MVZ-Verband will Finanzreform für mehr Ambulantisierung nutzen

Berlin – Die anliegenden Strukturreformen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) müssen neben der rein finanziellen Konsolidierung auch für eine weitere Ambulantisierung genutzt werden. Das fordert der Bundesverband der Betreiber medizinischer Versorgungszentren (BBMV).
„Alle Maßnahmen zur Kostensenkung sollten so ausgestaltet sein, dass sie die Verlagerung von Leistungen in den ambulanten Sektor unterstützen“, erklärte die BBMV-Vorsitzende, Sibylle Strauch-Eckmann, heute in Berlin.
Dazu brauche es einen umfassenden „Masterplan Ambulantisierung“, der eine Koordinierung der durchzuführenden Maßnahmen gewährleiste. Diese fehle bisher.
„Die Ambulantisierung darf nicht nur aus den Krankenhäusern heraus gedacht werden, sondern muss den ambulanten Sektor stärken“, forderte Stauch-Eckmann. Im Moment befürchte sie eher eine gegenteilige Entwicklung. Medizinische Versorgungszentren (MVZ) hätten durch Größe und Struktur beste Voraussetzungen für eine funktionierende intersektorale Versorgung. Ihr Verband wolle sich hier aktiv in den politischen Prozess einbringen.
Sie bedauere, dass die 66 Empfehlungen der GKV-Finanzkommission noch keine Strategie erkennen ließen und keinen holistischen Ansatz verfolge. „Das ist null strategisch, sondern nur eine Kollekte“, pflichtete ihr Gesundheitsökonom Andreas Beivers von der Hochschule Fresenius bei.
Auch er kritisierte ein fehlendes Gesamtkonzept. So sei es wichtig, Ambulantisierung als umfassenden Prozess zu begreifen, bei dem es nicht nur darum gehe, Behandlungsfälle aus dem stationären Bereich herauszusteuern. „Derzeit enden die Reformbemühungen an der dual geförderten Krankenhaustür“, sagte er.
Vielmehr müsse der ambulante Sektor aber dahingehend gestärkt werden, dass er diese Fälle zusätzlich aufnehmen kann. Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zufolge handele es sich um bis zu 57 Prozent aller heute stationär behandelten Fälle.
Ein zentraler Bedarf sei dabei, adäquate Nachsorgestrukturen für diejenigen Patienten aufzubauen, die derzeit noch rein stationär behandelt werden. „Wir müssen ein ambulantes Entlassmanagement aufbauen“, forderte er.
Dafür erhielt er Unterstützung von Stauch-Eckmann sowie dem Hauptgeschäftsführer und Justiziar des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, Joachim Schütz. Es müssten Strukturen geschaffen werden, die auch tragfähig für die Menge an ambulantisierten Patientinnen und Patienten sind, forderte Schütz. Dazu müsse zudem der Datenfluss zwischen ambulantem und stationärem Sektor endlich verbessert werden. Dieser sei „eine Katastrophe“, kritisierte er.
Darüber hinaus dürften aber auch grundlegende Reformen nicht aus dem Auge verloren werden, betonte die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsbundestagsfraktion, Simone Borchardt. „Die Krux ist, dass wir Strukturen und Leistungen haben, die seit 40 Jahren nicht angerührt wurden“, sagte sie. „Wir sind teuer, aber nicht gut. Wir sind das einzige Land ohne Steuerungsstrukturen.“
Das deutsche Gesundheitswesen sei an vielen Stellen „ein Selbstbedienungsladen.“ Eine stärkere Regulierung von MVZ hingegen sei derzeit nicht im Gespräch.
Ebenso deutlich verlangte Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, solche Reformen. Das deutsche Gesundheitswesen sei in den vergangenen Jahren stark zurückgefallen. „Wenn wir ehrlich sind, hat in Europa nur der ehemalige Ostblock schlechtere Ergebnisse als wir“, unterstrich er.
Die Herausforderung sei nun, dass kurzfristig große Summen eingespart werden müssen, die Vorschläge für tiefgreifende Strukturreformen aber erst am Jahresende erwartet werden. Bis zu den notwendigen Strukturreformen bringe man mit den Einsparungen aber bereits „die Leistungserbringer an den Rand der Verzweiflung“, sagte er. „Der Konsolidierungsprozess muss so ausgestaltet werden, dass er den Strukturwandel nicht behindert.“ Das sei eine der schwersten politischen Aufgaben, die es derzeit gibt.
Zudem müssten dabei auch realistische Erwartungen geweckt werden. Das sehe man beim geplanten Primärversorgungssystem. Er halte es für extrem unwahrscheinlich, dass dieses bis 2028 implementiert werden kann. So sei die Funktionsfähigkeit der nötigen Terminsoftware nicht vor 2030 zu gewährleisten – und das Primärversorgungssystem selbst dementsprechend auch nicht.
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