Nachhaltigkeit: Gemeinschaftsverpflegung als großer Hebel

Berlin – Die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind in der politischen Debatte weit nach hinten gerückt – doch die Probleme sind aufgrund der internationalen Krisen nicht verschwunden. Wie das Thema Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen weiterhin adressiert werden kann, darüber tauschten sich Expertinnen und Experten Anfang der Woche bei der Clean Med Konferenz in Berlin aus. Dabei müsse sich vor allem die Kommunikation ändern.
„Nachhaltigkeit ist in der Politik gerade eher ein unsexy Thema", erklärte CDU-Bundestagsabgeordneter Sascha van Beek. Zwar gäbe es noch genügend Politikerinnen und Politiker – „weiterhin auch aus meiner Partei“ – die sich für das Thema einsetzten. Aus seiner Sicht müsse Nachhaltigkeit viel mehr mit den Stichwörtern Wohlstand, Innovationen, Kostenreduktion sowie auch Resilienz und Sicherheit verknüpft werden. „Es steckt sehr viel Potential in der Frage nach Gesundheitssicherheit, wenn wir da auch über Nachhaltigkeit sprechen.“
Um trotz gesellschaftlicher Müdigkeit bei der Debatte im Gesundheitswesen voran zu kommen, müsse das Bundesgesundheitsministerium (BMG) inhaltlich klar voran gehen, forderte Dorothea Baltruks, Leiterin des Centre for Planetary Health Policy (CPHP), in einer Podiumsdiskussion. Aus ihrer Sicht wollten die Menschen mehr Klimaschutz, nur die Gestaltung und Implementierung im System ist noch nicht ausdiskutiert und an vielen Stellen auch schwierig umsetzbar. Dafür benötige es neben dem Ministerium auch die Selbstverwaltung, betont sie.
Da sechs Prozent der Emissionen aus dem Gesundheitsbereich kommen, müssten hier alle Bereiche genauer angesehen werden, betonte van Beek. „Gerade bei den Lieferketten der Arzneimittelproduktion muss man sich das einmal anschauen“, erklärte der Bundestagsabgeordnete und verwies auf eine Studie der AOK Baden-Württemberg dazu.
Verpflegung ist ein konkreter Hebel
Eine große Chance für mehr Nachhaltigkeit und Reduktion von Emissionen im Gesundheitsbereich sahen die Expertinnen und Experten im Bereich der Verpflegung. Insgesamt 17 Millionen Menschen essen täglich mindestens eine Mahlzeit in Gemeinschaftseinrichtungen, hieß es. Daher sei hier aktuell ein großer Hebel, Veränderungen zu erreichen. Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen, setzen bereits unterschiedliche Regularien für sich um.
In einer noch laufenden Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und der Deutschen Allianz Klima und Gesundheit (KLUG) unter 300 Krankenhäusern werde gerade zusammengestellt, wie die Verpflegung für Mitarbeitende wie Patientinnen und Patienten verbessert werden kann, berichtete Maike Visarius, Referentin bei der DKG. Dabei gehe es um das Wohlbefinden der Menschen in den Krankenhäusern sowie die Reduktion von Emissionen. Als Ergebnis der Befragung will die DKG viele Beispiele von Häusern, in denen es gut läuft, aufzeigen.
Auch werde gerade in Modellregionen daran gearbeitet, wie man beispielsweise regionale Lieferketten aufbauen kann. So solle es auch Beispiele für ländliche und städtische Regionen geben, berichtete Visarius. Zudem müsse betrachtet werden, welche Regularien im Bereich Verpflegung den Nachhaltigkeitszielen noch im Wege stehen. Die DKG wolle dies dann gegenüber der Politik artikulieren, um hier Veränderungen zu erreichen.
Abschaffung von Tabletts
Petra Becker, Geschäftsführerin der Dr. Becker Unternehmensgruppe, die vor allem Reha-Kliniken betreibt, setzte bereits mehrere nachhaltige Projekte im Klinikalltag um. Aus der Überlegung, wie sich der Verpflegungsprozess im Krankenhaus nachhaltiger gestalten ließe, sei beispielsweise die Idee entstanden, auf das Tablett, auf dem das Essen typischerweise serviert werde, zu verzichten.
Becker erklärte, dass so Patientinnen und Patienten sich entweder weniger Nahrung beziehungsweise nur so viel nähmen, wie sie tatsächlich essen und tragen könnten. Zum anderen entfalle die Reinigung der Tabletts und damit der damit verbundene Wasserverbrauch in der Küche. Eine weitere Maßnahme sei die Reduzierung des Fleischanteils gewesen. „Das haben wir umgesetzt, ohne es auf Plakate zu schreiben.“ Nur wenige hätten es gemerkt, einen großen Aufschrei habe es nicht gegeben.
Bei Gebäuden sind Kommunen am Zug
Schwieriger wird die Umsetzung der Klima- und Nachhaltigkeitsziele bei den Immobilien, in denen Kliniken – aber auch Reha- und Sozialeinrichtungen sowie Pflegeheime – beheimatet sind.
Wo die Verantwortung für die Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen liegt, darüber gingen die Einschätzungen der Diskutierenden jedoch auseinander. CDU-Politiker van Beek sieht den Auftrag an die Politik zumindest im Bereich der Klimaanpassung bereits als erteilt. Mit dem Klimaanpassungsgesetz, das im Juli 2024 in Kraft getreten ist, sei der bundespolitische Rahmen ausreichend vorgegeben.
Nun gehe es aus seiner Sicht vor allem um die Umsetzung vor Ort. Beim Hitzeschutz beispielsweise gehe es um eine gemeinschaftliche Finanzierung mit den Kommunen, dort liege auch die Verantwortung dafür. Der Bund solle sich hier, so van Beek, nicht einmischen, da dies letztlich Aufgabe der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sei.
Bessere Rahmenbedingungen vom Bund schaffen
Dorothea Baltruks appelliert auf Bundesebene nicht nur Rahmen, sondern auch Maßnahmen zu definieren. Im Juni veröffentlichten sie am CPHP ein Eckpunktepapier zur „Nachhaltigkeit im deutschen Gesundheitssystem“. In diesem wird in neun Punkten dargelegt, wie das Gesundheitswesen sich grundlegend transformieren sollte, um nachhaltig und klimaneutral zu werden.
Unter dem Punkt „Rahmenbedingungen für die Transformation schaffen“ geht es zunächst um geeignete Strukturen. Durch eine sogenannte „Governance-Struktur“ könnten relevante Akteure aus „Politik, Selbstverwaltung, Behörden, Wissenschaft, Beratung, Fachgesellschaften, Verbänden, Patientenvertretung und Zivilgesellschaft“ gemeinsam an der Entwicklung und Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie mitwirken. Aktuell agieren viele fragmentiert und ohne übergreifende Koordination.
Ein anderer Punkt „Digitalisierung als Chance für Ressourcenschonung und Effizienzsteigerung“ befasst sich mit der Frage, wie digitale Anwendungen dazu beitragen können, Ressourcen und Emissionen einzusparen. Viele Prozesse erfolgen noch analog und in Papierform oder sind nur teilweise digitalisiert. Eine konsequente Digitalisierung könnte dazu beitragen die Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen zu erhöhen.
Das Eckpunktepapier soll, so heißt es, „eine erste Antwort geben“. Es formuliere „keinen abschließenden Maßnahmenplan, sondern benennt die wesentlichen Handlungsbedarfe, strukturellen Voraussetzungen und strategischen Leitlinien“.
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