, dass Diskriminierung negativ mit verschiedenen Gesundheitsindikatoren, emotionalem Wohlbefinden und Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zusammenhängt“, sagte Samera Bartsch, Studienautorin und assoziiertes Mitglied in der Abteilung Konsens und Konflikt des DeZim, bei der Ergebnispräsentation.

Betroffene berichteten in der Befragung von schlechterer Gesundheit, geringerer Lebenszufriedenheit und psychischer Belastung. Demnach ist es wahrscheinlicher, dass Menschen, die Diskriminierung erlebt haben, ihren Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht einschätzen (24,7 Prozent) als Personen ohne Diskriminierungserfahrungen (14 Prozent).

Daneben ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich diskriminierte Menschen ängstlich, einsam oder traurig fühlen, doppelt so hoch wie bei Menschen, die nicht von Diskriminierung betroffen sind. Sie sind zudem weniger zufrieden. All dies kann sich den Studienautorinnen zufolge auf das Vertrauen in den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken.

Die Sonderauswertung „Wie Deutschland Diskriminierung erlebt. Befunde aus der SOEP-Hauptbefragung“ des DeZim wurde im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle erstellt. Sie basiert auf den Daten der SOEP-Hauptbefragung. In der größten repräsentativen Langzeitstudie, die die Lebensbedingungen in Deutschland untersucht, werden jährlich rund 30.000 Menschen befragt. Erstmals wurden 2023 auch Daten zur Diskriminierung in Deutschland erhoben.

nfs

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